Maryl hat den Blues, das sieht man schon an seinem Gang. Sein Schritt ist träge und schwer, als er sich von seiner Bank im Schatten einer großen, alten Eiche erhebt, so schwer, wie nur der Schritt eines Mannes ist, der nichts mehr zu verlieren hat.
Seit sechs Tagen sitzt Daryl jetzt da unter der Eiche. Seit dem Sonntag, an dem das Wasser kam und sein Haus zerstörte. „Dort drüben hat es gestanden, in der Hutson Street“, sagt der beinahe zahnlose Schwarze, dem weiße Bartstoppeln aus dem Kinn sprießen. Sein Südstaatenslang ist dabei so stark, dass auch Amerikaner, die nicht aus dem US-Bundesstaat Mississippi kommen, ihn kaum verstehen würden.
Die Hutson Street gibt es nicht mehr. Seit der Flut steht dort, wo Daryl hinzeigt, eine faulig stinkende, gelblich-braune Brühe, in der Mülleimer und Bierdosen schwimmen, dazwischen Wassernattern und Ratten. Giebel der ärmlichen Wohnhäuser im Kings Viertel von Vicksburg spiegeln sich auf dem Brackwasser.
Die große Mississippi-Flut hat am Donnerstag einen Mann in Vicksburg das Leben gekostet. Und sie hat die Hälfte von Kings mitgenommen – rund 400 Haushalte. Es sind die ärmsten Haushalte von Vicksburg, wo, wie so oft entlang des Mississippi, die Gettos der Schwarzen in den niedrigen Lagen direkt an den Fluss gebaut wurden.
Die putzigen Backsteinhäuschen der historischen Altstadt von Vicksburg liegen hingegen auf einem Felsen 50 Meter oberhalb von Kings. Im Gegensatz zu dem Slum am Fluss ist kein Tropfen Mississippi-Wasser an ihre Fassaden geraten. Die Cafés und Souvenirläden an der Main Street haben Hochbetrieb. Fluttouristen machen Fotos von der zu dre i Vierteln versunkenen Bahnstation unten am Ufer. Sogar Flut-Gedächtnis T-Shirts gibt es schon zu kaufen.
„High Water Everywhere“ sang der Blues-Sänger Charley Patton 1927
Daryl und die anderen Obdachlosen von Kings haben sich derweil unter den Bäumen hinter dem Topsie’s Liquor Store eingerichtet. Der Schnaps-Laden liegt im höheren Teil des Viertels, nördlich der Haning Street und ist das einzige Geschäft, das hier noch geöffnet hat. Da sitzen sie den ganzen Tag und trinken und warten.
Im April bringen zwei Sturmfronten starke Niederschläge; mit der jährlichen Schneeschmelze sammeln sie sich zu Sturzfluten.
3. Mai: Der erste Deich wird gesprengt, um Überflutungen in Illinois zu verhindern.
5. Mai: Der Gouverneur des Bundesstaates Mississippi erklärt elf Countys entlang des Stroms zu Katastrophengebieten. Am 7. Mai folgen zwei weitere Countys.
10. Mai: Die Flutwelle erreicht in Memphis ihren Höhepunkt mit einem Pegelstand von 14,6 Metern.
14. Mai: Die US-Armee öffnet einen Hochwasserentlastungskanal.
19. Mai: Die Flut fordert das erste Todesopfer: Walter Cook (69) in Vicksburg. (FR)
Bevor die Flut kam, hat Daryl als Gärtner gearbeitet, doch die meisten Gärten, die er gepflegt hat, liegen nun auch unter Wasser. Zusammen mit seiner Mutter, seiner Frau und seinen beiden Töchtern hat er Unterschlupf bei Freunden im oberen Teil von Kings gefunden. Sobald das Wasser wieder zurückgeht, will er sein Haus wieder aufbauen. Doch das wird dauern.
Der Mississippi bei Vicksburg hat gerade erst den höchsten Pegel der Flut erreicht. Am Freitag hatte er 19,5 Meter – knapp zwei Meter mehr als bei der letzten Rekordflut vor drei Jahren. Schwer und gewaltig wälzen sich die schlammigen Wassermassen in Richtung des US-Bundesstaates Louisiana, wo die Nationalgarde in den vergangenen Tagen die Deiche mit Sandsäcken verstärkte. Bis der Mississippi wenigstens auf den Höchststand von 2008 zurückgeht und die Kings-Gegend wieder freigibt, kann es noch bis zu drei Wochen dauern.
Es ist unwahrscheinlich, dass Daryl in seinem Haus dann noch irgendetwas findet, das er gebrauchen kann. Versichert war Daryl, wie die meisten Leute in Kings, nicht. Das konnte er sich nicht leisten. Vorgestern ist Daryl hinauf in die Altstadt gelaufen, zum Büro der Katastrophenschutzbehörde Fema und hat mit Hilfe eines Beamten einen Antrag auf Nothilfe ausgefüllt. Wann die kommen wird und wie hoch sie sein wird, konnte ihm jedoch niemand sagen. Einstweilen sind die drei Koffer voller Kleider, die er noch hastig packen konnte, bevor das Wasser kam, alles, was er noch hat.
