Ganz verschwunden war das Hobby-Gärtnern natürlich nie. Es ist wie mit dem Landleben überhaupt: Alle paar Dekaden wird die Flucht aufs Land neu erfunden. Vor fast 100 Jahren flohen die jungen Stadtmenschen auf die Kuppen der Rhön. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckten sie den Schwarzwald, und heute scheint die Uckermark nördlich Berlins das Ziel der Wünsche zu sein.
In ähnlichem Rhythmus wird auch der Garten wieder entdeckt. Und sei es der auf dem Balkon, denn viele Kleingärten wurden den ausufernden Wohnungs-, Reihenhaus- und Straßenbauten geopfert. Zubetoniert und nur an wenigen Stellen neu erschaffen. Und wo das Gärtnern illegal auf landwirtschaftlichen Flächen geschah, da reißen einem die Behörden Zäune und Hütten gleich wieder ein.
Wir wissen heute mehr als je zuvor, wodurch und an welchen Stellen die industrialisierte Landwirtschaft ihre eigenen Daseinsgrundlagen beschädigt und deshalb nicht zukunftstauglich ist. Und wir kennen die Alternative: die bäuerliche Ökonomie.
„Moderne“ Landwirtschaft, „rückständige“ Landwirtschaft – in diese Kategorien wird industrieller und bäuerlicher Anbau gepackt. Dabei ist es die bäuerliche Variante, von der man viel für eine moderne, weil nachhaltige Nutzung unserer natürlichen Vorräte lernen kann.
Zum Beispiel, den Betrieb auf verschiedene Standbeine zu stellen und Betriebsteile so aufeinander auszurichten, dass die Reststoffe des einen Betriebszweigs Betriebsmittel für den anderen Betriebszweig bilden (Mist wird Dünger). Nicht das Maximieren von Erträgen steht bei bäuerlicher Wirtschaft im Zentrum, sondern das Optimieren der Nutzung.
Wiederverwerten, Reparieren, Recyceln: All das sind altbewährte bäuerliche Tugenden – Nachhaltigkeitstugenden. In die heutige Zeit transformiert, erweisen sie sich angesichts von rapiden Verlusten an Artenvielfalt und Klimaveränderungen als die modernere Wirtschaftsform.
Aber bäuerliche Wirtschaft muss ohne den Wachstumszwang leben dürfen. Wir brauchen eine Ordnung, die nicht einigen Großen Macht und Reichtum beschert, sondern eine breite Schicht von Erzeugern und Händlern begünstigt und erhält. Umweltbelastung und -zerstörung darf nicht länger begünstigt werden. Wir brauchen höhere Energiepreise für energiefressende Erzeugung von synthetischem Stickstoffdünger und Agrarchemikalien und eine generelle Steuer auf synthetische Dünger und umweltbelastende Chemikalien.
Etwa 100 Euro Steuern zahlt jeder Bürger jährlich für die europäische Agrarpolitik. Doch trotz etlicher Reformen belastet die Landwirtschaft weiter Wasser und Klima. Immer noch wird mehr Stickstoff in die Landwirtschaft eingeführt, als mit den Produkten ausgeführt wird. Immer noch sickern diese Stickstoff-Überschüsse in die Gewässer, wo sie sich entweder ansammeln (wir erinnern uns an die Algenblüte der Ostsee im vergangenen Sommer) oder von Wasserwerken teuer herausgereinigt werden.
Diese Landwirtschaft bekommt hohe Subventionen mit der Begründung, besonders umweltfreundlich zu sein. Sie können in der „grünen Box“ der Welthandelsorganisation untergebracht werden, was bedeutet, dass die nicht industrialisierten Länder nicht dagegen klagen können. Dabei konkurrieren die so vergünstigten Produkte in nicht industrialisierten Ländern mit kleinbäuerlich erzeugten Lebensmitteln.
In Deutschland erhalten zehn Prozent der Betriebe mehr als 50 Prozent der staatlichen Mittel. Aber die deutsche Politik wehrt sich in Brüssel gegen eine Deckelung der Beiträge für die Großen.
