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Islam-Angst: Der Halbmond ist aufgegangen

Sie haben Angst vor dem Islam und Sorgen ums Abendland. Jörg Schindler traf Deutsche, die glauben, sich und die Freiheit verteidigen zu müssen.

Die Sueleymaniye-Moschee in Istanbul.
Die Sueleymaniye-Moschee in Istanbul.
Foto: dapd

In der Hamburger Frustbergstraße trägt die Angst an diesem Abend Anzug und Krawatte. Viele Männer in feinem Tuch und einige wenige Frauen haben ihren Weg ins Stavenhagenhaus gefunden, einen braunen Klinkerbau im Norden der Hansestadt, in dem man zwischen Standuhren, Topfpflanzen und Schiffsszenen in Öl auch heiraten kann.

Es ist ein herrlicher Frühsommerabend im Stadtteil Groß Borstel, üppiges Grün umrankt adrette Großstadtvillen, die Limousinen sind gewienert, Vögel zwitschern. Es gibt wenig, wovor man hier Angst haben könnte, außer vielleicht davor, durch einen Hundehaufen zu glitschen.

Dennoch sind die rund 50 Menschen hier besorgt. Manche von ihnen haben vorab Kurzprofile von sich eingereicht, es sind halbseitige Dokumente des Schreckens.

Der Logistikunternehmer Claus Döring zum Beispiel sieht sich von „überforderten und verlogenen Dilettanten“ regiert, der angehende Offizier Ferdinand Storm von „straffällig gewordenen Migranten“ umzingelt. Der Catering-Fachmann Arno Willemer attestiert der Republik „einen Linksruck ungeahnten Ausmaßes“, denkt er an Deutschland in der Nacht, erscheint ihm schon mal der „Ex-Kommunist Jürgen Trittin“ als Bundeskanzler.Der Gastgeber Jens Eckleben wiederum, ein freundlicher Gutachter mit erlesenen Manieren, fürchtet so innig „die politische Islamisierung“, als stünde der Taliban bereits in der Frustbergstraße.

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Dort steht an diesem Freitag vor Pfingsten zunächst jedoch nur René Stadtkewitz. Er ist etwas zu spät aus Berlin angereist, dafür legt er gleich los wie die Feuerwehr. Es ist der Tag, an dem der Deutsche Bundestag Griechenland weitere Milliardenhilfen in Aussicht gestellt hat. Das muss man sich mal vorstellen, sagt Stadtkewitz, deutsche Schlaglöcher wachsen unaufhaltsam, und trotzdem werden Euros nach Athen getragen.

Von dort ist es für den 46-Jährigen nur ein Katzensprung in die Türkei, die natürlich nicht nach Europa gehört, genauso wenig wie der Islam als solcher, der dafür sorgen wird, dass das deutsche Volk in zwei, drei Generationen daheim nichts mehr zu sagen hat. Wenn man ihn nicht vorher stoppt.

Politik so aufmischen wie die Grünen

„Wir müssen das Zepter selbst in die Hand nehmen“, ruft Stadtkewitz mit rau gerauchter Stimme. Dann erklärt er sich selbst zum Wahlleiter des Abends, ruft nacheinander einige aus den Reihen der Ängstlichen nach vorne, lässt Stimmzettel verteilen – und ruckzuck hat auch Hamburg einen Landesverband der Partei „Die Freiheit“.

„Wenn wir es schaffen, uns von Verrückten und Idioten fernzuhalten, werden wir die Politik so aufmischen wie die Grünen in den 80er Jahren“, sagt der Bundeschef und stürmt ins Freie. Er braucht jetzt eine Kippe. Er ist zufrieden mit sich.

Es sind alles in allem erfreuliche Tage für René Stadtkewitz, einen hageren Mann mit igeligem Haupthaar und grundskeptischen Augen, der als Lieblingshobby keines angibt, weil ihm dafür, leider, die Zeit fehlt.

