"Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen" – Wilhelm Busch war ein bisschen ungerecht in seinem Vorwort zu „Max und Moritz“. Böse sind die meisten sogenannten Lausbuben gar nicht – mitunter haben sie naheliegende Gründe für ihr Tun, so wie der kleine Nick, der am Donnerstag zu uns ins Kino kommt. Für ihn geht es praktisch ums Überleben, als sein Verdacht wächst, dass die Eltern ein weiteres Kind erwarten und dass sie den Erstgeborenen dann also, klarer Fall, verschwinden lassen wollen. Nick muss etwas unternehmen, seine Freunde helfen ihm dabei – das sind eineinhalb Stunden Film zum Lachen und Gerührtsein.
Und zum Erinnern. An die eigene Lausbubenzeit. Als Kinder haben wir gern die „Abkürzung“ genommen, die unseren 300 Meter langen Weg von der Schule zum Hort deutlich interessanter machte. Wenn wir dann zweieinhalb Stunden später ankamen, waren wir jedes Mal verdutzt über die Katastrophenstimmung, die die Erwachsenen verbreiteten. Unsere Hortleiterin, Frau P., ließ uns an den Ohren vor ihren Schreibtisch schleppen. Sie hatte noch den Telefonhörer in der Hand und sagte: „Da seid ihr ja endlich – gerade wollte ich die Bundeswehr anrufen und nach euch suchen lassen!“ Dabei war doch gar nichts passiert. Wie kann man sich darüber so aufregen?
Schöpfer : Mark Twain
Aufgetaucht: 1876 in England (Verlag Chatto & Windus, deutsch in demselben Jahr bei Diogenes).
Alter: ca. 12 Jahre
Lausbubenfaktor: mittel. Sie schlagen sich in harten Zeiten durch. Das aber ziemlich gewieft: Als Tom Sawyer von seiner Tante Polly verdonnert wird, den Gartenzaun zu streichen, macht er den anderen Jungen die Strafarbeit so reizvoll, dass sie sich darum reißen.
Ende: gut. Sie überleben und teilen einen Schatz.
Schöpfer: Wilhelm Busch
Aufgetaucht: 1865 als Bilder- und Gedichtbuch (Verlag Braun und Schneider, München).
Alter: ca. 12 Jahre
Lausbubenfaktor: hoch. Die beiden lassen nichts aus und schrecken auch vor brutalsten Taten nicht zurück. Heutzutage würden sie vermutlich U-Bahnfahrer zusammenschlagen.
Ende: krass; zu Gänsefutter zermahlen
Schöpfer: Al Taliaferro
Aufgetaucht:1938 im Cartoon „Donald’s Nephews“ (deutscher Titel: Kurzbesuch bei Onkel Donald).
Alter: 10 bis 14 nach verschiedenen Angaben
Lausbubenfaktor: gering. Huey, Dewey and Louie – so heißen die drei kleinen Entchen im amerikanischen Original – waren zwar am Anfang Rabauken, mutierten dann aber bald zu strebsamen Besserwissern.
Ende: offen
Schöpferin: Astrid Lindgren
Aufgetaucht: 1963 in Schweden
(Verlag Rabén & Sjögren, deutsch 1964 bei Oetinger).
Alter: 5 Jahre
Lausbubenfaktor: hoch. Klassischer Fall von gut gemeint, aber Katastrophe verursacht.
Ende: offen. Lindgren deutet aber immer wieder an, dass Michel es als Erwachsener mindestens bis zum Gemeindevorsteher bringt.
Schöpferin: Astrid Lindgren
Aufgetaucht: 1945 in Schweden (Verlag Rabén & Sjögren, Deutsch 1949 bei Oetinger)
Alter: 9 Jahre
Lausmädchenfaktor: hoch. Kann alles (zum Beispiel Gangster jagen, Pferde hochheben), macht alles (zum Beispiel Gangster jagen, Pferde hochheben).
Ende: gut. Dank Zaubernuss für immer Kind.
Schöpferin: Joanne K. Rowling
Aufgetaucht: 1997 im ersten „Harry-Potter“-Band (Bloomsbury-Verlag, deutsch ab 1998 bei Carlsen).
Alter: Anfangs 13, jährlich älter werdend
Lausbubenfaktor: hoch. Erfinden und verkaufen „Nasch- und Schwänzleckereien“. Die Produkte der Zauber-Zwillinge dienen hauptsächlich einem Zweck: der Schule fernzubleiben.
Ende: traurig; Fred überlebt den Kampf gegen Oberbösewicht Voldemort nicht.
