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Burghart Klaußner: Der große Unbekannte

Gemessen an seinen Rollen müsste Burghart Klaußner ein Star sein, einer, nach dem man sich in der Einkaufspassage umdreht. Der Schauspieler begeistert zurzeit im Kino – einmal mehr.

Er ist nicht immer so gelassen, wie es scheint: „Ich bin Choleriker“, sagt Burghart Klaußner.
Er ist nicht immer so gelassen, wie es scheint: „Ich bin Choleriker“, sagt Burghart Klaußner.
Foto: dpa

Fantastisch. Mal wieder Klaußner gesehen, dieses Mal in „Das letzte Schweigen“. Filme, in denen er mitspielt, sind allein deshalb sehenswert – wenn man jemand ist, der sich auch und besonders an Schauspielkunst erfreuen kann. Noch am selben Tag mit ihm telefoniert, Interview.

Burghart Klaußner, 60 Jahre alt, seit jungen Jahren im Theater erfolgreich, Filmkarriere erst ab 40, sagt: „So ganz habe ich mich noch nicht an meine Popularität gewöhnt.“

Zur Person

Burghart Klaußner, geboren am 13. September 1949 in Berlin, studierte am Max-Reinhardt-Seminar und war unter anderem an den Schaupielhäusern in Frankfurt am Main, Bochum, Hamburg und Zürich zu sehen.
Als Regisseur hat er sich auch einen Namen gemacht und arbeitet zudem als Autor. 2009 inszenierte er in Bochum sein eigenes Stück „Marigold“.
Seine Filmkarriere begann spät, dafür wirkte er in vielen erfolgreichen Filmen mit (u.a. „Rossini“, „Das weiße Band“). Er wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Deutschen Filmpreis 2010.
Im Krimi „Das letzte Schweigen“ ist er zurzeit als Kommissar zu sehen.
Der zweifache Familienvater lebt in Hamburg. cob

Popularität ist relativ. An seinen Filmen und Rollen gemessen, müsste Klaußner ein Star sein. „Good Bye Lenin“, „Requiem“, „Der Vorleser“, „Das weiße Band“. Dass er trotzdem keiner ist, nach dem sich ein Einkaufspassagenpublikum umdreht, könnte man schon als Zeichen seiner Qualität deuten.

Er dauert zwei Sekunden, dieser eine Moment in „Das letzte Schweigen“, in dem die große Kunst des Burghart Klaußner besonders deutlich wird, obwohl, oder besser: weil sie sich einem nicht aufdrängt. Ansonsten ist „Das letzte Schweigen“, zurzeit im Kino zu sehen, sehr aufdringlich: ein Krimimelodram über einen Sexualmörder, das unter 16 Tonnen Pathos seine Figuren erdrückt.

In diesem einen Moment aber, in dem in Klaußners Figur, einem Hauptkommissar, eine Hoffnung stirbt, verleiht sein Gesicht dem Film Leben. Ein Klaußner-Moment. Zwei Sekunden nur. Es gibt nicht viele, die mit solch sparsamer Mimik große Wirkung erzielen.

Für den Wahnsinn sind andere zuständig, die barocken Naturgewalten wie Josef Bierbichler, Thomas Thieme, oder die, deren Augen schon wie Fenster zum Abgrund erscheinen: Martin Wuttke, Ulrich Matthes. Allesamt ganz Große, fraglos, auf der Bühne wie im Film. Die damit aber auch nicht hinterm Berg halten, eben weil sie jeden Berg in den Schatten stellen.

Um im Bild zu bleiben: Klaußner agiert im Schatten, dort wo jene Alltagsexistenzen, die er schon von seiner Erscheinung her verkörpert, am meisten Unheil anrichten. Seine berühmteste Rolle ist dafür das beste Beispiel: der Pastor in Michael Hanekes mehrfach preisgekröntem Film „Das weiße Band“, einem Soziogramm des Kaiserreichs in den Vortagen des Ersten Weltkriegs.

