Vor drei Wochen wachte Eva Weinmayr mit Zahnschmerzen auf. Während sie im Internet nach einem Arzt suchte, warf sie einen kurzen Blick auf ihre Emails. Eine Nachricht fiel ihr sofort ins Auge. Sie stammte von einem Journalisten einer Londoner Boulevardzeitung: „Hallo Eva, ich arbeite für den ,Sunday Mirror’. Ich bin neugierig, was du davon hältst, dass der konservative Premierminister David Cameron zwei deiner Arbeiten für die Downing Street ausgewählt hat?“ Weinmayr, 46 Jahre alt, Künstlerin, deutsch und seit zehn Jahren in London lebend, hatte keine Ahnung, was der Journalist meinte. Statt zu antworten, fuhr sie erst einmal zum Zahnarzt.
Jetzt sitzt Eva Weinmayr auf einem Drehstuhl in ihrem Atelier im Londoner East End. An der Wand klebt ein Spinnennetz aus schwarzem Paketband. Neben ihrem Schreibtisch steht ein Ast, der zwischen Fußboden und Decke klemmt. „Den Ast wollte ich vielleicht für eine Arbeit verwenden“, sagt Weinmayr. Ihre Zahnschmerzen sind verschwunden. Die Sache mit David Cameron ist geblieben. Ihre Werke hängen seit kurzem in der Downing Street an der Wand.
Eva Weinmayr ist eine renommierte Konzeptkünstlerin. Ihre Arbeiten befassen sich unter anderem mit der Sprache der Werbung und der Medien.
Die Galeria Zacheta in Warschau zeigt gerade ihr Soloprojekt „I wonder what the silence is about“. Anfang September stellt sie ein weiteres Projekt in den ,Kunst-Werken’ in Berlin aus.
Geboren wurde Weinmayr 1963 in Augsburg, seit zehn Jahren lebt sie in London – gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten. Mehr Informationen unter www.evaweinmayr.com
„Riskante Nummer“
Es ist eine britische Tradition, dass Premierminister bei ihrem Amtsantritt ihre Privatwohnung in der Downing Street neu einrichten. Margaret Thatcher hing Gemälde von William Turner und John Constable auf. John Major schmückte die Räume mit Werken von David Hockney. Tony Blair entschied sich für den Bürgerschreck Damien Hirst. Gordon Brown dekorierte die Wohnung mit britischer Landschaftsmalerei.
In dieser illustren Reihe wirkt Weinmayr wie ein Fremdkörper. Sie ist nicht britisch, sondern deutsch, noch dazu eine Frau. Im Gegensatz zu den Künstlern, die Camerons Vorgänger wählten, ist sie der breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Die britische Zeitung The Independent sprach deshalb auch von der „riskanten Weinmayr-Nummer“.
In der Kunstwelt hat sich Weinmayr dagegen schon lange etabliert, ihre Konzeptkunst wird in namhaften Galerien ausgestellt. Weinmayr stammt aus Augsburg, begann 1986 ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München. Nebenher fing sie an, sich mit Arbeiten im öffentlichen Raum zu beschäftigen. Vor zehn Jahren zog sie nach London, seither beschäftigt sie sich mit der Sprache der Werbung und der Zeitungen. „Ich habe nach einer neuen Herausforderung gesucht“, begründet sie ihren Umzug im Managerdeutsch. Man hört ihr die bayerische Herkunft noch ein wenig an.
Die Geschichte der beiden Arbeiten, die jetzt in Camerons Privaträumen hängen, beginnt vor neun Jahren, mit einem Fax. Eine Firma hatte es Weinmayr geschickt. Es handele sich um eine Umfrage, schrieb die Firma. Auf dem Fax stand eine Frage: „Wie sollen wir die Maul- und Klauenseuche bekämpfen?“ Weinmayr hatte die Wahl zwischen „Impfen“ und „Töten“. Nachdem sie ihre Antwort angekreuzt hatte, sollte sie ihr Fax zurückschicken, das Unternehmen wollte das Ergebnis dann politischen Entscheidungsträgern vorlegen. Weinmayr kannte die Firma nicht. Das Antwortfax hätte sie 1,49 Pfund gekostet. „Im Grunde war es das Gleiche wie eine Spam-Mail“, sagt Weinmayr.
