3Sogar hier draußen vor der Stadt spukt er wie ein unsichtbarer Geist durch die Hütten. Hier, wo das schwarze Brackwasser nicht nur vor den Häusern steht, sondern auch zwischen ihnen, unter ihnen, in ihnen, hier sprechen sie noch zweifelnd und leise über diesen Geist. Es ist nicht ganz klar, wer ihn gegen sie heraufbeschworen hat. Aber, ja, auch in Makoko, dem riesigen Slum aus windschiefen Pfahlbauten in der stinkenden Lagune vor Nigerias Millionenmetropole Lagos, haben sie schon vom Klimawandel gehört.
Dorfoberhaupt Emmanuel Shamade, ein stämmiger Mittfünfziger im weiten, bunten Hemd, sitzt auf der Bank im düsteren Obergeschoss seines Diensthauses, eins der wenigen mit zwei Etagen. Zwischen 100.000 und einer halben Million Menschen leben heute auf dem Wasser der Lagune, sagt er. Genauer weiß man das nicht, weil sich die Stadt Lagos nicht für sie interessiert. Sie sieht zu, wie in Makoko Hütte für Hütte auf Pfählen in die Lagune gebaut wird, wie das Wasser immer schwärzer aussieht und immer fauliger riecht. Wo es sich staut, schwimmen Müll und Fäkalien. Kinder, die trotzdem darin baden, haben danach oft Würmer in der Haut.
„Doch wohin sollen wir sonst?“, fragt Chief Shamade. Wird sind Fischer, wie die Väter unserer Väter, die vor 70 Jahren die ersten Pfähle in den Strand schlugen und Dielen darauf nagelten, weil der Platz an der Küste zu eng wurde. Seither wuchert Makoko in die Lagune am Atlantik, während das Meer immer mehr vom Strand auffrisst. Auf der anderen Seite der Bucht wuchsen Wolkenkratzer, Banken, später Villen und Golfplätze. Lagos wurde zu einer der Wirtschaftshauptstädte Afrikas, verdiente am Handel und vor allem an der Öl-Förderung im Niger-Delta. Nigeria ist der achtgrößte Ölexporteur der Welt. Aber in Dörfern wie Makoko blieben die Menschen arm. 80 Prozent der Nigerianer fehlt regelmäßiger Zugang zu Strom und Treibstoff.
Kein Leben im Lagunenwasser
Durch die Bretterwand in Chief Shamades Hütte dringt Geruch von Qualm und Moder. Er erzählt davon, wie er zum ersten Mal von diesem Phantom hörte. Mitarbeiter einer Hilfsorganisation vom Festland kamen, um ihn zu warnen: Ihr müsst eure Häuser höher bauen, der Klimawandel lässt das Meer ansteigen. Shamade winkte ab. Sie wollten den Menschen in Makoko nur Angst machen, um sie aus der Bucht zu vertreiben, dachte er. Inzwischen ist er sich nicht mehr so sicher. Nach der jüngsten Regenzeit ging das Meer nicht mehr zurück wie früher. In der Schule wird seitdem im Obergeschoss unterrichtet. Unten blieb der Boden überflutet.
Vielleicht sah es einst malerisch aus, wie die Fischer am Morgen mit vollen Netzen heimkamen; wie die Frauen ihre Gondeln geschickt mit langen Holzstaken durch das tropische Venedig manövrierten. Heute ist im Lagunenwasser kein Leben mehr, die Fischer müssen immer weiter hinaus auf den Atlantik. Auch dort werden die Fische weniger, sagt der Chief. Er habe gehört, auch das liege am Klimawandel. Es soll mit dem Dreck zu tun haben, den die Autos in Europa und Amerika in die Luft blasen, sagt Shamade, und hebt die Brauen, als könne er so das Phantom beschwören.
Vielleicht ist es ja tatsächlich so. Auch über das Schicksal der Hunderttausenden in Makoko wird verhandelt, wenn am Wochenende Politiker, Umweltschützer und Lobbyisten aus aller Welt nach Cancún in Mexiko reisen. Wieder berät die Welt auf einem Klimagipfel, wie es nach Auslaufen des Kyoto-Protokolls 2012 weitergehen kann. Darin hatten sich die Industrieländer verpflichtet, gegenüber 1990 durchschnittlich 5,2 Prozent weniger Treibhausgase pro Jahr auszustoßen. Es war ein kleiner Schritt, denn selbst wenn der Norden den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen sofort komplett einstellen würde, würde es rund hundert Jahre dauern, bis die Temperaturen auf der Welt nicht mehr steigen und Gletscher und Polkappen nicht mehr schmelzen.
Wenn das Ziel vom Klimagipfel in Kopenhagen 2009 noch erreicht würde und sich die Erde in diesem Jahrhundert nur um zwei Grad Celsius erwärmt, steigt der Meeresspiegel wahrscheinlich um zwei, drei Meter, sagen Wissenschaftler. Das sei noch verkraftbar. Nur: Makoko würde dann wegspült. Hunderttausende müssten nach Lagos fliehen, das bis 2015 ohnehin zur drittgrößten Stadt der Welt anwachsen wird. Und an dessen Küsten längst schon der Atlantik frisst. Lagos liegt nur knapp über dem Meeresspiegel. Doch Nigeria ist groß. Auf der zweieinhalbfachen Größe Deutschlands leben im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas rund 155 Millionen Menschen. Genaue Zahlen gibt es nicht, nur Schätzungen.
