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Durchgedrehte Superhelden: "Ohne Erfolg kein Leben"

Alkohol und Drogen sind nicht die einzigen Gründe, warum Stars irgendwann durchknallen. Britney Spears und Michael Jackson sind nicht die einzigen Beispiele. Von Jörg Schindler

Am 7. September 2001 trat Michael Jackson noch einmal im Madison Square Garden in New York auf. Mit dabei u.a. Britney Spears.
Am 7. September 2001 trat Michael Jackson noch einmal im Madison Square Garden in New York auf. Mit dabei u.a. Britney Spears.
Foto: rtr

Neulich zur prime time sendete der britische Sender ITV einen ungewöhnlichen Notruf. "Ich habe alles versucht", sprach da ein verzweifelter Vater vor laufenden Kameras. "Ich habe gesagt, du muss das machen, du musst zu diesem Arzt gehen, du bringst dich noch um, du bringst deine Mutter um - nichts davon hat geholfen." Ihre Tochter Amy, barmte auch Mutter Janis Winehouse, sei nach Jahren des Alkohol- und Drogenmissbrauchs nurmehr ein Wrack. "Die Notwendigkeit, sie zu retten, ist riesig." Fast zeitgleich meldeten Revolverblätter weltweit, die Soulsängerin Amy Winehouse versüße sich ihre Entzugskur auf der Karibikinsel Santa Lucia literweise mit Tequila. Entsprechende Bilder wurden nachgereicht.

Winehouse' zeitweiligen Duettpartner Pete Doherty fand eine Stewardess der British Airways Anfang Juni zusammengesunken auf einer Bordtoilette. Daneben ein gebrauchtes Spitzbesteck. Gut möglich, dass der Frontmann der Babyshambles dafür wieder in den Knast wandern muss. Erst 2008 hatte der singende Junkie 29 Tage in der Haftanstalt Wormwood Scrubs gesessen. Danach hatte er der Weltöffentlichkeit - wieder einmal - versichert, er sei jetzt clean.

Amy Winehouse und ihr Ehemann Blake Fielder-Civil (Archivbild).
Amy Winehouse und ihr Ehemann Blake Fielder-Civil (Archivbild).
Foto: dpa

Amy Winehouse, 25, und Pete Doherty, 30, das sind zurzeit wohl die beiden berühmtesten noch lebenden Drogenabhängigen. Aber sie sind bei weitem nicht die einzigen in der funkelnden Exhibitionsbranche namens Showbiz. Noch gut in Erinnerung ist etwa der Amoklauf des einstigen Saubermädchens Britney Spears, die sich 2007 in einem Friseursalon in Los Angeles erst selbst die Haare vom Kopf schabte, dann ein Tattoostudie zusammenschrie, bevor sie vorübergehend in Malibus Privatklinik Promises endete.

Ähnliches wiederfuhr im selben Jahr Robbie Williams: Nach Berechnungen der Boulevardpresse hatte der Take-That-Mann täglich 36 doppelte Espresso, 20 Dosen Red Bull, 60 Zigaretten und bergeweise Antidepressiva eingeworfen, bevor er erkannte, dass das auf Dauer nicht gesund sein kann. Zu seinem 33. Geburtstag schickte sich Williams selbst in Arizonas Wüste. Dort hat sich die Privatklinik The Meadows auf gefallene Superstars spezialisiert.

Rund um Hollywood, und nicht nur dort, lebt mittlerweile ein ganzer Berufszweig von den Süchten zahlungskräftiger Prominenter. Kate Moss, die eine Weile gemeinsam mit Pete Doherty kokste, ließ sich ebenfalls in The Meadows nieder. Mel Gibson bekämpfte seine Alkoholsucht im Beau Monde in Newport Beach. Der genialische Songwriter Connor Oberst war offenbar so begeistert von seinem Klinikaufenthalt in Cassadaga, dass er der Psychokommune in Florida anschließend gleich ein ganzes Album widmete. Lindsay Lohan wiederum suchte, nach ausufernden Zechtouren mit Britney Spears und Paris Hilton, ihr Heil im "Wonderland" bei Los Angeles. Gebracht hat es offenbar nicht viel: Erst jüngst beobachteten Zeugen die mal lesbische, mal straighte Schauspielerin, wie sie in einen New Yorker Nachtclub wankte, an einer Stripstange tanzte und hernach einen Kunden anfauchte.