Klaußners Pastor ist ein Tugendterrorist, ein unerschütterlich selbstgewisser, hinter dessen Sanftmut eine destruktive Gewalt wirkt, kein schwarzer Pädagoge also, eher ein eisgrauer, der von der Reinheit seiner Nächstenliebe so überzeugt ist, dass er die Seelenqualen, die er in seinen eigenen Kindern auslöst, nicht spürt.

„Und doch will dieser Pastor seine Kinder vor dem Übel bewahren“, sagt Klaußner. Er betont das stets, seit er dank dieser Rolle mit einem Bein im Rampenlicht steht. Er müsste es gar nicht betonen. Man hat das Drama dieser Figur gesehen. Klaußner-Momente.

In ihm lauert ja auch etwas. Er sei eigentlich Choleriker, sagt er, Dampf ablassen befreie. Zuweilen muss er sich immer noch zu Gelassenheit zwingen; dann hilft ihm die Einsicht, dass Choleriker das, was sie erzürnt, mit ihrem Zorn noch schlimmer machen. Besonders ärgerlich ist das, wenn sie Perfektionisten sind. „Ich bin Perfektionist“, sagt Klaußner.

Der große George Tabori hat ihn „Always No“ genannt, frei übersetzt: einen Immer-Nein-Sager. Denn das ist er auch, einer, der sich keine Vorschriften machen lassen will, der überzeugt werden will, von einem Regisseur, von einem Kollegen. Er hat sich früh schon aufgelehnt gegen vorgesetzte Autoritäten.

Der Großvater war Wirt, die Eltern waren Wirtsleute, Klaußner, Jahrgang 1949, verbringt die Kindheit in seiner Heimatstadt Berlin, die Jugend in München. Schon in der Schule spürt er den Drang zum Theater.

Die Eltern legen ihm keine Steine in den Weg. Es ist die Lebenshaltung ihrer Generation, Eigennutz und Gleichgültigkeit, woran er sich abarbeitet wie viele seiner Generation. Protest versus Protestantimus, Selbstsuche versus Zwänge – „und immer mit dem Drang, die Dinge zu verstehen, sie zu durchdringen. Deduktiv, induktiv.“ Er gerät ins Dozieren, abstrahiert, wenn er auf Sturm und Drang im eigenen Leben blickt, auf die Zumutungen, die Ungerechtigkeiten. Eine ist, dass er, obwohl in jungen Jahren schon erfolgreich auf der Bühne, spät erst für den Film entdeckt worden ist. Dass es noch geschah, empfindet er als Glück, die Distanz zum Theaterbetrieb, zur Politik der aufgeblasenen Egos war nötig. Er sagt es auch so: „Am Filmset geht man höflicher miteinander um.“

Es war Anfang des Jahres, als er dieses Glück der allgemeinen Anerkennung öffentlich teilte und dies sichtlich genoss. Er war mit dem Deutschen Filmpreis geehrt worden für seinen Pastor im „Weißen Band“ und stand nun da auf der Bühne und kriegte sich nicht ein, verwirrte sich ohne Punkt und Komma und stemmte schließlich den Preis in die Höhe, als wollte er allen bedeuten: Seht her, ich hab’s geschafft.

Irritierend war die triumphale Geste schon, so gar kein Klaußner-Moment. Vielleicht hatte er einen im Tee. Aber so kann’s einem ergehen, wenn man ein famoser Schauspieler ist: Irgendwann erliegen selbst die Bewunderer dem Trugschluss, dass der Bewunderte nur deshalb so gut sein kann, weil er sich selbst spielt.

„Herr Klaußner, welchen Schauspieler bewundern Sie?“

„Kevin Spacey.“

Damit wäre auch alles gesagt.

Autor:  Mark Obert
Datum:  20 | 8 | 2010
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