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10. Juli 2012

Design: "Das Richtige zu tun, ist immer eine Herausforderung"

Designer müssen früh aufstehen, findet Hartmut Esslinger.  Foto: dpa

Wer nur an die Ästhetik denkt und nicht an die Umweltverschmutzung, der verkennt die Zeichen der Zeit. Sagt Hartmut Esslinger, Produktdesigner und Gastkurator der Produktdesign-Ausstellung "Made 4 You".

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Wahrscheinlich fände es der energiegeladene Hartmut Esslinger allzu retrospektiv, als Design-Legende bezeichnet zu werden. Aber er ist der Mann, mit dessen Entwürfen Apple-Computer in den 80er-Jahren zum Welterfolg wurden. Esslinger, heute 68, hat mit seinem Büro Frog Design für Firmen von Lufthansa über Disney bis Louis Vuitton gearbeitet – und ließ sich jetzt vom MAK als Gastkurator für „Made 4 You“ verpflichten.

Herr Esslinger, ist Design heute wirkmächtiger, hat die Sehnsucht nach Ästhetik mehr Einfluss auf das Leben der Menschen, als es früher einmal der Fall war?
Das mit der Ästhetik ist ja immer das Riesen-Missverständnis! Design ist für die Menschen da, deswegen muss man alles einbeziehen, was für die Menschen wichtig ist: die Kultur, Tradition, Geschichte einerseits, Umwelt, Ökologie und Wissenschaft andererseits. Das alles zusammen erfordert eine Art Katalysator-Funktion des Designs. Das Ästhetische ist nur ein ganz kleiner Teil davon.

Aber ging man früher nicht eher unschuldig davon aus, dass Design auch nur ästhetisch sein könne, als schöne Obstschale zum Beispiel?
Das ist die Flucht vor der Realität. Viele Kreative kapitulieren vor den Notwendigkeiten und verstehen sich nur als Ästheten. Ich habe viele Kollegen, wie zum Beispiel Karim Rashid, deren Arbeiten wunderschön, aber einfach nicht relevant für die Welt sind. Ähnlich ist es bei Alessi, die leben auch auf einer Insel. Ich will, dass es den Menschen insgesamt besser geht. Wahrscheinlich ist das meine pietistische Programmierung, die besagt: Ihr seid nicht geboren, um glücklich zu sein, sondern um eure Pflicht zu tun. Das Richtige zu tun, ist immer eine Herausforderung. Im Design besonders. Der Kult um das Ästhetische macht das zu einem typischen Chichi-Beruf.

Worüber muss man heute nachdenken als Designer?
Wir haben Umweltverschmutzung, wir haben globale Probleme. Vor der ganzen Energieverschwendung und der Idiotie mit den Atomkraftwerken kann ich doch nicht einfach die Augen zumachen, mein Stühlchen entwerfen und happy sein. Der Effekt ist null! Es geht um einen wirklichen Wandel der Werte, der Prozesse und der Ergebnisse.

Von 2006 bis 2011 hatten Sie eine Gastprofessur an der Universität für Angewandte Kunst in Wien inne, Bereich Industriedesign. Was haben Sie die Studenten gelehrt?
Ein zeitgemäßes Verständnis von strategischem Design. Allerdings haben wir generell im Design keine Uni-versity, sondern eine Mono-versity. Jeder Lehrstuhl ist auf ein bestimmtes Thema fixiert. Und die Ökologie muss auch im Lehrplan präsent sein. Bei Studenten, die das Gefühl haben, nichts bewirken zu können, betreibe ich „Brainwashing“ im guten Sinne, indem ich ihnen vermittle, dass sie etwas zu sagen haben, dass sie ihre Verantwortung wahrnehmen sollen. Ansonsten mussten sie zuerst einmal zeigen, dass sie ihr Talent durch Fleiß verdienen. 90 Prozent des Prozesses sind Durchhaltevermögen. Und: morgens um neun da zu sein. Wir Kreativen müssen sehr darauf schauen, zuverlässig zu sein. Wir stehen immer in Verdacht, schlampig zu sein. Wissen Sie, das ist wie bei einer schönen Frau, der wird auch immer unterstellt, dass sie unmoralisch sei. Reiner Wahnsinn! Dementsprechend moralisch muss sie sich verhalten, so verlangt es leider die Konvention.

Sie sagen, dass man die Zukunft immer mitdenken muss im Design, mindestens die nächsten zehn Jahre, damit ein Entwurf lange relevant bleibt. Was muss man denn mitdenken im Moment?
Wenn man sich die frühen Apple-Modelle hier in „Made 4 You“ anschaut, dann sind sie mittlerweile 30 Jahre alt. Damals gab es keine flachen Displays, aber wir haben trotzdem einen Hersteller gefunden. Steve Jobs wollte schon damals den Touch-Computer machen, auch ein Touchscreen-Telefon war schon fast fertig. 1985 feuerte Apples CEO John Sculley den Unternehmensgründer Steve Jobs, und diese Jahre gelten heute als quasi nicht geschehen. Als Jobs 1997 zurückkam, wurden Millionen Dollar in Design investiert, um Produkte kleiner zu bekommen, neue Bereiche wie Musik zu erschließen und die Nutzung zu erweitern. Wir brauchen Unternehmensführer, die verstehen, dass Design als Strategie das beste Investment ist. Bei Apple werden für Design etwa 150 Millionen Dollar im Jahr ausgegeben. Das ist ein Promille – also ein Tausendstel – des Umsatzes. Bei so einem Ergebnis muss man sich wirklich fragen, warum nicht alle Unternehmen diesem Beispiel folgen.

Interview: Carmen Böker

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