Er ist auf Deutschlandtournee in diesem Juni, in München, Stuttgart, Gießen, Worms, Hamburg und Kiel ist er schon gewesen. In Brandenburg wird er heute sein, anschließend noch in Meißen und Erfurt, dann wird er zehn Landesverbände dirigieren. Das ist nicht schlecht für einen nicht allzu charismatischen Mann, der noch bis September zur Berliner CDU gehörte, um dann Hals über Kopf eine Partei zu gründen, die im Wesentlichen mit einem Thema über die Runden kommt: dem Islam und der Frage, wie er aus Deutschland verschwinden kann.

Stadtkewitz hat es mit dieser Frage anscheinend schon weit gebracht. Glaubt man den „Freiheit“-Kämpfern, haben sich bereits knapp 2000 Gesinnungsgenossen der Partei angeschlossen. Aber Stadtkewitz will mehr. Viel mehr. Die Berlinwahl im September soll der Startschuss „für eine langanhaltende Entwicklung in Deutschland“ sein. Wenn alles nach Plan läuft, will „Die Freiheit“ den weißen Fleck inmitten einer zunehmend brauner werdenden Europakarte tilgen. Nach den „Wahren Finnen“ sollen dann endlich auch wieder wahre Deutsche auf dem Kontinent Furore machen.

Nicht, dass es in den vergangenen Jahren keine Versuche gegeben hätte, eine deutschlandweite Sammlungsbewegung rechts von CDU und CSU zu etablieren. Allein, es blieben zumeist jämmerliche Randerscheinungen.

Das vorerst letzte vorübergehende Aufsehen erregte zwischen 2001 und 2003 der Hamburger Richter Ronald Barnabas Schill mit seiner Partei „Rechtsstaatliche Offensive“. Eine wilde Mischung aus Größenwahn und Kokain brachte den gnadenlosen Populisten jedoch zeitig wieder zu Fall.

Kampf gegen „Eurabien“

Seither mühen sich Halb- und Ganzrechte, in den Grenzbereichen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, manchmal auch jenseits davon, zu wildern. Die NPD wollte mit gewaltbereiten Neonazis und Restbeständen der DVU einen nationalen Pakt schmieden, der aber nie so recht hielt, was er versprach. Die überalterte Rumpftruppe der „Republikaner“ wiederum suchte den Schulterschluss mit der in Köln erfolgreichen Pro-Bewegung. Deren bundesweite Strahlkraft hält sich trotz jahrelanger Bemühungen allerdings weiter in Grenzen. Als die Parteiführer Anfang Mai zu einem internationalen „Marsch für die Freiheit“ durch die Kölner Innenstadt aufriefen, verlor sich ein klägliches Grüppchen von höchsten 250 Vorgestrigen auf der Deutzer Rheinseite. Verzweifelt rief ein Organisator noch den Seinen zu, allenfalls in Dreierreihen und mit meterlangem Abstand loszumarschieren, um vor laufenden Kameras etwas herzumachen. Es half nichts. Die Massenkundgebung fiel mangels Masse aus.

Als im vergangenen Herbst dann der CDU-Renegat Stadtkewitz auf den Plan trat, um mit Hilfe des holländischen Populisten Geert Wilders die Freiheit auszurufen, wären die Pro-Leute nur zu gerne mit von der Partie gewesen. Säuselnd umwarben sie den Mann aus Ost-Berlin, man wolle doch dasselbe, gemeinsam sei man stark. Stadtkewitz aber dachte gar nicht daran. Aus seiner Sicht nämlich hat die Pro-Bewegung einen hässlichen Makel: In ihren Führungsreihen tummeln sich Ex-Funktionäre etlicher rechtsextremistischer Gruppierung. Der Verfassungsschutz ist daher ein ständiger lästiger Begleiter.