Bürger können jetzt der Politik ein Signal geben, wofür sie ihr Geld ausgeben wollen. Ein Bündnis unterschiedlicher Initiativen – vom Öko-Label demeter und „Brot für die Welt“ bis zum Milchviehhalter-Verband – hat im Internet eine Abstimmung über künftige Agrarausgaben organisiert.
www.meine-landwirtschaft.de
Noch unsere Großeltern haben den Fuchsschwanz gegessen, auch bekannt als Meyer, Mayerkraut, Blitum, Küchenamaranth, Roter Heinrich, Fuchsstern oder Fuchszagel. Seit mindestens fünftausend Jahren wurden seine zahlreichen Arten als Blattgemüse oder Getreide angebaut. Heute wächst der Fuchsschwanz bei uns fast nur noch als Zierpflanze.
Viele Nutzpflanzen, die häufig optimal an die Umweltbedingungen angepasst waren und die regionalen Küchen bereicherten, sind heute vergessen. Die Vielfalt an Pflanzen und auch Tieren ist stark bedroht und mit ihr die regionale Geschmacksvielfalt. Vielerorts haben sich Sorten und Rassen durchgesetzt, die vor allem wirtschaftlich nützliche Eigenschaften (Ertrag, schnelles Wachstum, maschinelle Bearbeitbarkeit) aufweisen. Die hohen Massenerträge gehen auf Kosten der Geschmacksvielfalt und bedingen einen massiven Einsatz von Agrarchemie und Hochleistungsfuttermitteln sowie ethisch bedenkliche Massentierhaltung.
Im Hinblick auf die globale Pflanzenzüchtung zur Nahrungsmittelversorgung verlassen wir uns heute auf nur rund 15 bis 30 Spezies. Sollte nur eine davon ausfallen, zum Beispiel aufgrund neu auftretender Pflanzenkrankheiten, stehen wir sofort vor großen Versorgungsproblemen. Die Landwirtschaft der Zukunft muss sich wieder auf die Züchtung und den Anbau von angepassten Sorten besinnen und sich auch an alte Nutzpflanzen erinnern. Als Konsumentinnen und Konsumenten können wir diese Bestrebungen unterstützen und auf dem lokalen Markt regionale Gemüsesorten nachfragen.
Wie gewährleisten wir die landwirtschaftliche Nahrungsmittelerzeugung, wenn wir kein (billiges) Öl mehr haben?
Seit dem Ende der 1950er Jahre vollzieht sich eine Entwicklung in der Landwirtschaft, die oft die „Grüne Revolution“ genannt wird. Zu ihren wichtigsten Protagonisten gehören die mittlerweile international operierenden agrochemischen Konzerne, die vermeintlich die Welternährung durch massiven Einsatz von künstlichen Düngemitteln und Pestiziden sichern.
Ihre Resultate im Hinblick auf die reine Produktionssteigerung sind beachtlich – doch um welchen Preis? Jede Revolution fordert ihre Opfer, in diesem Fall ging die Produktionssteigerung unter massivem Einsatz von Energie auf Kosten der Böden, des Wassers und der kleinbäuerlichen Strukturen – ganz zu schweigen von den schädlichen Nebenwirkungen der Energiegewinnung.
Ökologisch erzeugte Nahrungsmittel sind bisher in der Regel etwas teurer als konventionelle. Das liegt aber auch daran, dass Umweltschäden durch Pestizide und hohen Wasserverbrauch bisher nicht in die Verbraucherpreise eingerechnet werden. Der große Vorteil des ökologischen Landbaus ist, dass er das gesamte Produktionssystem betrachtet und sich um die Erhaltung seines Ertragspotenzials sorgt. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Boden und dessen Kreisläufen.
Eine Landwirtschaft, die auf den Einsatz von chemischen Betriebsmitteln setzt, wird auf die Dauer nicht mehr konkurrenzfähig sein. Wohl denen, die bei Zeiten schon auf die Erhaltung ihrer Produktionsgrundlage gesetzt haben!
„Bauern zu Ölscheichs“ hieß eine Zeit lang die Devise. Dann wurde jedoch zunehmend Kritik laut: Wieviel Netto-Energie wird beim Anbau nachwachsender Rohstoffe erzeugt? Wie umweltverträglich ist der großflächig betriebene Anbau?
Zudem wird befürchtet, dass mit noch größeren Plantagen in nicht industrialisierten Ländern Land und Wasser abgezweigt wird, das für die Ernährungssicherung dringend benötigt würde.
