Panorama
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31. Oktober 2012

Dutroux-Fall: Das neue Leben der Dutroux-Exfrau

 Von Harald Biskup
Die Türen des Klasissenklosters in Malonne sind für Fremde verschlossen. Foto: dapd

Michelle Martin, Komplizin und Ex-Ehefrau des Kinderschänders Marc Dutroux, findet Zuflucht in Malonne - im Kloster. Der Ort ist zwiegespalten.

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Michelle Martin, Komplizin und Ex-Ehefrau des Kinderschänders Marc Dutroux, findet Zuflucht in Malonne - im Kloster. Der Ort ist zwiegespalten.

Malonne –  

Eine schmale Straße führt den Berg hinauf zum Klarissenkloster. Hier hat Michelle Martin, die Komplizin und Ex-Ehefrau des Kinderschänders Marc Dutroux, Zuflucht gefunden. Dutroux hatte in den 90er-Jahren sechs Mädchen entführt, zwei konnte die Polizei befreien, zwei hatte Dutroux ermordet. Zwei verhungerten unter der Obhut seiner Ex-Frau Michelle Martin, als Dutroux wegen Autoschiebereien in Haft saß. Der Fall wühlte die Nation auf wie kein zweiter und führte das Königreich an den Rand einer Staatskrise.

Seit Ende August lebt Michelle Martin in dem Kloster oberhalb des Ortes Malonne. Mit einem Zivilfahrzeug der Polizei wurde sie in der Dunkelheit aus dem Gefängnis dorthin gebracht, Demonstranten warteten schon auf sie. Einige versuchten, die Absperrungen zu durchbrechen und brüllten Beleidigungen. Andere hielten Transparente mit Losungen wie „Schande!“ und „Keine Gnade!“ in den Himmel. Im Internet wurde ungehemmt gegen den Entschluss der Schwestern gewettert, Michelle Martin unter Auflagen Asyl zu gewähren.

Michelle Martin lebt nun im Kloster.
Michelle Martin lebt nun im Kloster.
Foto: AFP

Die Aufregung hat sich inzwischen gelegt, es hat seit längerem keinen Protestmarsch mehr gegeben. Ein Polizeiwagen ist trotzdem ständig an der Hofeinfahrt postiert, die Drängelgitter können jederzeit aufgestellt werden. „Es ist noch nicht vorbei“, sagt ein Gärtner, der in der Nähe des Klosters eine Thuja-Hecke schneidet.

Äbtissin: "Sie ist ein Mensch"

Das Kloster wird von der Äbtissin Christine geleitet. In der hitzigen Diskussion hatte sie gesagt: „Wir glauben, dass wir nicht leichtsinnig handeln. Sie ist ein Mensch, der zum Guten und zum Bösen fähig ist – so wie wir alle.“ Die Ordensschwester hat versprochen, sich ein paar Minuten Zeit für ein Gespräch zu nehmen.

Der Fall

Michelle Martin, 52, hat Marc Dutroux 1982 kennengelernt. Das Paar ist mittlerweile geschieden, Dutroux darf die zwei gemeinsamen Kinder nicht sehen.

Marc Dutroux war vor acht Jahren zu einer lebenslangen Haft verurteilt worden. Ihm wurde vorgeworfen, mit Hilfe seiner Ex-Frau und eines Komplizen sechs Mädchen entführt, wochenlang im Keller gefangen gehalten und vergewaltigt zu haben. Vier der Kinder überlebten die Tortur nicht.

Von den Sexualstraftaten ihres Mannes wusste Michelle Martin. In den 80er-Jahren musste das Paar wegen Kindesmissbrauchs erstmals in Haft. Doch deckte sie auch nach der Entlassung Dutroux’ Taten. Als dieser 1996 wegen Drogendelikten erneut im Gefängnis saß, sollte sie sich um zwei entführte Mädchen im Kellerverlies kümmern. Doch beide Kinder verhungerten.

Ihre Anwälte versuchten, sie vor Gericht als erstes Opfer Dutroux’ darzustellen. Das Gericht aber sah sie als Mittäterin. Nicole Malinconi, die nach mehreren Interviews mit Martin das Buch „Sie nennen sie Michelle Martin“ verfasst hatte, sagte später: „Ich habe mit einer Frau gesprochen, nicht mit einem Monster.“

Die Klarissen leben zurückgezogen. Ihr Kloster, erzählt man sich im Ort, verließen sie nur für Arztbesuche. Auf das Klingeln hin öffnet eine Nonne eine kleine Luke in der Pforte. Die Ordensschwester sagt, sie wisse nichts von der Verabredung, außerdem sei Christine bis Ende des Monats nicht da. „Pardon Monsieur“, das sind ihre Worte zum Abschied.

Unten im Ort an der lauten Hauptstraße wird auf Schildern um Rücksicht auf Kinder gebeten, Plakate werben für eine Hochzeitsmesse in der zwölf Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Namur, und sicher werden viele Jugendliche bei der Halloween-Party auf der Zitadelle dabei sein. Der Theaterclub probt für seine nächste Aufführung „Eine Familienaffäre“. Eine Komödie. Was würde passieren, wenn Michelle Martin im Ort auftauchen und erkannt werden würde? Würde sie von einer wilden Meute umringt, die sie am liebsten lynchen würde? Immerhin soll es, sagt nicht nur der Kellner in der „Auberge de Malonne“, geheime Bestrebungen geben, einen Killer auf Martin anzusetzen.