Man wird berühmt, weil man durchdreht ist

Was ist los mit unseren Superhelden? Gehört Überschnappen zum Geschäft? Oder macht Ruhm ernsthaft krank? Im Gegenteil, sagt Borwin Bandelow. Der Göttinger Profesor hat für sein Buch "Celebrities - Vom schwierigen Glück berühmt zu sein" schon vor Jahren die Lebensläufe dutzender Berühmtheiten untersucht und kam überspitzt zu dem Schluss: Man dreht nicht durch, weil man berühmt wird - man wird berühmt, weil man durchgedreht ist.

Viele Superstars, so Bandelow, litten unter einem emotionalen Deffekt nach Borderline-Störung: Ihre Körper produzierten schlichtweg zuwenig Dopamin und Endorphine, also jene Hormone, die gemeinhin Glücksgefühle auslösen. "Sie versuchen durch alle möglichen Maßnahmen, die Endorphine nach oben zu pushen", das Baden in der Menge, Applaus und Anerkennung seien quasi "Koks für die Seele". Eine Art Selbsttherapie also, die in Maßen sogar durchaus gesund sei.

Problematisch, so der Professor, werde es jedoch, wenn der Erfolg ausbleibe - wie etwa bei Michael Jackson, dessen Sturz vom Pop-König zum Branchen-Zombie schon jetzt legendär ist. In solchen Fällen, sag Bandelow, würden sich Borderliner ihre Aufmerksamkeit eben anders suchen - sei es durch das abschneiden der Haare, Drogenexzesse, das Bleichen schwarzer Haut, sexuelle Ausschweifungen oder "im schlimmsten Fall durch einen tragischen Tod". Wer die spektakulären Abgänge von Jim Morrison, Jimi Hendrix und Kurt Cobain noch vor Augen hat, weiß, was gemeint ist.

Daneben gibt es allerdings noch etliche weitere Gründe, warum bei Superstars früher oder später die Sicherungen durchbrennen. Wer ewig im Rampenlicht lächeln muss, wer sich Cellulite, Tränensäcke, Haarausfall, ja überhaupt Älterwerden nicht leisten kann, weil das einem Überirdischen nicht zusteht, wer nicht mal aufs Klo gehen kann, ohne dass Paparazzi durchs Fenster blitzen, der muss wohl irgendwann die Bodenhaftung verlieren. "Ich schauspiele unentgeltlich", sagt etwa Hollywood-Actrice Michelle Pfeiffer, "aber ich berechne die Unannehmlichkeit, ein Star zu sein." Jammern auf hohem Niveau? Schon. Aber würde man tauschen wollen?

"Stars werden uns vorgestellt als perfekte Menschen", sagt der texanische Medienwissenschaftler Jib Fowles. "Wir betrachten sie als Ideale, und das gibt uns Orientierung. Aber die Last wiegt schwer auf ihren Schultern." In seinem Buch "Starstruck" kam Fowles schon vor Jahren zu verblüffenden Ergebnissen: Unter Celebrities ermittelte er eine viermal höhere Selbstmordrate als unter Normalsterblichen. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Stars liegt laut Fowles bei 58 Jahren. Nicht mal so lange hielt der 50-jährige Michael Jackson durch.

Um den Irrsinn, ein Star zu sein, zu überleben, muss man wohl die Physis und den Humor eines Keith Richards mitbringen, der sein Leben lang verbotene Substanzen einwarf, aber auch mit 66 noch fröhlich die Saiten bei den Stones zupft. Auf seine erstaunliche Konstitution angesprochen, bemerkte der Mann mit den Faltenrelief einst trocken: "Ich hatte nie ein Problem mit Drogen. Nur ohne."

Autor:  JÖRG SCHINDLER
Datum:  26 | 6 | 2009
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