Sting, Sie haben kürzlich in der Nähe Ihres Landgutes in der Toskana einen eigenen Bio-Laden eröffnet, in dem Sie selbst produziertes Olivenöl und eigenen Wein verkaufen. Langweilt Sie das Musik-Geschäft?
Nein. Es ist nur so, dass mich der Weinanbau sehr inspiriert. Wir stellen bio-dynamischen Wein her, nach der Rudolf-Steiner-Methode.
Der österreichische Anthroposoph, der unter anderem empfahl, die Aussaat unter Berücksichtigung der planetaren Konstellation durchzuführen. Bisschen seltsam, oder?
Ich weiß, diese Methode klingt zunächst eigenartig – aber sie funktioniert. Wir pflanzen die Reben tatsächlich nach den Mondphasen. Und der Wein schmeckt phantastisch. Es ist ein Chianti, er heißt „Sister Moon“, nach einem meiner Songs.
Jetzt klingen Sie fast wie Gerard Dépardieu, der auch seit langem Winzer ist und jedem erzählt, dass ihn der Weinanbau mehr begeistert als die Schauspielerei. Geht Ihnen das ähnlich?
Ich teile seine Begeisterung. Weinanbau ist ja eine faszinierende, altertümliche Kultur. Das Prinzip des bio-dynamischen Anbaus ist ja, dass jedes Stück Land für sich genommen einzigartig ist. Folglich ist alles, was darauf wächst, ebenfalls einzigartig. Der Wein, den du dort anbaust, sollte also nicht gewöhnlich sein. Die meisten Weine, die man heute im Handel kaufen kann, schmecken...,nun ja, eben wie alle anderen Weine auch.
Das klingt jetzt sehr herablassend.
Da haben Sie mich missverstanden. Was ich sagen will ist: Nach den biodynamischen Prinzipien sollte der von dir hergestellte Wein eben auch wie dein Wein schmecken, er sollte unverwechselbar sein. Ich glaube, das ist uns gelungen.
Kann ein Sting-Wein so unverwechselbar schmecken, so wie Sting-Songs unverwechselbar nach Ihnen klingen?
In der Toskana spiele ich oft in meinen Weinkellern Musik – obwohl ich dort auch ein Aufnahmestudio habe. Mein Wein scheint diese Energie und Schwingungen aufzusaugen.
Also nur Wein und Gesang.
Wenn Sie so wollen. Auf meinem Weingut verläuft das Leben, der Alltag jedenfalls ganz anders als auf einem konventionellen Bauernhof. Es fühlt sich sehr lebhaft, schwingend an – eben dynamisch.
Mal ehrlich, wie viel Ihrer Zeit opfern Sie denn für die Arbeit in den Reben?
Also im letzten Jahr habe ich sehr viel Zeit dafür geopfert, ich war sehr oft in der Toskana. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich das Interesse am Wein in Zukunft noch ausbauen werde.
Wie dürfen wir uns Sting als Winzerkönig vorstellen? Schreiten Sie bei Vollmond die Reben ab, um abzuschätzen, ob die Zeit reif ist, die Trauben zu pflücken?
Ich pflücke tatsächlich gerne selbst Trauben. Aber die Entscheidung darüber, wann Sie geerntet werden, überlasse ich den Experten, die sich da viel besser auskennen als ich. Immerhin: Sie beziehen mich in die Entscheidungen mit ein. Ich habe viel gelernt über den Weinbau und ich lerne weiter dazu.
Reden wir ein bisschen über den Einfluss von Musik auf Ihre Familie. Vor längerer Zeit haben Sie mal über einen Streit mit Ihrem ältesten Sohn Joe geklagt, der die Schule abbrechen wollte, um Musiker zu werden. Vor drei Jahren spielte er dann überraschend mit seiner Band Fiction Plane im Vorprogramm von The Police. Haben Sie sich ihm gegenüber nicht durchsetzen können?