Für „Die Freiheit“ ist das ein Ausschlusskriterium. Stadtkewitz und Co. nämlich sehen sich selbst als die wahren Hüter des Abendlandes, die mit beiden Beinen auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. So kommt es, dass die Parteigänger zwar bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegen den Islam wettern, der wahlweise eine „Politreligion“ oder auch eine „faschistoide Ideologie“ sei. Der Kampf gegen „Eurabien“ ist demnach ehrenhafte Aufgabe jedes wahren Deutschen. Die Einwanderung von Muslimen muss gestoppt, von den bereits hier lebenden „Assimilation“ verlangt werden, wer kriminell wird, fliegt raus. Das alles im Dienst der Menschenrechte, die von bösen Muselmanen bedroht werden. „Hier formiert sich eine Bewegung, die massiv den interkulturellen Frieden gefährdet und Feindbilder in rassistischer Manier produziert“, sagt der Extremismusforscher Alexander Häusler. Das aber eben in der Wortwahl so geschickt, dass es gerade noch nicht offen verfassungsfeindlich ist. Auf diese Weise hofft Stadtkewitz, einen Teil des erklecklichen Wählerpotenzials am rechten Rand an sich binden zu können. Für den Rest sucht er sich seit geraumer Zeit strategische Partner.

Quälen macht Spaß

Stefan Herre hat das Café Reichard in Köln als Treffpunkt vorgeschlagen. Seine neue Privatadresse wollte er lieber nicht nennen, seit die alte offen im Netz kursierte. Außerdem freut sich Herre jedes Mal, wenn er den Dom sieht. An diesem Tag freilich ist die Freude ein wenig getrübt. Am Nachbartisch hockt ein junges Paar, er mit Handy und Kinnbart, sie mit Handy und Kopftuch. Herre schnauft. Für ihn ist das ein „politisches Zeichen“ - „damit fühle ich mich nicht so wohl.“ Stefan Herre ist ein schlanker Mann von 45 Jahren, gut gebräunt und athletisch, die Sonnenbrille hat er ins Haar geschoben, die Jeans trägt er als Shorts. Der Sportlehrer redet gern über Leibesertüchtigung, er hat mal in der Oberliga für Victoria Köln gekickt, dreimal den Ironman-Triathlon „gefinished“, seinen schnellsten Marathon in 2,37 Stunden absolviert. „Ein bisschen Quälen macht mir Spaß“, sagt Herre, „man muss da weitermachen, wo andere aufhören.“

Es war im November 2004, als Herre seinen Internet-Blog „Politically Incorrect“ (PI) gründete. Die Welt verachtete George W. Bush und in Amsterdam war gerade der Filmemacher Theo van Gogh von einem islamischen Fundamentalisten ermordet worden. Das fand Herre nicht so gut, eine Welt, in der Amerika zum Feindbild wird und der Islam in Europa grassiert, machte ihm Angst. Also schrieb er dagegen im Internet an. Und scharte nach und nach Gleichgesinnte um sichHeute ist PI-Motto: „Für Grundgesetz und Menschenrechte“ - eines der erfolgreichsten deutschen Blogs. Bis zu 60000 Nutzer greifen angeblich Tag für Tag darauf zu. Und kübeln in die Kommentarfelder ihren ungezügelten Hass. So sind für PI-Nutzer eingebürgerte Muslime nur „Passdeutsche“: „Eine Kuh, die im Pferdestall geboren wird, bleibt eine Kuh.“ Der zu Unrecht in Guantánamo inhaftierte Bremer Murat Kurnaz firmiert im Blog als „Rübezahl“. Und als in einem Dresdener Gericht die schwangere Ägypterin Marwa el-Sherbini erstochen wurde, wurde sie auf PI als „Kopftuchschlampe“ verhöhnt: „Und noch dazu ein Moslem im Bauch weniger!“

Spricht man Herre darauf an, zuckt er mit den Schultern. Solche Kommentare fänden sich auch auf den Onlineseiten der taz oder der Welt – das PI-Team sei einfach zu klein, um jeden problematischen Eintrag zu eliminieren. Aber immerhin: „Worte wie ,Ziegenficker´ oder ,Eselficker´ löschen wir sofort“, so der Lehrer, der den polemischen Islamkritiker Geert Wilders als „unser aller Idol“ preist.