Mit dem Auto fährt man von Lagos im Südwesten einen ganzen Tag bis in die Sahelzone, wo das Land an den Niger grenzt. Im Norden, aus der Umgebung der Stadt Yobe, stammt die Familie von Kire Audu. Er selbst lebt heute als Bauer weiter südlich, näher an der Hauptstadt Abuja, in der Savanne. Sein Hof ist leicht zu finden: Während die Umgebung staubig und baumlos ist, sind Audus Lehmhäuser von dunkelgrünen Pflanzen und hohen Bäumen umgeben. „Das ist kein Zufall“, sagt er, „die Bäume habe ich gepflanzt, gepflegt und davor geschützt, dass sie für Feuerholz gefällt werden.“
Die Macht jenes unheilvollen Geistes
Obwohl er nie im Norden gewesen sei, so hätten doch seine Großeltern die Macht jenes unheilvollen Geistes mit eigenen Augen gesehen und davon berichtet: Wie die Regenzeit kürzer wurde. Wie die Ernten magerer wurden. Wie sich die Wüste nach jeder Dürre weiter nach Süden ausgedehnt hatte. Allein im Grenzland von Niger und Nigeria finden sich heute die Ruinen von rund 200 Dörfern im Wüstensand, berichten Umweltorganisationen. Auch Audus Großeltern hatten kaum noch Futter und Wasser für ihre Rinder. Also zogen sie nach Süden. Doch die Angst vor dem, was sie vertrieben hatte, saß ihnen für immer im Nacken. „Sie erzählten uns davon, wie zuerst die Bäume verschwanden, dann das Gras und dann die Erde“, sagt Audu. „Als das dann auch im Dorf meiner Eltern begann, zog auch ich nach Süden. Hierher.“ Hier würde er nicht zulassen, dass jemand die Bäume vor seinem Hof fällt.
Doch es sind bereits die letzten der Umgebung, von den Mangobäumen abgesehen, deren Früchte auf dem Markt verkauft werden. Ob er sich so gegen das stemmen kann, was da aus dem Norden auf ihn zuzukommen scheint? „Das liegt in Gottes Hand“, sagt Audu.
Im Dörfchen Cifatake, nur zwei Autostunden entfernt, ist man weniger gelassen. Hier ist der Klimawandel kein Phantom mehr. Das versucht Mustapha Hauwa von der Hilfsorganisation Tubali den Bauern klarzumachen. „Ihr müsst von Mais auf Yamswurzeln umsteigen, für Mais wird das Wasser künftig nicht reichen“, sagt er ihnen. „Und lasst euch nicht von irgendwelchen Papieren beeindrucken, die euch die Holzhändler zeigen! Die dürfen hier nichts abholzen, das ist verboten!“
Im mexikanischen Cancún findet vom 29. November bis zum 10. Dezember der nächste Klimagipfel mit Delegierten aus 194 Ländern statt.
Die Vertragsstaaten, einschließlich der EU, müssen sich in dem Badeort auf eine Weiterführung des Kyoto-Protokolls für die Zeit nach 2013 einigen. Es geht dabei vor allem um die Senkung der Treibhausgase.
In Vorgesprächen wurden jedoch schon alle großen Erwartungen gedämpft. Die UN gaben bereits bekannt, dass auf dieser 16. UN-Klimakonferenz (COP-16) kein verbindliches Abkommen angestrebt werde. Vielmehr gehe es um „Eckpunkte“, die als Grundlage für einen zukünftigen „Weltklimavertrag“ dienen könnten. Schon die letzte Konferenz in Kopenhagen war eine Enttäuschung. Mehr als unverbindliche Zugeständnisse kamen nicht zustande. Große Bremser sind derzeit vor allem die USA und China. FR
Die Welt erlebt immer mehr Stürme, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen. Kippt das Klima der Erde - und ist der Mensch schuld? Diskussion, Hintergründe, Studien, Umweltszenarien, interaktive Grafiken, Videos, Fotostrecken, Karikaturen und mehr...
Die Bauern nicken. Unter ihnen ist auch Aliyu Mallam, 47, Mann von zwei Frauen und Vater von 12 Kindern. Er sorgt sich um seine Hirse-Felder. „Wir brauchen mehr Dünger“, beklagt er sich. „Der Kuhmist, der unseren Großvätern noch gereicht hat, genügt schon lange nicht mehr für eine gute Ernte.“ Auch das liegt am Klimawandel, sagt Hauwa. Seine Organisation weiß aus Wetterdaten, dass die Regenzeit in den letzten 30 Jahren immer kürzer wurde, der Regen aber heftiger. Das wasche die trockenen Böden aus.
