Immer wieder diese Albträume. Barsche Kommandos wie Peitschenhiebe, „Achtung“, „zurück“, „schnell, schnell“, die Bilder von grauen Uniformhosen in schwarzen Stiefeln, die Sohlen mit silbernen Eisennägeln beschlagen. „Ich war damals sieben Jahre alt“, erinnert sich Zoni Weisz, „da sieht man die Welt von unten.“ Damals, das war im Mai 1944, als er „mit unglaublichem Glück“ der Deportation entging, aber erleben musste, wie die Eltern, Schwestern, der neun Monate alte Bruder, wie Tanten und Onkel nach Auschwitz gebracht wurden. Er sieht sie nie wieder. Dafür hört er das Getrampel deutscher Militärstiefel, bis heute, „dieses Geräusch wird bis zu meinem Lebensende in meinem Gedächtnis bleiben“.
Zoni Weisz hält inne, greift zum Wasserglas, das seine Frau gebracht hat. Er ist jetzt 73 Jahre alt, er hat über jenen Tag schon oft berichtet und wird doch nie so darüber reden können wie über irgendein anderes Thema. Heute wird er ihn im Deutschen Bundestag wieder erwähnen, wenn er während der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus an den „vergessenen Holocaust“ erinnert: die systematische Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma durch die Deutschen.
Dass gerade er als Vertreter der zwölf Millionen Menschen seiner Gemeinschaft vor führenden deutschen Politikern sprechen darf, Weisz empfindet das als „große Ehre“ und Chance. „Jeder weiß, dass im Nationalsozialismus sechs Millionen Juden umgebracht wurden, aber kaum jemand, dass auch eine halbe Million Menschen von uns ermordet worden sind. Jetzt habe ich die Möglichkeit, darüber zu sprechen.“ Weisz hält den Text seiner Rede hoch. „Und ich werde darauf eingehen, dass heute in einem EU-Land wie Ungarn an den Türen von Gaststätten wieder Schilder hängen, die Zigeunern den Zutritt verbieten.“
Flucht vor dem Todeszug
Die Weisz waren seit jeher Musiker. Der Vater ließ sich in den 1930er Jahren im niederländischen Zutphen als Instrumentenbauer nieder, eröffnete in der Kleinstadt nahe Apeldoorn ein Musikgeschäft, spielte im Familienorchester. Dann marschieren die Deutschen ein, gehen gegen die Sinti und Roma vor, brandmarken sie als „Schädlinge“. Im Mai 1944 verhaften die Besatzer mit bereitwilliger Unterstützung der niederländischen Behörden systematisch die Sinti- und Roma-Familien im Land. Auch Zoni Weisz fällt ihnen irgendwann in die Hände, sie bringen ihn zum Bahnhof ins nordost-holländische Assen, dort steht der „Zigeunertransport“ nach Auschwitz. Doch mit Hilfe eines Polizisten kann der Junge statt in den Todeszug steigen zu müssen in einen Personenzug flüchten, der sich auf dem Nachbargleis in Bewegung setzt. Während er in die Freiheit fährt, rollt der Transport mit seiner Familie dem Tod entgegen.
„An die ersten Tage danach habe ich keine Erinnerung. Später habe ich ganze Tage und Nächte geweint.“ Bis zur Befreiung des Landes durch die Alliierten versteckt sich Weisz mit einer Tante und einigen Cousins auf dem Land, lebt in der ständigen Angst, entdeckt und verraten zu werden.
Der mittlerweile Achtjährige wächst bei einer Schwester seiner Mutter auf. „Meine Tante war sicher keine Psychologin, aber sie hat geahnt, was mir in meiner Verzweiflung helfen konnte.“ Sie sorgt dafür, dass er mit anderen Kindern spielt und treibt, obwohl mittellos, eine Gitarre auf. „Langsam, sehr langsam“ kommt er über den Verlust der Familie hinweg. „Aber die Erinnerung ist immer noch da, sie sitzt ganz nah unter der Oberfläche“, er zupft an der Haut seines Unterarms. Und manchmal, schlagartig, hat er alles wieder vor Augen. „Bei der Geburt meiner Kinder etwa, als ich mir klar machte, warum meine Eltern nicht da sind.“ Und bei seiner Arbeit im Blumengeschäft glaubt er lange zu sehen, „wie meine Mutter mit den Geschwistern an der Hand in den Laden kommt“.
Ausgezeichneter Blumengestalter
Heute ist Zoni Weisz einer, der es geschafft hat, einer, auf den die Sinti und Roma in den Niederlanden stolz sind. Als Erster seiner Familie hat er sich nicht der Musik verschrieben, obwohl er noch täglich – er deutet auf die Gitarre unter dem großen Ölbild in seinem Wohnzimmer – ein wenig spielt. Er wurde ein vielfach ausgezeichneter Blumengestalter, ein Botschafter der niederländischen Blumenindustrie. Königshaus und Parlament in Den Haag nahmen seine Dienste in Anspruch.
Die Parlamentsverwaltung war es auch, die ihn 1999 bat, das Blumenkunstwerk zu gestalten, das die Niederländer dem Deutschen Bundestag zu dessen 50. Geburtstag schenken wollten. Einige Tage, erzählt Weisz, habe er gezögert, ob er „mit meiner Geschichte“ solch ein Blumenarrangement gestalten könne, „in der Stadt, in der alles angefangen hat“. Dann sagte er zu, die Blumen sollten eine Botschaft sein: „Ich habe gesagt, ja, ich mach das, um zu zeigen, dass wir noch da sind.“
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