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28. Dezember 2010

Disneyland für Fromme: Und täglich teilt Moses das Meer

 Von Dietmar Ostermann
Disneyland für Bibelfromme in den Hügeln von Kentucky: Hauptattraktion des Freizeitparks soll eine 152 Meter lange Arche Noah werden.  Foto: Ark Encounter/Answers in Genesis

Im US-Bundesstaat Kentucky entsteht ein Freizeitpark christlicher Fundamentalisten. Der Park ist ein Manifest gegen Darwins Theorie der Evolution und bietet gleichzeitig Unterhaltung.

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Der schmale Feldweg führt über sanfte Hügel auf ein ausladendes Plateau. Längst ist der Highway 75 nicht mehr zu sehen, nur entfernten Motorenlärm hört man noch. Auch Williamstown ist aus dem Blick verschwunden, ein kleiner Ort im Norden von Kentucky, an der Autobahn zwischen Lexington und Cincinnati. Eine dünne Schicht Schnee liegt auf den Wiesen. Eine alte Planierraupe steht einsam unter einem Baum. Investoren wollten hier mal einen Golfplatz anlegen. Dann kam die Wirtschaftskrise. Jetzt gibt es neue Pläne für die verlassene Farm: Nicht weniger als ein Mekka des christlichen Tourismus soll hier entstehen, ein Disneyland für Bibelfromme, wo sich Spaß und Religion vermischen, zu Eintrittspreisen ab 30 Dollar aufwärts.

„Ark Encounter“, Begegnung mit der Arche, soll der Freizeitpark heißen. Hauptattraktion wird ein Nachbau der Arche Noah sein, Maßstab 1:1, komplett mit Tieren und Streichelzoo. Auch ein orientalisches Dorf, wie es im ersten Jahrhundert nach Christus ausgesehen haben könnte, ist geplant. Es wird Bühnen, Shows, Spielplätze und einen 30 Meter hohen „Turm von Babel“ geben. Ereignisse der Bibel sollen nachgestellt werden, inszeniert mit „spektakulären Spezialeffekten“. Moses wird hier täglich das Meer teilen, in diesem Fall einen künstlichen Teich. Geplante Kosten: 150 Millionen Dollar. Die Eröffnung ist für 2014 geplant.

„Die Idee gab es schon lange“, erzählt Mark Looy, „anfangs waren wir skeptisch.“ Looy führt im nahen Petersburg stolz durch das Creation Museum, das vor drei Jahren seine Türen öffnete. Wer sich hier umschaut, ahnt, was Besucher später an der Arche erwartet. Das Creation Museum ist eine hoch professionelle Inszenierung der biblischen Schöpfungsgeschichte, die man hier wörtlich nimmt und zum historischen Fakt erklärt. Mächtige Dinosaurier-Imitate erinnern an ein Naturkundemuseum, doch bewiesen werden soll vor allem das: Gott schuf die Erde an sechs Tagen. Vor 6000 Jahren. Menschen und Dinos lebten mehr oder weniger friedlich nebeneinander. Bis zur Sintflut.

Mitarbeiter sind vom göttlichen Schöpfungsakt überzeugt

Mit dem Creation Museum haben Amerikas Fundamentalchristen ihrem alten Kampf gegen Charles Darwin und dessen Evolutionstheorie ein modernes Gewand gegeben. „Prepare to believe“, steht auf den erdfarbenen Westen des freundlichen Personals. Auch die Mitarbeiter müssen bereit sein zu glauben: Wer hier arbeiten will, muss versichern, vom göttlichen Schöpfungsakt überzeugt zu sein. In der Show „Männer in Weiß“ sitzt Wendy am Lagerfeuer, ein Mädchen, das sich Gedanken über Gott und die Welt macht. Spaß und „solide Fakten“ sind angekündigt. „Hat Gott das alles erschaffen? Oder haben wir Gott erfunden?“, fragt Wendy. Zwei Männer mit Engelsflügeln schweben herbei und machen sich über Mr. Snodgrass lustig, Wendys näselnden Biologielehrer. „Wie kann die Erde Millionen Jahre alt sein, wo der Salzgehalt in den Meeren unaufhörlich steigt?“, fragt einer der Engel. „Wäre das wirklich so, könnten wir doch längst über den Atlantik laufen!“