Doch. Joe hat seinen Abschluss gemacht. Und er ist erst danach Musiker geworden. Alle meine Kinder haben einen Schul-Abschluss – alle bis auf meine Tochter Coco.
Die ist gerade auf einer Europa-Tournee und wird demnächst mit Ihrer Band „I Blame Coco“ ihre erste CD veröffentlichen.
Ja, anfangs habe ich noch versucht, Coco davon zu überzeugen, ebenso wie ihre Geschwister erst einen Abschluss zu machen. Es nutzte nichts, sie hat die Schule trotzdem abgebrochen. Wissen Sie, was sie mir sagte?
Nein.
Sie sagte: „Dad, ich weiß doch, was ich machen will, ich bin eine Sängerin, und dazu brauche ich keinen Schulabschluss.
In der DVD-Dokumentation zu der letzten Police-Tournee gibt es eine Szene, in der Sie neben der Bühne stehen und sich den Auftritt Ihres ältesten Sohnes anschauen. Was geht Ihnen in solchen Momenten durch den Kopf?
Das sind für mich jedes Mal sehr bewegende Momente. Wann immer ich meinen Kindern bei ihren Auftritten zusehe, denke ich: Jetzt ist meine Arbeit erledigt. Der Kreis hat sich geschlossen, ich habe Spuren hinterlassen.
Mit The Police wurde der britische Ex-Lehrer Gordon Sumner alias Sting Ende der 70er Jahre weltberühmt. Seit Mitte der 80er Jahre ist der Sänger und Bassist unter eigenem Namen erfolgreich.
Mit Orchester geht er jetzt auf Tournee: Sting präsentiert die Musik seiner aktuellen CD „Symphonicities“ (Deutsche Grammophon), für die er mit dem Royal Philharmonic Orchestra Police-Hits und Solo-Songs neu einspielte.
Termine: Hamburg (19. Oktober), Frankfurt (20.), Stuttgart (23. Oktober). Im November erscheint ein Konzert-Mitschnitt der Tournee, „Sting- Live in Berlin“. (art)
Es ist für Kinder nicht leicht, im gleichen Geschäft wie der erfolgreiche Vater zu reüssieren.
Das stimmt natürlich. Aber es ist ihre Entscheidung. Wenn ich ihre Songs höre, ihnen zusehen, wie sie da oben auf der Bühne stehen, erkenne ich vieles von mir selbst in ihnen wieder. „Das haben sie jetzt von mir“, sage ich mir dann. Gleichzeitig fallen mir ganz neue Tonlagen, Bewegungen auf, die ganz anders sind als alles, was ich je gemacht habe. Darin sind sie dann unverwechselbar sie selbst. Das zu beobachten ist unglaublich spannend, aber es wühlt mich auch jedes Mal wieder auf. Ich beobachte die Evolution innerhalb einer Generation.
Wie sieht es mit Ihrer musikalischen Evolution aus? Die letzte CD mit neuen Songs haben Sie 2003 veröffentlicht, seitdem haben Sie kurzzeitig The Police reanimiert und ansonsten Lieder anderer Komponisten aus vergangenen Jahrhunderten intoniert. Nun singen Sie Ihre alten Hits mit Unterstützung eines Symphonie-Orchesters.
Es ist nicht leicht, Rock- und Pop-Rhythmen mit einem Sinfonieorchester zusammenzubringen. Für mich war das jedenfalls wieder eine Herausforderung. Auf diese Weise lerne ich immer wieder etwas Neues über meine alten Songs, die ich Tausende Male gespielt haben muss. Ich bin eher zufällig in dieses Projekt hereingeraten. Das Chicago Symphonie Orchester hatte mich gebeten, für ein Benefiz-Konzerte ein paar meiner Songs mit ihnen einzuspielen. Das gefiel mir. Ich hatte immer wieder mal mit Orchestern gearbeitet. Ich war mein ganzes Leben lang daran interessiert, musikalische Barrieren zu überwinden – so war es auch diesmal.
Interview: Martin Scholz
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