kalaydo.de Anzeigen

Urban Gardening: Der Kürbis vom Mittelstreifen

Kein Fleckchen zu klein, kein Pflaster zu hart: Das Gärtnern in der Stadt hat Konjunktur und ist Ausdruck der Freude am Säen, wachsen sehen und manchmal selbst ernten.

Urban Gardening in Hamburg.
"Urban Gardening" in Hamburg.
Foto: dpa

Ganz verschwunden war das Hobby-Gärtnern natürlich nie. Es ist wie mit dem Landleben überhaupt: Alle paar Dekaden wird die Flucht aufs Land neu erfunden. Vor fast 100 Jahren flohen die jungen Stadtmenschen auf die Kuppen der Rhön. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckten sie den Schwarzwald, und heute scheint die Uckermark nördlich Berlins das Ziel der Wünsche zu sein.

In ähnlichem Rhythmus wird auch der Garten wieder entdeckt. Und sei es der auf dem Balkon, denn viele Kleingärten wurden den ausufernden Wohnungs-, Reihenhaus- und Straßenbauten geopfert. Zubetoniert und nur an wenigen Stellen neu erschaffen. Und wo das Gärtnern illegal auf landwirtschaftlichen Flächen geschah, da reißen einem die Behörden Zäune und Hütten gleich wieder ein.

Die zehn Gebote der Welternährung
Das Land kann mehr

Wir wissen heute mehr als je zuvor, wodurch und an welchen Stellen die industrialisierte Landwirtschaft ihre eigenen Daseinsgrundlagen beschädigt und deshalb nicht zukunftstauglich ist. Und wir kennen die Alternative: die bäuerliche Ökonomie.

„Moderne“ Landwirtschaft, „rückständige“ Landwirtschaft – in diese Kategorien wird industrieller und bäuerlicher Anbau gepackt. Dabei ist es die bäuerliche Variante, von der man viel für eine moderne, weil nachhaltige Nutzung unserer natürlichen Vorräte lernen kann.

Zum Beispiel, den Betrieb auf verschiedene Standbeine zu stellen und Betriebsteile so aufeinander auszurichten, dass die Reststoffe des einen Betriebszweigs Betriebsmittel für den anderen Betriebszweig bilden (Mist wird Dünger). Nicht das Maximieren von Erträgen steht bei bäuerlicher Wirtschaft im Zentrum, sondern das Optimieren der Nutzung.

Wiederverwerten, Reparieren, Recyceln: All das sind altbewährte bäuerliche Tugenden – Nachhaltigkeitstugenden. In die heutige Zeit transformiert, erweisen sie sich angesichts von rapiden Verlusten an Artenvielfalt und Klimaveränderungen als die modernere Wirtschaftsform.

Aber bäuerliche Wirtschaft muss ohne den Wachstumszwang leben dürfen. Wir brauchen eine Ordnung, die nicht einigen Großen Macht und Reichtum beschert, sondern eine breite Schicht von Erzeugern und Händlern begünstigt und erhält. Umweltbelastung und -zerstörung darf nicht länger begünstigt werden. Wir brauchen höhere Energiepreise für energiefressende Erzeugung von synthetischem Stickstoffdünger und Agrarchemikalien und eine generelle Steuer auf synthetische Dünger und umweltbelastende Chemikalien.

Gärtnern wird den Menschen nicht leicht gemacht. Doch die Saat keimt stets aufs Neue. Und zwar heute auch an Stellen und Örtchen, auf die zuvor allenfalls steril denkende Landschaftsarchitekten gekommen waren, die ihr Heil im Pflanzen von Thuja- und Kirschlorbeer-Einheitsgrün zu sehen scheinen.

Eigentlich, so schrieb jüngst auch FR-Autorin Andrea-Maria Streb, gehörte Gärtnern stets zu den beliebtesten Hobbys in Deutschland. Heute seien gar die „Gartenzwerge gesellschaftsfähig geworden“. Recht hat sie, nur die Methoden haben sich geändert. Wenigstens örtlich.

Es gibt Buchautoren, die behaupten, dass das Ende des Ölzeitalters die Grenzen zwischen Stadt und Land aufbrechen werde: Urban Gardening, Guerilla Gardening, Community Gardening, das sind die neuen Stichworte. Alles sehr unterschiedliche Ausprägungen gärtnerischen Tuns, die aber alle von einer Idee geprägt sind: Lebende, lebendige Pflanzen säen, wachsen sehen und manchmal auch noch ernten.

Wiederbelebung des Selbermachens

Der Oekom-Verlag kündigt sein von Christa Müller herausgegebenes Buch zum Urban Gardening, also zum Gärtnern in der Stadt, so an: „Beim Anbau von Tomaten und Karotten suchen die Akteure der neuen Gartenbewegung die Begegnung mit der Natur – und mit Gleichgesinnten. Sie gestalten gemeinschaftlich einen innerstädtischen Naturerfahrungsraum, beleben die Nachbarschaft, essen zusammen und empfehlen sich der Kommunalpolitik als kompetentes Gegenüber in Sachen Stadtplanung.“

Da keimt also die Wiederbelebung des Selbermachens, wenn eine witzige Art von Landleben in die Städte einzieht, ob in Berlin, München, Köln oder Wien. Aber ums Säen, Pflanzen und Ernten von Gemüse und Obst geht es nicht allein. Am deutlichsten wird dies im Internet auf der Ur-Site der Bewegung, der Hompage www.guerillagardening.org, erkennbar. Da werden, etwa in London, zigtausende Sonnenblumen überall in der Stadt gesetzt, und es werden vor allem alle möglichen und (fast) unmöglichen Orte erkoren, um dröges Gras durch bunte Blumen zu ersetzen.