Doch so wie die Felder vertrocknen, passiert das auch mit den Weiden der Umgebung. „Inzwischen rücken die Routen der Fulani-Viehhirten immer näher an unsere Felder“, klagt Bauer Mallam. Noch habe es keinen Ärger gegeben, aber südlich von hier liefern sich Viehhirten und Bauern blutige bewaffnete Kämpfe um Land und Wasser.
Europas Medien erklären die Konflikte dann meist als Kämpfe zwischen Christen und Moslems, weil die Religion oft als Anlass herhalten muss. „In meinem Brunnen“, sagt Mallam schulterzuckend auf die Frage, ob er Angst vor solchen Konflikten hat, „ist genug Wasser.“ – „Noch“, sagt Entwicklungshelfer Hauwa. Der Bauer tätschelt ihm die Schulter. Er solle bis zum Abend bleiben, dann könne er das Premiere-League-Spiel mit ihm ansehen.
„Tja, alle hier werfen abends den Generator an, um fernzusehen“, sagt Hauwa mit schuldbewusstem Grinsen. „So trägt auch Cifitake leider seinen Teil zum Klimawandel bei.“ Abends sind die Bauernhöfe eingehüllt im Qualm der Lagerfeuer und Benzinabgase. Hauwa hat noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.
In Nigerias Hauptstadt denkt man in anderen Dimensionen. Abuja wurde in 30 Jahren am Reißbrett erdacht und aus dem Nichts ins Zentrum des Landes gebaut. Heute leben 1,5 Millionen Menschen in der sauberen Stadt. Ebenso rasant stellt sich die Regierung den Einstieg ins Zeitalter der erneuerbaren Energie vor. „Wir wollen Nigeria bis 2030 auf eine CO2-freie Energieversorgung umstellen“, sagt Victor Fodeke, Leiter der Klimaschutzabteilung im Umweltministerium. Durch massiven Ausbau der Wind-, Sonnen-, Wasser- und auch Atomkraft werde man so auch das Problem lösen, dass heute so viele Nigerianer keinen Zugang zu Energie haben.
Erneuerbare Energie
Wenn Yahaya Ahmed derlei Versprechen hört, wird er wütend. Rein gar nichts tue die Regierung für mehr erneuerbare Energie. Der Nigerianer hat 15 Jahre lang in Deutschland gelebt, zuerst als Student, dann als Ingenieur und schließlich als Wissenschaftsjournalist. Er hat so oft darüber berichtet, dass gerade in der afrikanischen Wirtschaftsmacht Nigeria die Menschen ohne Strom auskommen müssen, dass sie das Klima mit Generatoren und Lagerfeuern schädigen.
Irgendwann wollte er selbst eingreifen. Ende 2004 kaufte er von seinem eigenen Geld 50 Solarkocher für Nigeria: Parabolspiegel mit drei Meter Radius und einer Kochstelle in der Mitte. Er brachte die Geräte selbst in seine Heimat im Bundesstaat Kaduna, fuhr von Dorf zu Dorf, verschenkte die Solarkocher, bewarb das CO2-freie Kochen. Und scheiterte. „Die Frauen kochen hier abends, dann scheint keine Sonne“, sagt er heute. „Vielen ist es auch peinlich, vor der Hütte zu kochen. Anderen fehlte am Essen der Rauchgeschmack des Feuers.“
Ahmed hebt die Schultern. Es ist nicht leicht, ein Klima-Retter zu sein. Aber er gibt nicht auf: Inzwischen hat er einen energieeffizienten Feuerholz-Ofen aus wärme-isoliertem Metall aufgetan, dessen Einzelteile er aus Deutschland importiert. Die Frauen sparen 80 Prozent Holz beim Kochen. Vom ersparten Geld können sie bei Ahmeds Hilfsorganisation den Preis für den Herd abstottern. Seit März 2008 hat er 3400 der Öfen verkauft, seit einem Jahr fördert das UN-Klimaschutzprogramm sein Projekt. In insgesamt zehn Jahren wird er für mehr als 30.000 Tonnen CO2-Einsparung in Nigeria gesorgt haben.
„Das ist das einzige Klimaschutzprojekt in unserem Land, das funktioniert“, sagt Ahmed. Die Regierung kündige immer viel für den Klimaschutz an. „Am Ende weiß sie aber, dass ihr die Ölförderung im Niger-Delta Millionen Dollar einbringt. Warum sollte sie da auf Solarkraft umsteigen?“
Auch in Lagos lässt sich bestaunen, wie reich das Öl die Spekulanten und Händler macht. „Hollywood“ nennen die Leute das Villenviertel am Atlantik, wo die oberen Zehntausend wohnen. Doch auch die sind nicht sicher vor dem launischen Geist, den sie heraufbeschwören. Weil der Sand für den Beton ihrer Villen aus dem Meer geholt wird, werden die Wellen immer mächtiger. Vor zehn Jahren war der Strand 200 Meter entfernt, heute schwappt das Meer gegen die Grundstücksmauern. Die Immobilienpreise verfallen. Die Reichen ziehen weiter. Irgendwann scheint hier jeder auf der Flucht zu sein.
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