Der Maisanbau für die Ethanol-Produktion in Amerika umfasst deutlich mehr als ein Drittel der Mais-Anbaufläche. Mais wird knapp, die Preise steigen. Das wird vor allem ein Problem für ärmere Bevölkerungsgruppen.
Es wird zukünftig entscheidend auf das Wie einer Energie-Produktion aus Biomasse ankommen. Eine unverzichtbare Bedingung ist, dass sie Netto-Energie liefern muss. Sie darf nicht als Konkurrenz zu Nahrungspflanzen auftreten.
Im Schwerpunkt sollten für Energie aus Biomasse Reststoffe wie Schlachtabfälle, Mähreste oder Holzrückstände verwendet werden.
Nach allen vorliegenden Erkenntnissen ist die Nutzung von Biomasse für flüssige Treibstoffe die ineffizienteste Verwendungsmöglichkeit. Wenn Anbau für energetische Nutzungen betrieben wird, dann in Mischkultur mit anderen Pflanzen, als sinnvolles Fruchtfolgeglied oder als Nutzung marginaler Standorte.
Knapp zwei Drittel der deutschen Getreideproduktion sind für den Futtertrog bestimmt. Wenn nachwachsende Rohstoffe angebaut werden sollen, dann in Konkurrenz zu diesem Tierfutter, nicht zu pflanzlichen Lebensmitteln. Steigen dadurch die Preise für Fleisch, dann wird davon weniger konsumiert, was auch Vorteile für das Klima bringt – und für die Gesundheit vieler Menschen.
70 bis 90 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeitsleistung werden in den vorwiegend agrarisch geprägten Ländern des globalen Südens von Frauen erbracht. Ihre Arbeit auf dem Feld konzentriert sich in erster Linie auf die Produkte, die direkt der Ernährung der Familie zugute kommen.
Die Qualität der Arbeit der Frauen hat damit einen direkten Einfluss auf die Nahrungsqualität für die ganze Familie.
Doch noch immer wird die Ausbildung von Mädchen und Frauen zugunsten der männlichen Familienmitglieder vernachlässigt. Noch immer essen die Frauen nach den Männern, nehmen dadurch durchschnittlich weniger Proteine zu sich und leiden häufiger an Unter- und Mangelernährung.
Das Wissen und die Kraft der Frauen müssen essentielle Bestandteile der Ernährungssicherung werden. Frauen tragen den reichen Schatz des Verarbeitungs- und Zubereitungswissens. Um ihn besser zu heben, sind kluge Lösungen für körperlich einfachere Arbeitsgänge nötig.
Doch damit nicht genug. Frauen brauchen die rechtliche Gleichstellung mit den Männern innerhalb ihrer Gesellschaften und die damit verbundenen Möglichkeiten. Sie müssen Landtitel erwerben und erben und Kredite beantragen können. Eine umfangreiche Grundbildung und später landwirtschaftliche Weiterbildung – im Idealfall von Frauen zu Frauen – ist der Schlüssel zu mehr Ernährungssicherheit gerade in den Ländern des Südens.
Urbanisierung und Industrialisierung haben dazu geführt, dass Kinder heute überwiegend vermuten, die Milch stamme aus dem Supermarkt. Wir müssen also ganz von vorne anfangen – und das heißt, bei den Kleinen.
Ernährungs- und Gesundheitslehre, sehr praktisch mit Mahlzeiten, und Aufzucht von Gemüse oder Obst im Schul- oder Kindergarten sind Grundbausteine. Sie gehören in jeden Erziehungs- und Lehrplan von den Primareinrichtungen bis zu den Gymnasien und Berufsschulen.
Die landwirtschaftlichen Ausbildungen von den Fachschulen bis zu den Universitäten sind sowohl Spiegelbild als auch Triebkraft der Entfremdung und Industrialisierung gewesen. Sie können jetzt dazu beitragen, eine langfristig natur- und menschengerechte Landwirtschaft zu gestalten. Ökologischer Landbau gehört ganz oben auf die Lehrpläne aller Landwirtschaftsschulen. Hier muss man originäre Landwirtschaft lernen: Fruchtfolge-Gestaltung, Krankheitsprävention, Umgang mit Vielfalt und vieles mehr.