Keine von Hunden verunzierte Baumscheibe scheint zu klein oder dreckig, um nicht doch noch ein paar Krokusse oder Tulpen unterzubringen, kein Mittelstreifen zu verkehrsumtobt, um nicht doch von einem vertrockneten Rasen in ein buntes Beet verwandelt zu werden (Northampton). Keine Pflasterung, zum Beispiel in San Diego, USA, gilt als zu widerstandsfähig, um nicht nach und nach heimlich aufgebrochen und mit allerlei Grünzeug bepflanzt zu werden.

Im schwedischen Lund schnappten sich zwei Kinder zwei Dutzend Stiefmütterchen und pflanzten sie entlang einer Hecke auf dem Spielplatz: „Das Ganze hat 30 Minuten gedauert, und keiner hielt an und fragte uns, was wir da tun“, lautete der Kommentar zu einer Arbeit, getan allein in der Hoffnung, „auch andere hätten Spaß am Anblick der Pflanzen“.

Eher protzig trieben es ein paar Italiener, die auf einer Mittelinsel am Stadteingang im italienischen Pezzano einen Kürbis heranreifen ließen, der, an einem kalten Oktobertag vor eineinhalb Jahren, in einer Nacht- und Nebelaktion, geerntet und gewogen wurde: Das „Symbol von Pezzano“ brachte 46 Kilo auf die Waage

Lust am zwinkernden Aufbegehren

Mit den Klein- und späteren Schrebergärten, die vor fast 200 Jahren gegründet wurden, hat das wenig zu tun. Oft als Armengärten oder Gärten für Fabrikarbeiter gegründet, trugen sie zum Lebensunterhalt bei. Heute mischt sich, wenigstens beim Guerilla Gardening, eher eine Lust am zwinkernden Aufbegehren darunter, wie die 71-jährige Elise aus Paris meint: Es entspreche schlicht ihrer Natur, unabhängig und gegen jede Form von Konformismus zu handeln. Also eine stille, aktive Revolte gegen staatliches, verordnetes Planen und Handeln?

Heute „generiert der Garten neue Wohlstandsmodelle, aber auch neue Formen der Politik“, schreibt Christa Müller. Sie verweist auf die Gattin des US-Präsidenten, auf Michelle Obama. Sie plauderte in einer Videoansprache zur Eröffnung der Jahreskonferenz 2010 der American Community Gardening Association aus, dass sie bei jedem Staatsbesuch zuallererst nach dem Stand der Dinge im Gemüsegarten des Weißen Hauses gefragt wird. Michelle Obama hat dort Gemüse Marke Eigenanbau samt den angedockten Themenfeldern wie Gesundheit, Gemeinschaft und Local Food auf die Agenda gesetzt.

Kehrt aber deshalb gleich die Landwirtschaft in die Städte zurück?

Tatsächlich besteht eine wachsende Vielfalt von neuen urbanen Gartenaktivitäten, ebenso wie ihre begeisterte mediale Rezeption, meint Müller. Bis vor kurzem noch galt der Gemüsegarten – zumal in den Großstädten – lediglich als Relikt längst vergangener Zeiten. Und plötzlich verkaufen sich Nutzpflanzen besser als Ziersträucher, entdecken immer mehr Städterinnen und Städter „die neue Lust am Gärtnern“, wie auch der Titel eines Beitrags im ZDF-Magazin aspekte lautete.

Genau in dieser Lust liege eine Chance, glaubt Agrarexperte Frieder Thomas zu erkennen: Diese Art urbaner Landwirtschaft könne nämlich einen Beitrag leisten für eine andere Kultur unserer Wertschätzung von Landwirtschaft und Ernährung.

Autor:  Stephan Börnecke
Datum:  10 | 5 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Leute
        

Erfolg verlangt zwei Dinge, sagt Mark Zuckerberg: eine Vision und ein Team.
Facebook-Gründer Zuckerberg im Porträt 
        

Versteckt sich gerne hinter einer Chanel-Brille: Anna Wintour.
Vogue-Chefin Anna Wintour 
Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft


Anzeige

Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Ein Jahr Fukushima
Test auf Strahlenspuren.

Ein Jahr nach dem 11. März 2011 zeigen wir, wie das Unglück Japan und die Welt verändert hat.

Anzeige

Video

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Academy Awards - "And the winner is..."
Zwischen 300 und 500 Euro ist eine Oscar-Statue wert, je nach Goldpreis. Der ideelle Wert ist für Schauspieler und Filmemacher unbezahlbar.

Alle Gewinner der 84. Academy Awards of Merit, die desaströsesten Outfits auf dem roten Teppich und mehr im Oscar-Spezial.

Kolumne
Tempo 30

Am Aschermittwoch 2009 wurde Sebastian Gehrmann 30. Alles war vorbei. Jetzt kann er darüber schreiben.

Anzeige

Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.

Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.