Unter Tränen und Lachen liest Yesica Yáñez den Brief von Esteban Rojas vor, dem Mann, mit dem sie seit 25 Jahren standesamtlich verheiratet ist. Seit dem 5. August 700 Meter sitzt er unter der Erde im tiefsten Teil der Kupfer- und Goldmine San José mit 32 anderen fest. „Wenn ich hier rauskomme, kaufen wir das Brautkleid und heiraten kirchlich“, schreibt der Bergmann.
Rojas, Sohn und Enkel von Bergleuten, hatte am Unglückstag eigentlich keine Schicht. Er fuhr ein, weil er Fehltage ausgleichen wollte, die ihm am Monatsende abgezogen worden wären, erzählt seine Frau. „Er wollte immer, dass wir kirchlich heiraten, damit der Herr unser Heim segne. Aber wir hatten nie das Geld dazu.“
Dass das Minen-Unglück bei Copiapó ein glückliches Ende zu nehmen scheint, dass alle 33 Verschütteten am Sonntag lebendig entdeckt wurden, rührt die erleichterten Chilenen. Die Botschaften, die die Männer ihren Angehörigen nach oben schicken, wecken Emotionen. Nachdem eine Gegensprechanlage installiert wurde, sprach Staatspräsident Sebastián Piñera mit dem Vorarbeiter der Eingeschlossenen, Luis Urzúa. „Wir hoffen, dass ganz Chile Anstrengungen unternimmt, damit wir aus dieser Hölle herausgeholt werden“, sagte Urzúa.
Das Rettungsteam befürchtet jedoch, dass die Eingeschlossenen nach der Euphorie über ihre Entdeckung depressiv werden könnten. Denn die Männer müssen vermutlich 117 Tage warten, bis sich der Bohrkopf zu ihnen vorgearbeitet, einen Kanal gefräst und mit Metallrohren ausgekleidet hat, der breit genug ist, um sie nach und nach heraufzuholen. Dass das so lange dauert, ist ihnen mittlerweile auch gesagt worden. Am Samstag soll mit der Bohrung des Tunnels begonnen werden.
Die verschütteten 33 Bergleute müssen noch Monate auf ihre Rettung warten. Animation mit einer Karte, einer schematischen Darstellung der Mine sowie Details zur geplanten Rettungsaktion. Zur interaktiven Grafik.
Spielkarten und Dominosteine
Nach der Versorgung mit Nahrung – die 33 bekommen zurzeit nur einen Zehntelliter Nährlösung mit Schoko- oder Erdbeergeschmack alle sechs Stunden – gerät die psychologische Betreuung in den Mittelpunkt. Mit den „palomas“, Tauben, genannten Versorgungskapseln bekommen sie Spielkarten und Dominosteine nach unten geschickt, dazu Anweisungen, Tag und Nacht durch Aktivitäts- und Ruhepause zu definieren, zu singen und zu spielen.
Oben, in der Atacama-Wüste, verändert sich das Lager Esperanza (Hoffnung), in dem rund 200 Angehörige der Eingeschlossenen in Zelten hausen. Sie haben es nach dem Unglück aufgeschlagen, damit das Schicksal der 33 Verschollenen nicht in Vergessenheit gerät. Jetzt ist es nicht mehr nötig, Druck auf die Behörden auszuüben – das Lager leert sich langsam, viele Angehörige kehren in ihre Wohnorte zurück, sie müssen arbeiten. Das Lager wurde von der Presse abgeschirmt, die Behörden übernahmen den Kontakt. Präsident Piñera, der am Sonntag strahlend die erlösende Nachricht von der Kontaktaufnahme bekanntgab, hält sich nun im Hintergrund. Niemand soll sagen, er wolle aus dem Bergleute-Drama politisch Kapital schlagen.
Wer zahlt für die Rettung?
Jeder einzelne Meter der Rettungsbohrung kostet 3000 bis 5000 Dollar. Wer die übernimmt, ist nicht die einzige der finanziellen Fragen, die das Unglück aufwirft. Einige Familien der Eingeschlossenen gaben über ihren Anwalt bekannt, sie wollten die Besitzer der Mine San José verklagen, ebenso wie die Bergbaubehörde Sernageomin, die ihre Aufsichtspflicht verletzt habe.
Dem Unternehmen wird vorgeworfen, die Sicherheitsvorkehrungen vernachlässigt zu haben: Es habe keinen alternativen Zugang zu den Stollen gebaut, die Abstützungen seien zu schwach gewesen. Der dritte Vorwurf bezieht sich auf einen Luftschacht, in dem die Arbeiter nach der ersten Verschüttung nach oben kletterten, dann aber nicht weiter kamen, weil die Leitern fehlten; eine weitere Erdbewegung zwei Tage später versperrte diesen Ausgang.
Experten sind sich einig, dass in den großen ausländischen Minen ebenso wie in den Stollen des chilenischen Staatskonzerns Codelco Arbeitsunfälle eher selten sind, weil die Sicherheitsbestimmungen meist penibel befolgt werden. Anders sieht es oft in den kleinen und mittleren Betrieben aus, zu denen San José gehört. Die sparen sich oft teure Absicherungen wie zusätzliche Belüftung, Zweitausgänge oder Alarmsysteme. Dabei wird Chile oft von Erdbeben geschüttelt. Lieber zahlen die Firmen den Arbeitern mehr Geld, damit sie unter riskanten Bedingungen arbeiten. Der staatlichen Aufsicht wird vorgeworfen, sie habe den boomenden Bergbausektor Chiles – in den vergangenen zehn Jahren wurden dort 50 Milliarden Dollar investiert, und das soll die nächsten zehn Jahre so weitergehen – nicht genug kontrolliert.
San José hat eine einschlägige Geschichte: 2007 wurde die Mine nach einer Explosion geschlossen, bei der ein Mann starb. 2008 durfte sie wieder öffnen. 2009 verlor ein Mann bei einem schweren Unfall ein Bein. Empörung löste jetzt Hernán Tuane aus, der Anwalt der Geschäftsleitung: Die Firma sei Ziel „verleumderischer Unterstellungen“. Sie werde sich womöglich für zahlungsunfähig erklären, weil sie aktuell nichts verdiene. Auch die Löhne der Verschütteten könne sie nicht zahlen.
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