Andere handwerkliche Berufe gehen auch so vor: Wer das Handwerk des Schreiners lernen will, muss mit Handsäge und Handhobel arbeiten, bevor er oder sie mit Maschinen umgeht. Dadurch entsteht ein Gefühl für den Werkstoff Holz. Werkstoffe der Landwirtschaft sind Böden, Pflanzen und Tiere. Im ökologischen Landbau lernt man, wie man mit ihnen angemessen umgeht.
Olivier de Schutter, der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, hat im März vor dem UN-Menschenrechtsausschuss für eine agro-ökologische Landwirtschaft plädiert. Damit sie umgesetzt werden kann, muss sie gelernt werden.
Hunger ist der traurige Alltag in Krisen und Kriegen. Meistens trifft es nicht die kriegführenden Parteien, sondern die ländliche Bevölkerung, oft Frauen und Kinder. Sie sterben nicht nur durch Kampfhandlungen, sondern auch durch Hunger infolge ausbleibender oder zerstörter Ernten, durch Vertreibung, Krankheiten oder Wassermangel.
In Kriegen spielen immer wieder auch Landkonflikte eine Rolle. Wer Kriege verhindern will, muss also auf die Fragen der Landnutzung ein besonderes Augenmerk richten. In vielen nicht industrialisierten Regionen ist die Frage, wem das Land gehört, nicht ausreichend und demokratisch geklärt. So wird auf einmal Zugriff auf Land genommen, das vorher für die ortsansässigen Menschen verfügbar war. Diese Praxis ist als „Land Grabbing“ bekannt geworden. Nun wird an internationalen Regelwerken gearbeitet, um negative Auswirkungen von Land-Investitionen zu verringern. Dabei spielt die Beachtung der Rechte der ländlichen Bevölkerung eine maßgebliche Rolle.
Experten haben an vielen Beispielen aufgezeigt, dass Güter wie das fruchtbare Land auch gemeinschaftlich effizient und langfristig sowie ökologisch und sozial gerecht genutzt werden können. Die Bekämpfung von Hunger, Armut und Mittellosigkeit ist deshalb nicht nur eine technische oder naturwissenschaftliche Frage. Sie ist auch eine Herausforderung an die Gesellschaftswissenschaften, die sich mit der Landwirtschaft Jahrzehnte lang kaum ernsthaft befasst haben.
Wenn wir die Erde als globales Dorf verstehen, dann hat zwar jeder Haushalt (jede Region, jedes Land) sein eigenes Auskommen mehr oder weniger autonom zu verantworten, aber es braucht trotzdem den Dorfrat, der das Ganze im Blick hat.
Die Bewohner des globalen Dorfs, die Staaten, haben nicht einen, sondern viele Ansprechpartner. Und sie verhalten sich ganz unterschiedlich, je nachdem, wo sie gerade mitreden: bei den Vereinten Nationen (UN), bei der Welthandelsorganisation (WTO), beim Internationalen Währungsfonds (IWF) oder der Weltbank.
Die WTO nimmt eine Sonderstellung ein, da sie denjenigen bestrafen kann, der sich nicht an ihre Entscheidungen hält. Insofern haben WTO-Beschlüsse heute für viele Staaten eine höhere Bedeutung als zum Beispiel Menschenrechtsbeschlüsse der UN.
Das schwächt die internationale Politik. Möglicherweise müssen wir uns an den Gedanken einer Art Weltregierung gewöhnen. Der Klimawandel zum Beispiel, der auch die Ernährungssicherheit massiv bedroht, wird kaum aufzuhalten sein, wenn man sich allein auf das Gelingen zwischenstaatlicher Abschlüsse verlässt. Denn gelingen diese Verabredungen nicht, können sich viele lokale und regionale Initativen nicht ausreichend entfalten, da sie mit falschen Wettbewerbsargumenten („Die anderen Länder machen das nicht; wenn wir das umsetzen, kostet es uns Marktanteile“) gebremst werden.