„Alles Gerüchte, völlig absurd“, wehrt Daniel Rousselet ab. „Hier im Ort führt niemand so etwas im Schilde. Die ganze Unruhe wird von außen reingetragen.“ Kaum jemand in der 5 000-Einwohner-Gemeinde kennt die Stimmungslage so gut wie der engagierte Hobby-Journalist, der das Monatsblatt Malonne Première herausgibt. In seinem Haus mit Erkern und Stuckdecken, einem ehemaligen Palais, herrscht kreative Unordnung, und man kann sich gut vorstellen, dass es bei der Planung für die letzten beiden Ausgaben turbulent zuging.

„Unser Redaktionskomitee ist in dieser Frage so gespalten wie der Ort.“ Barmherzigkeit und Gastfreundschaft seien urchristliche Gebote, einerseits. „Andererseits ist sie ja nicht wegen Übertretens des Tempolimits im Gefängnis gewesen.“ Reichen 16 Jahre Haft aus, um eine Frau zu läutern, die zwei kleine Mädchen verhungern ließ? Vielleicht führe der Aufenthalt im Kloster langfristig dazu, auch die durch ihre Verbrechen verschütteten, positiven Seiten zum Vorschein zu bringen, sinniert Rosselet. Dazu bedürfe es allerdings professioneller Unterstützung durch einen Psychologen oder Psychiater. Er weiß, dass diese Einstellung nicht vielen im Ort behagt.

"Auf Knien rutschen, bis sie blutig sind"

Auf dem Weg zurück zum Klosterberg deutet eine Frau, Ende 40, die mit ihrem Golden Retriever unterwegs ist, achselzuckend auf das Gebäude an der Ecke mit den zahlreichen Kameras. Ein Haus für Frauen und Kinder in Not. „Diese Verbrecherin müsste den Weg hier herauf dreimal am Tag auf Knien rutschen, bis sie blutig sind“, sagt die Hundebesitzerin. Sie will sich nicht damit abfinden, dass die Ordensfrauen „so eine“ aus christlicher Nächstenliebe aufgenommen haben.

Es werde noch einige Zeit brauchen, bis Malonne zu seiner „traditionellen Offenheit“ zurückfinde, sagt fünf Minuten später der pensionierte Lehrer Jean-Pierre Berger. Aber er ist hoffnungsvoll, dass es passiert. Berger ist Repräsentant der örtlichen Gruppe von Amnesty International. „In gewisser Weise“, überlegt er und lässt den Blick zur Klosterkirche schweifen, „ist sie ja auch ein Flüchtling.“ Berger wohnt Tür an Tür mit den Schwestern und erzählt, dass schon seit 15 Jahren mehr oder weniger regelmäßig Kontakt zur ehemaligen Dutroux-Gehilfin besteht. Er selbst findet ihre Aufnahme ein mutiges Zeichen, hat aber auch Verständnis für Abwehrreaktionen, „solange sie nicht in blanken Hass umschlagen“. Selbst durch die Amnesty-Gruppe gehe in dieser Sache ein Riss. „Wenn es um Syrien oder den Sudan geht, sind wir uns immer einig.“

Gut eine Stunde später in Flémalle an der Maas, südwestlich von Lüttich. Kaum jemand hat so viel Berechtigung, Versöhnungsgesten unangebracht zu finden wie Jean-Denis Lejeune. Er ist der Vater von Julie, die Michelle Martin ebenso wie Julies Freundin Melissa hat sterben lassen.

„Verrecken“, sagt er bitter. Das ist 17 Jahre her, „aber der Schmerz lässt sich einfach nicht verdrängen“. Vor allem will Lejeune endlich Klarheit darüber haben, wie es seiner damals achtjährigen Tochter zwischen der Entführung und ihrem Tod ergangen ist. Nie hat er akzeptieren wollen, dass die im Prozess etwas verhärmt wirkende Martin bloß die willenlose Erfüllungsgehilfin ihres Mannes gewesen sein soll, als die sie sich vor Gericht präsentiert hatte. „Für mich“, sagt er im Wohnzimmer seines bescheidenen Hauses am Ortsrand, „ist sie noch schlimmer als Dutroux.“ Nach dessen Inhaftierung im Dezember 1995 hätte Michelle Martin Julie und Melissa befreien und retten können. Warum hat sie sehenden Auges die beiden Mädchen sterben lassen?

In einem Brief an das Kloster hat er Michelle Martin aufgefordert, seine Fragen endlich zu beantworten. Ein Gericht erlaubte jetzt ein Treffen. Die beiden sollen sich im Rahmen einer Mediation sehen, die sich Martin gewünscht hatte, hieß es. Lejeune hatte über seinen Anwalt mitteilen lassen, er sei zu einem Treffen bereit.

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