Über viele Jahrzehnte gab es nur eine virtuelle Realität, und die hieß Kino. Die wenigen Versuche, Zuschauer mit Fernbedienungen zur Interaktion aufzufordern, blieben folgenlos. Erst das Internet hat Welten geschaffen, die uns nicht nur aufsaugen, sondern auch beteiligen. Das Kino, wenn es denn in diesem Jahrhundert weiterleben möchte, muss sich dieser Herausforderung stellen. Es muss beweisen, dass eine vorgefertigte Bilderzählung interessanter sein kann, als ein Online-Spiel, in dem wir als Ritter gegen Drachen kämpfen. Das wäre wohl noch zu schaffen. Aber wird es auch fesselnder bleiben als jener endlose Bild- und Textteppich, den wir online mit unseren nahen, fernen und vorgeblichen Freunden weben? Es treten an: Film gegen Facebook. Ring frei für David Fincher.
Welcher Regisseur könnte dafür geeigneter sein? Bereits in seinen ersten Filmen „Sieben“ und „Fight Club“ übersetzte der frühere Popvideo-Macher die gewachsene Skepsis gegenüber der Idee des Wirklichen ins Filmische. Nur bruchstückweise erschließen sich diese verschachtelten Erzählungen, weil sich auch hier die Protagonisten nur in Form knapper Selbstinszenierungen zu erkennen geben. In „Sieben“ ist es ein Serienmörder, in „Fight Club“ der verborgene böse Zwilling aus dem Reich des Unbewussten, die immer wieder mal von sich hören lassen. Kein Wunder, dass man kein komplettes Bild von ihnen zu sehen bekommt. Es ist wie in einem sozialen Netzwerk. Nur entstand „Fight Club“ bereits 1999, sechs Jahre vor dem Boom des Facebook-Vorläufers MySpace.
Der Weg ist nicht weit von den männerbündischen Ritualen in „Fight Club“ nach Harvard, dem Schauplatz der Facebook-Gründung in „The Social Network“.
An der Elite-Uni ist Status alles. Auch wenn die meisten der Studenten mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurden – es gibt auch Löffel aus Platin. Der ehrgeizige Informatiker im ersten Semester, Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg), jedoch hat keinen Zugriff auf derartiges Edelmetall. Auch andere Statussymbole sind außerhalb seiner Reichweite. Insbesondere bei Frauen kann er nicht landen.
Die erste Szene, in der wir ihn wirklich kennenlernen, ist ein Date mit einer Kommilitonin namens Erica. Wie er auf die junge Frau einredet, verrät nicht nur den Computernerd. Die Aggression im Bemühen, sie seiner Rhetorik unterzuordnen, offenbart vor allem soziales Unvermögen. Wenn jemand nicht versteht, sich sozial zu vernetzen, so ist es der 19-jährige Mark Zuckerberg. Schlimmer noch, er sinnt auf Rache.
Wortlose Sequenz als sinnliches Chill Out
Mit verbissenem Eifer kopiert er Fotos der Harvard-Studentinnen und stellt sie mit der Aufforderung ihre Schönheit zu bewerten ins Uni-Netzwerk. Das alles ist so illegal wie erfolgreich. Zuckerberg ist auf eine Goldader gestoßen, auch wenn er noch nicht weiß, was er damit anfangen soll. Andere werden ihn darauf bringen: Sean Parker etwa, der Gründer von Napster. Justin Timberlake verleiht ihm die schillernde Aura eines gefallenen Popstars der Internetbranche, gierig nach dem Comeback. Mit seinen Kontakten zu den global players wird er Facebook zu einem Milliardengeschäft machen. Sein verschwenderischer Lebensstil aber kann den ameisenhaft werkelnden Zuckerberg nicht anstecken. Dessen manische Energie ist nicht gedoped mit weißem Pulver. Und doch wird seine treibende Kraft, die diesem Film seinen pulsierenden Rhythmus gibt, durch Fincher und Co-Autor Aaron Sorkin nicht heroisiert. Schon von Beginn an agiert ihr Held bedrohlich und potentiell kriminell. Das Genie ist kein „beautiful mind“. Der Rahmen für die in Rückblenden erzählte Geschichte des kometenhaften Aufstiegs des Mark Zuckerberg ist folglich ein Gerichtsverfahren.
Lange hat es gedauert, bis sich die Geprellten entschlossen haben, ihre Rechte einzufordern. Die von Armie Hammer in einer Doppelrolle verkörperten Winklevoss-Zwillinge, olympische Ruderer aus gutem Haus, die Zuckerberg engagieren, um ihr Studentenportal „The Harvard Connection“ aufzumotzen – bis dieser sich mit den wertvollen Daten selbstständig macht. Und vor allem Eduardo Saverin (Andrew Garfield): Er ist Zuckerbergs einziger Freund und Zimmernachbar. Er finanziert die Facebook-Gründung und er allein schleppt auch die reichen Investoren an. Seine Ausbootung als Geschäftsführer und Miteigner vollzieht Zuckerberg dann so lässig, dass es der Geprellte zuerst nicht einmal bemerkt. Man ist überrascht, einen Biografiefilm über lebende Personen zu sehen, mit denen derart hart ins Gericht gegangen wird. Tatsächlich hat Fincher nach seiner zwiespältigen Filmfantasie „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ zur Größe seiner besten Filme zurückgefunden. Die hypnotische Dichte mit der sich diese Geschichte entwickelt, die vielen Fenster, die dieser Film öffnet ohne sich zu verzetteln: Es ist der selbe Sog der Information, der uns nach dem Internet süchtig gemacht hat und einen Mark Zuckerberg hervorbrachte.
„The Social Network“ ähnelt darin dem klassischen Watergate-Film „Die Unbestechlichen“. Er vermittelt eine hochkomplexe Materie packend und einfach. Allerdings erhöht Fincher das Tempo auf den Rhythmus eines Gangsterfilms der frühen Dreißiger Jahre. Dieser Film ist voller Dialog und hat doch keinen langweiligen Augenblick. Dennoch gibt es auch wunderbare Schauwerte, überraschenden Humor und sogar eine wortlose Sequenz als sinnliches Chill Out. Aber es bleibt das Porträt eines Vergeistigten, dem physische Sinnesfreuden fremd sind. Und so ist die Sache, die dieser meisterhafte Film am genauesten abbildet, etwas Unsichtbares: ein manischer Geist, der Geist des Mark Zuckerberg. Es bleibt eine böse Ahnung, dass er die Welt nicht nur zum Guten verändert hat.
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