Unter Deutschlands Senioren steigt die Zahl der Alkoholkranken und Medikamentenabhängigen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, FDP, sagte der Frankfurter Rundschau, schätzungsweise 400 000 über 60-Jährige litten unter Alkoholsucht. Untersuchungen zeigten zudem, dass jeder siebte Pflegebedürftige, der zu Hause oder in einem Heim betreut wird, ein Alkohol- oder Medikamentenproblem habe. Angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft werde die Anzahl der Betroffenen weiter zunehmen, warnte Dyckmans.
„Das sind alarmierende Zahlen“, sagte die FDP-Politikerin. Vor allem der unkontrollierte Konsum von Schlaf- und Beruhigungsmitteln sei für ältere Menschen besonders gefährlich. In Kombination mit Alkohol komme es zu einer Potenzierung der Wirkung und zu einer hohen Suchtgefahr.
Bis Anfang der 60er Jahre galt Sucht als Sünde, als Laster. Dabei war zwischen 1950 und 1960 in der Wirtschaftswunder-Republik der Alkoholkonsum um 200 Prozent gestiegen. Die Probleme, auch bei den Frauen, hatten massiv zugenommen. 1960 beschloss der Hessische Landtag, Hilfsangebote für Abhängige zu fördern. Ein Jahr später gründete sich der Verein, der heute die Hessische Landesstelle für Suchtfragen ist.
Anlässlich der Jubiläums-Feierlichkeiten zum 50-Jährigen lud Geschäftsführer Werner Schmidt-Rosengarten am Mittwoch zu einer Zeitreise ein. 1968 erkennt das Bundessozialgericht in Kassel die „Trunksucht“ als Krankheit an. Zu dieser Zeit gibt es in Hessen nur eine einzige Heilstätte. Heute sind es 1700 Plätze in der Therapie, 1900 weitere im betreuten Wohnen.
Ende der 60er Jahre erreicht die Drogenwelle Frankfurt und Hessen. Es entstehen Hilfsprojekte, deren hedonistische Mitarbeiter den aus der Abstinenzbewegung stammenden Suchtberatern höchst suspekt sind. Auf der einen Seite diejenigen, die Enthaltsamkeit predigen, auf der anderen Seite jene, die für die legale Abgabe von Heroin kämpfen – in diesem Spannungsfeld arbeitet die Landesstelle bis heute.
In den 80er Jahren fördert das Land massiv den Ausbau der Hilfsangebote. 85 Anlaufstellen hat Hessen heute, 18 externe Drogenberater in Justizvollzugsanstalten, 225 niedergelassene Substitutionsärzte. Es gibt Drogenkonsumräume, Ausbildungsprojekte. Auf 1,5 Millionen Euro beläuft sich der jährliche Etat der in Frankfurt ansässigen Landesstelle, die die Angebote koordiniert, Fachpersonal weiter- und fortbildet.
Hinzu kommen vorbeugende Angebote und Projekte, die das Land an die Experten in Frankfurt delegiert hat: „HaLT – Hart am LimiT“ zum Beispiel, die Alkohol-Aufklärungskampagne für junge Leute. Oder der Aufbau von Hilfsangeboten für Glücksspielsüchtige. Der Bedarf, sagte Schmidt-Rosengarten, sei enorm gewachen.
Ein mögliches großes Zukunftsproblem sieht er neben dem missbräuchlichen Internetkonsum im Hirndoping – immer mehr Gesunde versuchen ihre Leistung durch die Einnahme von Medikamenten gegen Alzheimer oder Hyperaktivität zu steigern. Hier müsse sich die Gesellschaft fragen, ob sie das akzeptiere. Laut einer DAK-Studie von 2009 waren zwei von zehn Befragten der Auffassung, dass die Risiken dieser Arzneimittel im Vergleich zum Nutzen vertretbar sind. (jur.)
Sensibilisierung des Pflegepersonals
Die Drogenbeauftragte forderte, die Sucht im Alter müsse mehr in den Fokus der Öffentlichkeit und der Fachleute gerückt werden. Auch die Hilfen müssten darauf ausgerichtet werden. In bereits angelaufenen Projekten geht es nach ihren Angaben zum Beispiel um die Sensibilisierung des Pflegepersonals für Suchtprobleme und um eine bessere Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern, um eine Medikamentenabhängigkeit zu verhindern. Dyckmans kündigte an, dass die Sucht Älterer ein Schwerpunkt der neuen nationalen Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik der Regierung sein wird. Der Plan soll im kommenden Jahr vorgelegt werden und das Programm aus dem Jahre 2003 ablösen.
Dass es bei älteren Menschen wachsende Suchtprobleme gibt, zeigen nach einer Auswertung der FR auch aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes zum Geschehen in den Kliniken. So wurden 2010 rund 12350 über 60-Jährige wegen einer akuten Alkoholvergiftung in einer Klinik behandelt. 2009 waren es noch fast 400 weniger. Bei den jugendlichen „Komasäufern“ im Alter zwischen zehn und 20 Jahren war die Entwicklung dagegen genau umgedreht – wenn auch auf einem höheren Niveau. Hier sank die Zahl um 400 auf knapp 26000.
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