Es sind also möglichst verbindliche globale Strukturen gefragt. Dabei sollten ruhig einmal alte Zöpfe abgeschnitten werden wie die übermäßige Rolle des Sicherheitsrats. Gut wäre eine Mehrzahl von Welträten, die für die wichtigsten Fragen wie Ernährungssicherung zuständig sind. Verbindliche Ziele ihrer Arbeit wären zusammen mit konkreten Zielvorgaben von der UN-Vollversammlung zu beschließen.
Mehr als 30 Prozent aller erzeugten Lebensmittel werden entlang der Wertschöpfungskette, also zwischen Ernte und Verbrauch, in essbarem Zustand weggeworfen, weil zum Beispiel äußere Merkmale (Form und Größe) nicht stimmen. Die berühmt-berüchtigte Gurkenverordnung der EU ist manchem noch im Gedächtnis.
Auch der zumeist willkürliche Aufdruck von Mindesthaltbarkeitsdaten (MhD) verwirrt die Verbraucher und verleitet sie dazu, Lebensmittel wegzuwerfen, die ohne Schaden für die Gesundheit noch essbar wären. Das MhD verkürzt oft lediglich die Lebensdauer im Regal des Supermarkts und erhöht dadurch den Umsatz des Erzeugers oder Verarbeiters, der schneller nachliefern muss.
Eine gewisse Vorsicht ist zwar geboten bei frischen Fleisch- und Geflügelprodukten, deren Verzehr nach Ablauf des MhD nicht ratsam ist. Bei vielen anderen Gütern ist dessen Notwendigkeit zumindest fragwürdig.
Gerade bei importierten Nahrungsmitteln kommt zur ethischen eine Nachhaltigkeits-Dimension: Einige Produkte werden in Ländern produziert, deren Bevölkerung an Hunger leidet. Die Erzeugung zu Exportzwecken konkurriert mit der Ernährungsgrundsicherung um Flächen, Wasser und Arbeitskraft und kann den bäuerlichen Betrieben doch kein verlässliches und ausreichendes Einkommen sichern. Viele Südfrüchte wie Bohnen aus Kenia oder Zuckererbsen aus Guatemala landen dann am Ende in unseren Müllverbrennungsanlagen.
Trauen Sie lieber Ihrem Gefühl als dem Haltbarkeitsdatum und fordern Sie transparente Kennzeichnungsrichtlinien! Setzen Sie auf Regionalität und Saisonalität bei Obst und Gemüse und überlegen Sie am besten schon beim Einkaufen, ob Sie wirklich alles rechtzeitig verbrauchen können.
Gärtnern wird den Menschen nicht leicht gemacht. Doch die Saat keimt stets aufs Neue. Und zwar heute auch an Stellen und Örtchen, auf die zuvor allenfalls steril denkende Landschaftsarchitekten gekommen waren, die ihr Heil im Pflanzen von Thuja- und Kirschlorbeer-Einheitsgrün zu sehen scheinen.
Eigentlich, so schrieb jüngst auch FR-Autorin Andrea-Maria Streb, gehörte Gärtnern stets zu den beliebtesten Hobbys in Deutschland. Heute seien gar die „Gartenzwerge gesellschaftsfähig geworden“. Recht hat sie, nur die Methoden haben sich geändert. Wenigstens örtlich.
Es gibt Buchautoren, die behaupten, dass das Ende des Ölzeitalters die Grenzen zwischen Stadt und Land aufbrechen werde: Urban Gardening, Guerilla Gardening, Community Gardening, das sind die neuen Stichworte. Alles sehr unterschiedliche Ausprägungen gärtnerischen Tuns, die aber alle von einer Idee geprägt sind: Lebende, lebendige Pflanzen säen, wachsen sehen und manchmal auch noch ernten.
Wiederbelebung des Selbermachens
Der Oekom-Verlag kündigt sein von Christa Müller herausgegebenes Buch zum Urban Gardening, also zum Gärtnern in der Stadt, so an: „Beim Anbau von Tomaten und Karotten suchen die Akteure der neuen Gartenbewegung die Begegnung mit der Natur – und mit Gleichgesinnten. Sie gestalten gemeinschaftlich einen innerstädtischen Naturerfahrungsraum, beleben die Nachbarschaft, essen zusammen und empfehlen sich der Kommunalpolitik als kompetentes Gegenüber in Sachen Stadtplanung.“
Da keimt also die Wiederbelebung des Selbermachens, wenn eine witzige Art von Landleben in die Städte einzieht, ob in Berlin, München, Köln oder Wien. Aber ums Säen, Pflanzen und Ernten von Gemüse und Obst geht es nicht allein. Am deutlichsten wird dies im Internet auf der Ur-Site der Bewegung, der Hompage www.guerillagardening.org, erkennbar. Da werden, etwa in London, zigtausende Sonnenblumen überall in der Stadt gesetzt, und es werden vor allem alle möglichen und (fast) unmöglichen Orte erkoren, um dröges Gras durch bunte Blumen zu ersetzen.
