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Berggruen-Porträt: Der Mitarbeiter der Woche

Der Karstadt-Retter Nicolas Berggruen gibt sich bodenständig – und bleibt doch ungreifbar. Er selbst sagte nach der geglückten Konzern-Rettung: „Ich sehe mich heute als Arbeiter für Karstadt.“

Wenn es sich rechnet, bin ich zufrieden, sagt Berggruen über den Karstadt-Deal.
"Wenn es sich rechnet, bin ich zufrieden", sagt Berggruen über den Karstadt-Deal.
Foto: REUTERS

Nicolas Berggruen ist eine mythische Gestalt, ein Mann, von dem man einiges zu wissen glaubt und der sich doch so ziemlich jedem Blick entzieht. Wunderbare Geschichten gibt es über diesen schmalen Mann mit den braun-grünen Augen zu erzählen, der, wann immer es irgendwie möglich ist, eine Fliegersonnenbrille im Haar trägt und das weiße Hemd bis zum dritten Knopf geöffnet lässt.

Ob diese Geschichten alle stimmen, kann kaum jemand sagen – aber vielleicht ist das auch längst gar nicht mehr so wichtig.Berggruen, so sagt die Legende, ist ein einsamer Mann, der überall ist, aber nirgendwo hingehört. Er hat keine Wohnung, kein Büro, kein Auto, am liebsten schläft er in seinem Privatflugzeug, wenn es ihn von Kontinent zu Kontinent trägt. Er soll nur fünf blaue Anzüge und zehn weiße Hemden besitzen. Seine Privatvermögen wird auf 1,8 Milliarden Dollar geschätzt.

Zur Person

„Die gute Heuschrecke“ – diesen Titel verlieh der Spiegel dem Finanzinvestor Nicolas Berggruen, 49, nach dessen Übernahme der 220 Karstadt-Filialen. Nach seinem Finanzstudium gründete er eine eigene Holding, kaufte u.a. den US-Brillenhersteller FGX und brachte diesen zurück in die schwarzen Zahlen.

Als Kosmopolit wird der Sohn des 2007 verstorbenen Mäzens Heinz Berggruen oft beschrieben. In Paris kam er 1961 zur Welt. Heute lebt er wahlweise in Los Angeles, New York und Berlin, reist viel in seinem Privatjet um die Welt. Sein Vermögen wird laut „Forbes“-Liste auf 1,8 Milliarden Dollar geschätzt.

Mit 17 Jahren, so geht die Sage, hat er sich von einem Freund 2000 Dollar geliehen und die ersten Geschäfte gemacht. Sein Finanzstudium in New York schloss er bereits nach zwei Jahren ab, dann ging er an die Wall Street. Er hat in dieser Zeit Immobilien gekauft, später Firmen, ganze Ketten. Die hat er saniert und weiterverkauft: den maroden Brillenhersteller FGX, die US-Möbelkette Schieder; dann griffen seine Berggruen Holdings allmählich in die weite Welt aus.

Irgendwann, hat er dem Wall Street Journal erzählt, wollte er dann „in Dinge investieren, die Generationen überdauern“. Einmalige Bauwerke, Kunst und dann auch Karstadt, ein Denkmal deutscher Konsumgeschichte. Es kann sein, dass dieser kinderlose, unverheiratete, 49 Jahre alte Mann schon jetzt über sein eigenes Leben hinaus denkt. Dass er an seinem Vermächtnis arbeitet.

Berggruen ist in Paris aufgewachsen, zu Hause wurde deutsch gesprochen. Sein Vater, der bekannte Kunstsammler Heinz Berggruen, der als deutscher Jude während der Nazizeit die Heimat verlassen musste, soll ihm schon als Kind vom KaDeWe erzählt haben, diesem prächtigen Berliner Kaufhaus. Es gibt nun Leute, die vermuten, der heimatlose Sohn des einst vertriebenen Vaters hätte sich Karstadt als eine Art sentimentales Souvenir zugelegt.

Aber da würde man wohl den Geschäftsmann Berggruen unterschätzen, der sein Geld nicht gefühlsduselig verplempert. „Wenn es sich rechnet, bin ich schon zufrieden, wenn es dann noch Sinn ergibt, bin ich glücklich“, soll er nach dem Kauf eines spanischen Verlagshauses gesagt haben. Seither wird er in der deutschen Presse schon mal als „Investor mit sozialem Gewissen“ tituliert.

Gern arbeitet er im Stadtpark

Das mit der Sinnsuche ist ihm wohl mit den Jahren immer wichtiger geworden. Berggruen investiert in Windkraftwerke und Reisplantagen, er finanziert Entwicklungsprojekte in Afrika und fördert weltweit junge Unternehmer, die sich einer fairen Ökonomie verschreiben. Er sagt, er wolle lernen, fremde Kulturen in sich aufzusaugen, die Zeit zu verstehen.

Nicolas Berggruen wirkt dabei wie ein Getriebener, der unermüdlich die Welt umrundet, der immer im Schwung bleiben muss, um nicht zu sehr zur Ruhe zu kommen. „Ich arbeite 14 Stunden am Tag, egal, wo ich bin. Das ist mein Leben“, hat er mal gesagt. Was würde mit ihm wohl passieren, wenn er mal stehen bliebe?

In seinen Jugendjahren in Paris soll Nicolas Berggruen ein stiller, existentialistischer Schwärmer gewesen sein, der seine Tage und Nächte mit Büchern von Sartre und Camus verbrachte. Seinem Vater soll der verschlossene Junge unheimlich geworden sein, weshalb er ihn hinaus stieß in die Welt, auf dass er sich sein eigenes Brot verdiene. Berggruens jüngerer Bruder Oliver, der als Kunstsammler in Paris lebt, hat einmal gesagt, der Nicolas sei womöglich zu früh aus dem Nest verjagt worden. Kommt daher seine Abneigiung, sich fest an einem Ort niederzulassen? Bis heute soll er keine feste Adresse haben, in Berlin gelte er gar als Wohnungsloser.

Sein Unternehmen hat Niederlassungen in der ganzen Welt, aber selbst die besucht er nicht mehr. Er sagt, er arbeite lieber im Hotel oder im Park. Es ist so, als wolle er um jeden Preis verhindern, dass sich sein Leben verfestigt. Er will der Mann bleiben, der in den Wolken schläft.

Am gestrigen Freitag in Berlin, als der Karstadt-Deal endlich abgeschlossen war, trat Berggruen lächelnd vor die Presse. Er sagte: „Ich sehe mich heute als Arbeiter für Karstadt“. Und es klang, als würde da schon längst an der nächsten Legende gearbeitet.

Autor:  Maxim Leo
Datum:  3 | 9 | 2010
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