Sie schickte das Fax nie ab. Aber sie warf es auch nicht in den Müll. Der Tonfall faszinierte sie, das Alarmistische, wie die Überschrift in einer Boulevardzeitung. Weinmayr fing an, im Internet nach ähnlichen Faxen zu fahnden. Am Ende wählte sie sieben Fragen aus, die auch in einer Volksabstimmung gestellt werden könnten: Sollten wir in Europa bleiben? Oder: Sollte die Regierung 11000 Illegale nach Frankreich zurückschicken? Dann gestaltete sie ein einfaches, schnörkelloses Layout und ließ die Entwürfe per Speziallack auf Aluminiumplatten bannen. „Der Lack schimmert und hat eine gewisse Tiefe, weil er aus mehreren Schichten besteht“, sagt Weinmayr und streicht über eine Arbeit, die in ihrem Atelier an der Wand lehnt.
„Today’s Question“ nannte sie die sieben Aluminiumplatten. 2005 stellte Weinmayr die Serie in einer Galerie in Newcastle aus, wo sie von Mitarbeitern der „Government Art Collection“ entdeckt wurde. Einer Institution, gegründet vor 112 Jahren, um britische Regierungsgebäude, darunter auch die in der Downing Street, mit Kunstwerken auszustatten. Mittlerweile verwaltet die Sammlung rund 13500 Kunstwerke. Von Weinmayr kaufte sie zwei Werke. Die Fragen darauf: „Wie sollen wir die Maul- und Klauenseuche bekämpfen?“ Und: „Ist es ein Verbrechen, 31 Meilen pro Stunde zu fahren?“
Wieviel ihr die Regierung für ihre Arbeiten gezahlt hat, möchte Weinmayr nicht sagen, auch wenn sie sich über die Aufmerksamkeit freut, die ihre Serie durch Camerons Entscheidung erfährt. Wobei sie sich auch fragt, was der Premier mit seiner Wahl bezweckt. Eine Deutsche in der Downing Street, das ist schließlich für manchen Briten eine Provokation. Und wenn der öffentliche Aufschrei bisher ausblieb, dann könnte das auch an der Vorsicht des Premiers liegen: Es wird weder eine Pressemitteilung noch eine Vorführung der Werke geben. „Trotzdem ist diese Entscheidung auch eine öffentliche Geste – eine PR-Aktion“, sagt Weinmayr.
Bei Camerons Vorvorgänger, war die Geste offensichtlich: Als Tony Blair das Amt 1997 übernahm, übte er den Schulterschluss mit Künstlern und Kreativen, die für ein neues, hippes Großbritannien standen. Er lud Oasis zu einem Sektempfang ein und schüttelte Liam Gallagher die Hand. Mit Damien Hirst wählte er den schrillsten und erfolgreichsten Vertreter der „Young British Artists“, die damals weltweit Furore machten. Die Botschaft an die Wähler: Blair ist auch ein Popstar.
Camerons Image ist schwieriger zu fassen. Er gibt sich sowohl konservativ als auch weltoffen. Er sucht sich aus, welchen Erwartungen er entspricht und welchen nicht. Vielleicht ist er sich der Ironie bewusst, die in der Entstehungsgeschichte von Weinmayrs Arbeiten steckt: Während die Faxe den exklusiven Zugang zu Politikern nur vorgaben, hängt Weinmayrs Kunst jetzt beim wichtigsten Politiker des Landes. Es könne aber auch sein, vermutet Weinmayr, dass Cameron die „Today’s Question“-Serie als Mahnung verstehe, seine Politik nicht nur nach Umfragen zu richten. „Vielleicht erkennt er das Spannungsfeld wieder, in dem er sich täglich bewegt.“
Eine Idee der Premiersgattin?
Der Independent spekulierte, dass nicht David Cameron, sondern seine Frau Samantha für die „Weinmayr-Nummer“ verantwortlich sei. Die 39-Jährige, die vor kurzem ihr viertes Kind zur Welt gebracht hat, hat zwei Kunsthochschulen besucht, arbeitet in einer PR-Abteilung und ist in der Londoner Kunstwelt gut vernetzt. Persönlich kennt sie Weinmayr allerdings nicht, insofern ist auch diese Möglichkeit letztlich nur eine von vielen.
So oder so – sicher ist, dass Camerons Entscheidung für Weinmayr selbst ein Glücksfall ist. Nicht nur, weil es der Künstlerin jetzt gelingen könnte, auch die letzten Arbeiten der „Today’s Question“-Serie zu verkaufen. Sondern vor allem deshalb, weil Weinmayrs Werk die öffentliche Auseinandersetzung braucht, um seine Wirkung voll zu entfalten. „Normalerweise verschwinden Arbeiten in irgendeiner Sammlung“, sagt sie. „Aber gerade politische Kunst lebt ja nur dann, wenn sie auch wahrgenommen wird.“
Das zumindest wird Weinmayrs Kunst jetzt. Wenigstens so viel ist sicher.
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