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Kindesmissbrauch: Du sollst nicht lügen

Als ein Erzieher aus Witten in Verdacht gerät, sich an Kleinkindern zu vergehen, ermitteln die Kriminalbeamten auf fragwürdige Weise. Und den Eltern wird geraten, die Anzeige zurückzunehmen. Sie sind entsetzt

Kuscheltiere in der Kinderschutzambulanz (Symbolbild).
Kuscheltiere in der Kinderschutzambulanz (Symbolbild).
Foto: dpa
Witten –  

Es ist der Nikolausabend des letzten Jahres, als Michael und Claudia Zimmer* den Boden unter den Füßen verlieren. Gerade will der Vater seiner Tochter Paula den Schlafanzug überstreifen, als diese auf einmal Herr F. zu ihm sagt. Aber Paula, sagt Michael Zimmer, ich bin doch der Papa. Was ist denn mit Herrn F.? Der steckt mir immer den Finger in die Mumu, das tut weh. Bejamin F. ist Erzieher in Paulas Kindergarten. Paula ist vier Jahre alt.

Die Zimmers sind geschockt. Dann greifen sie zum Telefon, informieren die Leiterin des Kindergartens und andere Eltern. Sie wollen wissen, was da los ist. Sie wollen Hilfe. Und wenn stimmt, was sie zu diesem Zeitpunkt selbst kaum glauben können, dann wollen sie, dass der Täter bestraft wird.

Acht Monate später sitzt Claudia Zimmer in der Küche und sagt: „Ich habe die Kapitulation des Rechtsstaates erlebt.“

Am Freitag wird vor dem Landgericht Bochum die Strafsache 36 Js 533/10 gegen Benjamin F. verhandelt. Es ist ein Fall, der beispielhaft zeigt, wie sexueller Missbrauch Behörden, Ermittler und sogenannte Experten überfordert. Ein Fall, wie er schon hundertfach vor deutschen Gerichten verhandelt wurde – wenn es denn überhaupt zum Prozess kam. Es ist ein Fall, der keine Aufmerksamkeit erregen wird, weil da kein Monster vor Gericht steht, sondern ein gewöhnlicher Päderast.

Selbstanzeige auf dem Revier

Im Advent 2010 überschlagen sich in Witten, wo Paula in den Waldorf-Kindergarten geht, die Ereignisse. Auch Karin Koch, eine Freundin der Zimmers, hat inzwischen von ihrer fünfjährigen Tochter Siri erfahren, dass Herr F. sie mehrfach ausgezogen und an der Scheide geküsst habe. Herr F., der unheimlich nett sei, mache das „bei jedem“, sagt das Kind. Andere Eltern fragen bei ihren Kindern ebenfalls nach. Sie bekommen beunruhigende Antworten.

Benjamin F., 25 Jahre alt, ist zu dieser Zeit bereits vom Dienst suspendiert. Für ihre Tochter sei es eine Horrorvorstellung, diesem Menschen je wieder zu begegnen, sagt Claudia Zimmer. Sie habe Paula versprochen, dass das niemals passieren wird. Am 10. Dezember erstatten sie und Karin Koch bei der Polizei in Witten Anzeige. Kurz darauf übernimmt den Fall das Bochumer Fachkommissariat für Sexualdelikte – kurz KK12.

Noch bevor die Ermittler die Kinder befragen können, eilt ihnen, wie es scheint, das Glück zur Hilfe. Am 14. Dezember erscheint Benjamin F. mit seinem Anwalt auf dem Revier, um Selbstanzeige zu erstatten. Ja, räumt er ein, er habe über einige Wochen Paula ausgezogen und an der Scheide gestreichelt. Vielleicht zehn Mal, vielleicht auch ein paar Mal mehr. Einmal sei dies „intensiver“ gewesen – da habe er dem Mädchen „an der Scheide Küsschen gegeben“. In sie eingedrungen aber sei er nie. Andere Kinder habe er auch nicht missbraucht, sich lediglich „Distanzlosigkeiten“ zuschulden kommen lassen.

Für die Beamten scheint der Fall damit klar. Es gibt ein Opfer. Es gibt einen geständigen Täter. Aber es gibt auch ein Problem. Die Berichte der Kinder nämlich, so weit sie von ihren Eltern wiedergegeben wurden, sprechen eine völlig andere Sprache. Demnach soll sich F. an jedem der neun Kinder in der betreffenden Gruppe zur Mittagsschlafstunde vergangen haben. Da sei mehr gewesen als Streicheln und Küssen. Und das bereits seit dem Jahr 2009. Dann aber handelte es sich hier nicht um einen minderschweren Fall von sexuellem Missbrauch, sondern um schweren sexuellen Missbrauch in unzähligen Fällen. Beim Strafmaß liegen dazwischen Welten. Es müsste der Beginn einer umfassenden, behutsamen Ermittlungstätigkeit sein.

Die Ermittlungen aber übernimmt in diesem Fall zunächst ein Beamter, der den Eltern leichthin mitteilt, dass er erst seit kurzem beim KK12 sei und vorher jahrelang in der Pressestelle der Polizei saß. Fortan häufen sich die Merkwürdigkeiten. Polizisten kündigen sich an, um mit den zum Teil schwer traumatisierten Kindern zu reden – und erscheinen dann nicht. Eine Hausdurchsuchung beim Täter, der noch bei seiner Mutter wohnt, lässt wochenlang auf sich warten, obwohl mehrere Kinder von zwei Handys berichten, die Herr F. immer zur Mittagsstunde repariert habe. Es wäre also durchaus denkbar, dass er Fotos angefertigt hat. Dem Hinweis eines Jungen, dass auch ein koreanisches Mädchen betroffen sei, das schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr den Kindergarten besucht, wird nie nachgegangen. Deshalb wird auch nie geklärt, wann genau Benjamin F. mit seinen Übergriffen begonnen hat.

Die Verwunderung der Eltern steigert sich noch, als im Kindergarten ein Informationsabend stattfindet, an dem auch eine Vertreterin des Jugendamtes, die Leiterin des KK12 und ein Kinderpsychologe aus Herdecke teilnehmen. Zu ihrer Verblüffung erfahren die Eltern dort, dass das Ermittlungsverfahren ihren Kindern schaden könne. Sie sollten sich daher überlegen, die Anzeige zurückzunehmen. Der Psychologe prophezeit, in einem halben Jahr hätten die Jungen und Mädchen das Ganze sicher vergessen. Mehrere Eltern erinnern sich zudem an eine Aussage der KK12-Leiterin, wonach sie im bevorstehenden Prozess ohnehin „keine Chance“ hätten. Von der Kommissariatsleiterin selbst kann man zu diesen Vorwürfen nichts erfahren. Bis zum Prozessende will sich im Polizeipräsidium Bochum niemand zu dem Fall äußern.

„Nach diesem Abend“, sagt Claudia Zimmer, „war mir klar, dass da nicht mehr viel passieren wird.“

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Autor:  Jörg Schindler
Datum:  25 | 8 | 2011
Seiten:  1 2
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