Zurück in die Gegenwart: Wir befinden uns im Jahr 50 nach der Erstveröffentlichung des Buchs „Le Petit Nicolas“, und die ganze Welt kennt den französischen Klassiker, gezeichnet vom genialen Jean-Jacques Sempé, erzählt von Asterix-Erfinder René Goscinny. Die ganze Welt? Nein? Sind da einige unbeugsame Nicht-Kenner unter uns? Also: Nick fährt zunächst die Taktik, so lieb und hilfsbereit zu sein, dass seine Eltern ihn – trotz Zweitkind – behalten. Das haut nicht hin. Die Aktion Hausputz beispielsweise führt in Chaos und Turbulenzen; unter anderem landet die Katze in der Waschmaschine. Also Taktikwechsel: Ein Gangster soll sich um das drohende neue Baby „kümmern“, wenn es so weit ist. Aber auch das wirft Schwierigkeiten auf. „Ich sag’s euch“, verkündet Nick einmal, „diese Gangster sind alles Gauner.“
Der Clou am Film ist, dass Regisseur Laurent Tirard es irgendwie geschafft hat, echte Menschen so wirken zu lassen wie die Strichmännchen in der Vorlage. Die entzückende Lehrerin etwa (Sandrine Kiberlain), und auch Nick selbst (Maxime Godart), wenngleich kein Mensch so klein aussehen kann wie ein kleiner Nick, den Sempé auf ein Blatt Papier zeichnet.
Schade nur, dass die Personen in der deutschen Fassung partout deutsche Namen haben müssen: Hühnerbrüh, Otto, Georg – nur der Joachim heißt erstaunlicherweise im französischen Original genauso.
Die Welt des kleinen Nick ist eine wunderbare Welt ohne echte Probleme, sieht man mal davon ab, dass es auch unangenehm enden könnte, wenn ein Haufen Grundschüler mit einem Affenzahn im Rolls Royce durch die Stadt brettert. Diese Abwesenheit von wahren Bedrohungen haben Nicks Abenteuer etwa mit den „Lausbubengeschichten“ von Ludwig Thoma gemeinsam, dem Vorreiter des Film-Lausbuben-Genres in Deutschland. In den 60er Jahren waren die Schwarzweißstreifen nach Thomas Vorlagen Kassenschlager: „Vom Fenster aus konnte man auf die Straße hinunterspucken, und es klatschte furchtbar, wenn es danebenging. Aber wenn man die Leute traf, schauten sie zornig herum und schimpften abscheulich.“ Heute lacht darüber allerdings niemand mehr. Ähnliches droht Max und Moritz, den Lausbuben von Wilhelm Busch. Für sie hört der Spaß ja auch schon am Ende der Geschichte auf, als sie der Müller – „Rickeracke“ – zu Gänsefutter verarbeitet. Allerdings waren Max und Moritz selbst ja auch nicht gerade zimperlich. Lehrer Lämpel sprengten sie mittels Schießpulver in der Pfeife das halbe Gesicht weg.
Gut zehn Jahre nach Wilhelm Busch brachte der Amerikaner Mark Twain seine Buben an die Leser: Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Ob sie Lausbuben sind? Fraglich. Und es ist beileibe keine heile Welt, in der sie zurechtkommen müssen. Da werden Leute umgebracht, und es wimmelt nur so von Begriffen wie „Nigger“.
Dagegen haben die Buntfilm-Helden des 20. Jahrhunderts deutlich mehr Spaß: Michel aus Lönneberga – und eines der ganz besonders seltenen Lausmädchen: Pippi Langstrumpf. Bei ihnen steht wieder der gute Wille ganz im Vordergrund. Michel kriegt es einfach nicht hin und landet als tragischer Held immer wieder im Schuppen. Pippi übersteht auch die seltenen traurigen Momente mit Wunderkräften und ansteckender Non-Konformität.
Aber dann wird es so langsam dünn in Sachen Lausbuben und –mädchen. Sterben sie aus? Ist die Figur heutzutage nicht mehr gefragt? Doch, es gibt sie durchaus. Sie treten nur nicht mehr als Hauptdarsteller auf. Wir haben zwei Waschechte gefunden: die Zwillinge Fred und George Weasley aus den „Harry-Potter“-Romanen. Sie haben nichts als Flausen im Kopf, magische Süßigkeiten, Langzieh-Ohren zum Lauschen oder das ultimative Verstopfungsmittel: „Du scheißt nie mehr“, benannt nach dem gefürchteten Ober-Bösewicht „Du weißt schon wer“.
Sorgen um einen vertrödelten Heimweg nach der Schule müssen sich die Weasley-Lausbuben übrigens nicht mehr machen. Sie schenken sich irgendwann das Lernen und eröffnen stattdessen lieber ihren eigenen Scherzartikelladen. Doch der Spaß hat ein Ende: Fred überlebt bekanntlich den siebten Band nicht. Wieder ein Lausbub weniger.
Mitarbeit: Anna Sarah Berger
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.