Keine von Hunden verunzierte Baumscheibe scheint zu klein oder dreckig, um nicht doch noch ein paar Krokusse oder Tulpen unterzubringen, kein Mittelstreifen zu verkehrsumtobt, um nicht doch von einem vertrockneten Rasen in ein buntes Beet verwandelt zu werden (Northampton). Keine Pflasterung, zum Beispiel in San Diego, USA, gilt als zu widerstandsfähig, um nicht nach und nach heimlich aufgebrochen und mit allerlei Grünzeug bepflanzt zu werden.
Im schwedischen Lund schnappten sich zwei Kinder zwei Dutzend Stiefmütterchen und pflanzten sie entlang einer Hecke auf dem Spielplatz: „Das Ganze hat 30 Minuten gedauert, und keiner hielt an und fragte uns, was wir da tun“, lautete der Kommentar zu einer Arbeit, getan allein in der Hoffnung, „auch andere hätten Spaß am Anblick der Pflanzen“.
Eher protzig trieben es ein paar Italiener, die auf einer Mittelinsel am Stadteingang im italienischen Pezzano einen Kürbis heranreifen ließen, der, an einem kalten Oktobertag vor eineinhalb Jahren, in einer Nacht- und Nebelaktion, geerntet und gewogen wurde: Das „Symbol von Pezzano“ brachte 46 Kilo auf die Waage
Lust am zwinkernden Aufbegehren
Mit den Klein- und späteren Schrebergärten, die vor fast 200 Jahren gegründet wurden, hat das wenig zu tun. Oft als Armengärten oder Gärten für Fabrikarbeiter gegründet, trugen sie zum Lebensunterhalt bei. Heute mischt sich, wenigstens beim Guerilla Gardening, eher eine Lust am zwinkernden Aufbegehren darunter, wie die 71-jährige Elise aus Paris meint: Es entspreche schlicht ihrer Natur, unabhängig und gegen jede Form von Konformismus zu handeln. Also eine stille, aktive Revolte gegen staatliches, verordnetes Planen und Handeln?
Heute „generiert der Garten neue Wohlstandsmodelle, aber auch neue Formen der Politik“, schreibt Christa Müller. Sie verweist auf die Gattin des US-Präsidenten, auf Michelle Obama. Sie plauderte in einer Videoansprache zur Eröffnung der Jahreskonferenz 2010 der American Community Gardening Association aus, dass sie bei jedem Staatsbesuch zuallererst nach dem Stand der Dinge im Gemüsegarten des Weißen Hauses gefragt wird. Michelle Obama hat dort Gemüse Marke Eigenanbau samt den angedockten Themenfeldern wie Gesundheit, Gemeinschaft und Local Food auf die Agenda gesetzt.
Kehrt aber deshalb gleich die Landwirtschaft in die Städte zurück?
Tatsächlich besteht eine wachsende Vielfalt von neuen urbanen Gartenaktivitäten, ebenso wie ihre begeisterte mediale Rezeption, meint Müller. Bis vor kurzem noch galt der Gemüsegarten – zumal in den Großstädten – lediglich als Relikt längst vergangener Zeiten. Und plötzlich verkaufen sich Nutzpflanzen besser als Ziersträucher, entdecken immer mehr Städterinnen und Städter „die neue Lust am Gärtnern“, wie auch der Titel eines Beitrags im ZDF-Magazin aspekte lautete.
Genau in dieser Lust liege eine Chance, glaubt Agrarexperte Frieder Thomas zu erkennen: Diese Art urbaner Landwirtschaft könne nämlich einen Beitrag leisten für eine andere Kultur unserer Wertschätzung von Landwirtschaft und Ernährung.
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