Die Organisation, die das Creation Museum betreibt und auch hinter den Plänen für den Arche-Park steht, heißt Answers in Genesis, Antworten in der Schöpfungsgeschichte. „Unser Ziel ist es, den christlichen Glauben zu verteidigen“, sagt Mark Looy, Gründungsmitglied und Sprecher. Jahrelang spielte sich der Kampf zwischen Anhängern und Gegnern der Darwin-Lehre in den USA vor allem in den Schulen ab. Amerikas Fundamentalchristen wollten, dass Kreationismus gleichberechtigt unterrichtet wird. Doch die Verfassung schreibt die Trennung von Staat und Religion fest. Nun hat Answers in Genesis einen anderen Weg gefunden, Zweifel an der Evolutionstheorie zu schüren. 1,2 Millionen Menschen haben das Creation Museum in den ersten drei Jahren besucht. „Wir waren überrascht, die Zahlen sind höher als erwartet“, freut sich Looy. Die Besucher kommen freiwillig und zahlen auch noch: Erwachsene 25 Dollar, Kinder 15 Dollar. Schon mittags ist der Parkplatz gut gefüllt.

„Unser typischer Besucher ist ein Christ. Einige glauben schon an die Schöpfungsgeschichte, andere nicht“, sagt Mark Looy. Am liebsten aber ist ihm eine dritte Gruppe: Skeptiker oder Nicht-Christen, denen man die eigenen Ansichten zur Entstehung der Welt näher bringen will.

Mit dem Arche-Park will Answers in Genesis beim Missions-Tourismus nun in eine neue Dimension vorstoßen. „Wir rechnen mit 1,6 Millionen Besuchern im ersten Jahr“, sagt Mark Looy, „viele werden Nicht-Christen sein, die einfach neugierig sind auf ein großes Holzschiff.“ Im November 2009 wollte der Fernsehsender CBS in einer Befragung wissen, welcher archäologische Fund US-Bürger am meisten interessiere. 43 Prozent nannten die Arche Noah, das mythische Inselreich Atlantis kam abgeschlagen auf den zweiten Platz. Das Potential, glaubt Looy, ist gewaltig.

Handelskammer-Chef sieht die Sache pragmatisch

Wer freilich dereinst in den grünen Hügeln von Kentucky vor der 152 Meter langen Arche steht, wird um die fundamentalchristliche Botschaft nicht herumkommen. „Konnten Noah und seine Crew vor 4000 Jahren ein solches Schiff bauen? Wie viele Tiere waren an Bord? Wie konnte man sie während der großen Flut auf der Arche versorgen? Wo kam das Wasser her, das die Erde bedeckte? Wir werden einige dieser Fragen beantworten“, verspricht Mark Looy.

Der Mann, der die Arche bauen soll, hat wenig mit dem Ackerbauern Noah gemein. Im Vergnügungspark der Universal Studios in Florida hat Patrick Marsh einst Attraktionen zu den Filmen „King Kong“ und „Der Weiße Hai“ gebaut. Jetzt hat er ein Schiff entworfen, das der Beschreibung in der Bibel nachempfunden ist. Auch griechische Galeeren dienten als Inspiration; die Arche bekommt ein kleines Segel, einen Kiel. „Ein klobiger Kasten würde in rauer See kentern“, erzählt Marsh.

Eine kaum geringere Herausforderung ist es, den missionarischen Eifer der Initiatoren mit dem uramerikanischen Wunsch nach guter Unterhaltung in Einklang zu bringen. Ein Vergnügungspark soll „Ark Encounter“ nicht werden. „Die Geschichte der Arche“, sagt Patrick Marsh, „ist ja die Geschichte vom Untergang der Welt.“

Im Creation Museum stehen Keith und Donna Deaton vor einer Skizze des Arche-Parks und wissen nicht so recht, was sie von der Sache halten sollen. „Spaß für die ganze Familie!“ steht da. Das ist Donna zu schrill. „Karussells fände ich unpassend“, sagt die blonde Frau. „Sie sollten sich lieber um die Armen kümmern“, meint Jim Pence, auch Kirchgänger, linker Gewerkschafter und kein Freund der Eiferer. Dass der Gouverneur einen christlichen Freizeitpark mit Steueranreizen fördern will, empfindet Pence als Skandal.

Wade Gutman sieht die Sache pragmatisch. In der vernagelten Main Street von Williamstown steht Gutman der örtlichen Handelskammer vor. Investoren geben sich hier nicht eben die Klinke in die Hand. Die Arbeitslosigkeit im Landkreis liegt bei 14 Prozent. 900 Jobs sollen im Arche-Park entstehen, dazu Restaurants, Hotels, Tankstellen. „Mir ist egal, was sie da treiben“, sagt Gutman, „Touristen bringen saubere, gute Dollars.“

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