Oberhalb von Kings, gegenüber der Altstadt, auf einer Anhöhe in der Biegung des Mississippi steht ein gigantisches Freiluftmuseum. Darin wird an die Bürgerkriegsschlacht von Vicksburg erinnert. 1863 war die Stadt einen Monat lang vom Nordstaatengeneral Sherman und seinen Truppen belagert worden. Es war das dritte Jahr des US-amerikanischen Bürgerkriegs und Sherman gelang es in dem blutigen Gemetzel, den Widerstand der Konföderierten zu brechen. Die Union erlangte die Kontrolle über den Fluss, das Kriegsgeschick begann sich damit zugunsten des Nordens zu wenden.
Das war der Anfang vom Ende für die Sklavenhaltung in den Südstaaten der USA und der erste Schritt zur Befreiung der Schwarzen. Daryl und seine Nachbarn sind heute frei, aber trotzdem nicht viel weiter als ihre Vorfahren nach dem Sieg der Union 1865. Sie sind sehr arm, ohne Perspektive und fühlen sich vom Rest des Landes und der Welt im Stich gelassen.
Die Geschichte von Daryl ist die Geschichte der armen schwarzen Bevölkerung im Mississippi-Delta. Vor ihr verschließen die USA, auch im Zeitalter des US-Präsidenten Barack Obama, gern die Augen. Sie erzählt von einer Wirklichkeit, die so alt ist wie die ersten Baumwollplantagen im Süden, auf denen Sklaven gearbeitet haben. Diese Realität hat den Blues geboren. Jene Musik, die, wie der New Orleanser Jazz-Journalist und Romancier Tom Piazza einmal schrieb, „es dem Einzelnen und der Gemeinschaft ermöglicht, auch unter schlimmsten Umständen die Würde zu bewahren und irgendwie weiter zu machen“.
Die Menschen in New Orleans hoffen, dass ihnen diesmal die Katastrophe erspart bleibt
Vicksburg liegt im Herzen des Blues-Landes. Nur einen Kilometer von Daryls geflutetem Haus entfernt verläuft der legendäre Highway 61, der auch der Blues Highway genannt wird. Der Sänger Muddy Waters wurde in Rolling Fork, 70 Kilometer nördlich von Vicksburg , geboren, die Blues-Sängerin Bessie Smith starb bei einem Autonunfall auf dem Highway 61 bei Clarksdale. Und Bob Dylan widmete der Straße ein Konzept-Album, mit dem er etwas prätentiös versuchte, sich in die Tradition der Delta-Blues-Musiker zu stellen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Blues auf der 61 am Mississippi entlang bis nach Minnesota gebracht haben, wo Dylan aufwuchs.
Der vielleicht bedeutendste 61-Blueser war jedoch Charley Patton, den Musikkenner für den wohl wichtigsten US-Musiker aller Zeiten halten. In Pattons Blues steckten die Wurzeln jeder amerikanischen Musikform – des Jazz, des Rhythm and Blues, des Rock’ n’ Roll und der modernen Country Musik.
Patton kam in Hinds County, etwa 40 Kilometer von Vicksburg entfernt, zur Welt, und als die große Mississippi-Flut von 1927 kam, ging es ihm so, wie es heute Daryl geht. Überall, wo er hinging, folgte ihm das Wasser, kreuz und quer durch den Staat von Sumner über Leland und Roseland bis nach Vicksburg. Nirgends gab es Rettung. Zu seiner Stahlgitarre sang er den Mississippi-Blues „High Water Everywhere“.
In diesen Tagen ist der Charley- Patton-Blues so etwas wie eine Hymne entlang des Mississippi. Jeder denkt an die große Flut von 1927 zurück, als 145 Deiche brachen, 69 000 Quadratkilometer Ackerland überschwemmt wurden und 250 Menschen ertranken. Damit erfüllt sich die Prophezeihung des Schriftstellers Mark Twain, dass keine Ingenieurskunst der Erde diesen Strom jemals daran hindern könne, zu tun, was immer er will.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts baut der Mensch am Lauf des Mississippi herum, um reibungslose Schifffahrt auf der wichtigsten Handelstrasse des Landes zu gewährleisten und gleichzeitig das fruchtbare Land an seinen Ufern bis auf den letzten Quadratmeter auszunutzen. Kaum einer der rund 2000 Kilometer des Mississippi ist noch unbegradigt, an kaum einer Stelle darf er sich noch seinen eigenen Weg bahnen.
Im Zaum gehalten wird der Mississippi von einem gigantischen System an Deichen. 13 Milliarden US-Dollar hat es seit 1927 gekostet, diese Deiche auszubauen. Eine Investition, die sich gelohnt hat. Nach Schätzungen der US-Regierung haben die Deiche seitdem 370 Milliarden US-Dollar an Flutschäden verhindert. Doch ob sie auch der Rekordflut in diesem Jahr einigermaßen unbeschadet widerstehen, ob sie Baton Rouge und New Orleans schützen und keine weiteren Landgemeinden geflutet werden müssen, ist noch nicht ausgemacht.