Die virtuelle Welt freilich reicht vielen PI-Nutzern nicht mehr als Tummelplatz aus. 50 PI-Gruppen soll es inzwischen geben, die gezielt auf Veranstaltungen mit liberalen „Islam-Verstehern“ und anderen Gutmenschen gehen, um dort Stimmung zu machen. Deutschland müsse endlich aufwachen, sagt Herre, der jahrelang die Pro-Bewegung hofierte – bis er vor einem halben Jahr „den René“ zum natürlichen Verbündeten erkor. Der mache seine Sache bislang sehr gut und müsse in Berlin nur die fünf Prozent überspringen, dann werde „Die Freiheit“ womöglich ein Selbstläufer. Stadtkewitz seinerseits gibt das Kompliment höflich zurück. Der Stefan Herre sei „ein wirklich sympathischer Mensch“.

Thilo Sarrazin bezirzen

Und so formiert sich am rechten Rand ganz allmählich eine Truppe, die Sogwirkung entfaltet. Enge Kontakte bestehen schon längst zur islamophoben Bürgerbewegung „Pax Europa“, die für den Erhalt der „christlich-jüdischen Kultur“ zu Felde zieht. Mit dem smarten Polizisten Jan Timke, der mit seinen Bremer „Bürgern in Wut“ (BIW) gerade die FDP in der Hansestadt abgehängt und das landesweite Wahlergebnis verfünffacht hat, ist Stadtkewitz auch bereits im Geschäft. Es sei kein Zufall, sagt Timke, dass „Die Freiheit“ noch keinen Landesverband in Bremen gegründet hat. Früher oder später müssten sich die „Bürger in Wut“ ohnehin umbenennen – wenn man erst einmal mitregiere, sei der Name einfach zu wenig staatstragend. Ganz anders als „Die Freiheit“.

In deren Führungskreis sitzt auch der ehemalige „Pirat“ Stefan „Aaron“ König – schon gelangte auch der Kreuzzug für virtuelle Freiheit ins Portfolio des Ein-Themen-Klubs. Die Hetze gegen die „EUdSSR“, wie Herre sagt, und gegen den verhassten Euro gehört schließlich ebenfalls zum „Freiheit“-Kampf. So bastelt sich die rechte Clique nach und nach aus populistischen Ressentiments so etwas wie ein Programm. Sollte man damit Erfolg haben, will man in Wilders’ „International Freedom Alliance“ sicher nicht die letzte Geige spielen.

Aber wird man damit auch Erfolg haben? Durchaus denkbar, sagt Extremismusforscher Häusler. Das Wählerreservoire sei vorhanden, zumal Bundeskanzlerin Angela Merkel „den rechts-konservativen Flügel ihrer Partei heimatlos gemacht hat“. Etliche frühere Politiker und noch mehr Anhänger der Union sind schon jetzt zu Stadtkewitz übergelaufen. Was aber fehle, so Häusler, sei ein deutscher Haider oder Wilders. Ein Führer also mit Strahlkraft.

Das wissen auch Stadtkewitz und Co., weshalb sie seit Monaten Menschen wie Thilo Sarrazin oder Euro-Skeptiker Hans-Olaf Henkel bezirzen. Für Stefan Herre wären auch Friedrich Merz oder Roland Koch ideale Kandidaten, „das sind zwei Gute“. Allein, beide haben Besseres zu tun. Genauso wie der Kabarettist Dieter Nuhr. Der hatte sich jüngst mit seinem Programm „Nuhr über den Islam“ ins Herz der Muslim-Feinde gespielt, weswegen die sogleich versuchten, Kontakt aufzunehmen. Es ist dann doch nichts geworden. Dabei hätte daraus sicher eine schöne Pointe werden können: Und „Die Freiheit“ vielleicht doch nur eine Lachnummer.

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  17 | 6 | 2011
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