Darelle Reid ist jedenfalls sichtbar besorgt. Der Armeeingenieur steht mitten auf einem Soja-Acker nahe der Kleinstadt Vidalia im US-Bundesstaat Louisiana, rund 120 Kilometer südlich von Vicksburg. Der Mississippi ist einen halben Kilometer von hier entfernt. Das Feld ist brottrocken. Doch aus dem Wall eines Bewässerungskanals rinnt etwas, das Reid nicht gefällt.
„Das ist Mississippi-Wasser“, sagt der Hydro-Ingenieur und legt die Stirn in Falten. Er erkennt es an der Farbe, das Rinnsal ist gelblich-braun. Das bedeutet für Reid, dass es durch den Deich gesickert sein muss und die Tonerde, aus der die Deiche gebaut werden, ausschwemmt. „Keine gute Nachricht“, sagt er.
Am Mississippi-Ufer der 5000-Seelen Gemeinde Vidalia stehen bereits ein Krankenhaus, ein Hotel, sowie das Kongresszentrum unter Wasser. Sie wurden vor die Deiche gebaut, die den Ort schützen und der Mississippi steht an manchen Stellen jetzt nur noch einen Meter unterhalb des Deichkamms. Zum berechneten Pegelhöchststand fehlen noch 60 Zentimeter. Wenn es die kommenden Tage nicht regnet, dürfte alles gut gehen – vorausgesetzt, es bricht kein Deich.
"Dann würde der Deich ganz schnell explodieren"
Das zu verhindern, ist die Aufgabe von Darelle, der seit 37 Jahren hier die Deiche überwacht. Er war bereits im Ruhestand, als im Mai die Fluten kamen. Dann hat man ihn wieder gerufen. Niemand kennt die Deiche in Vidalia so gut wie er. Niemand hier kennt den Mississippi so gut.
Die größte Gefahr, so Darelle, ist, dass durch den enormen Druck immer mehr Wasser durch die Deiche sickert. Ihre Substanz wird ausgespült und irgendwann bricht dann einer. Die Gemeinde Vidalia, die direkt hinter den Deichen liegt, wäre dann so schnell unter Wasser wie vor sechs Jahren die niedrig liegenden Viertel von New Orleans. Ebenso die Hunderte Quardatkilometer Ackerland, die sich von Vidalia aus nach Norden und Süden erstrecken und die den Ort am Leben erhalten.
Darelle, der in Vidalia geboren wurde und sein ganzes Leben hier verbracht hat, schläft kaum noch, seit Anfang Mai das Wasser zu steigen begann. Unaufhörlich kontrolliert er die 70 Kilometer Deiche, die in sein Gebiet fallen. Fährt sie tagsüber mit dem Jeep ab. Läuft nachts, wenn die Alligatoren aus dem Fluss gekrochen kommen, mit der Taschenlampe Patrouille.
Vorgestern hat er bei einer solchen Patrouille in einem Wäldchen 40 Kilometer nördlich von Vidalia einen Springbrunnen entdeckt. Auch er speist sich eindeutig aus Mississippi-Wasser, das durch die Deiche gesickert war. „Man kann das nicht einfach verstopfen“, sagt er, während er auf seiner täglichen Kontrollfahrt die Stelle überprüft. „Denn dann würde der Deich ganz schnell explodieren.“
Stattdessen hat Darelle behutsam mit Sandsäcken einen Wall um die Fontäne gebaut, gerade hoch genug, um den Gegendruck etwas zu erhöhen und das Wasser langsam abfließen zu lassen. „Das ist eine ganz sensible Sache, da kommt es auf Millimeter an“, sagt er.
Es ist, als ob Darelle Reid ein Kartenhaus bewacht, das in einer steten Brise steht. Eine einzige Böe und alles ist aus. Und das wird noch mindestens drei Wochen so gehen. Eine Zerreißprobe für die Nerven. Doch so geht es nicht nur Darelle. In keinem Abschnitt der knapp 300 Kilometer zwischen Vidalia und New Orleans ist es anders.
Dort, am Nordufer des Mississippibogens im Vieux Carree, beginnt der Highway 61. Man kennt dort den Blues so gut wie nirgendwo sonst. Dort ist er zu Hause. Der Blues gehört zu dieser Stadt wie der Fasching Mardi Gras und Jambalaya aus der Cajun-Küche. Er hat die Menschen in New Orleans durch die Flut von 1927 gebracht. Und auch durch die schrecklichen Zerstörungen des Hurrikans Katrina. Der Blues war der Deich dieser Stadt gegen Verzweiflung und Nihilismus. Aber Katrina war eine schwere Prüfung. „Der Geist von New Orleans ist heute fürchterlich bedroht“, schrieb Tom Piazza unmittelbar nach dem Sturm in seinem flammenden Plädoyer dafür „Warum New Orleans wichtig ist“.
Doch der Deich des Blues hielt schließlich, die Seele New Orleans hat mit knapper Not überlebt. Ob er noch einmal halten wird, möchte man dort aber lieber nicht ausprobieren.
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