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02. März 2013

East Side Gallery: Investor: Abriss geht weiter

 Von Thomas Rogalla
Lederdesigner Daniel Rodan nutzte den Protest am Sonnabend, um noch einmal auf seiner Mauermode-Kollektion aufmerksam zu machen. Foto: Markus Wächter

Trotz aller Proteste soll der Teilabriss der Berliner Mauer zu Wochenbeginn weitergehen. Der Investor verteidigt das Vorgehen und will die Mauerstücke nur wenige Meter weiter wieder aufstellen. Über den Streit wird sogar in den USA berichtet.

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Am Montag sollen die Abrissarbeiten an der Eastside Gallery zwischen Kreuzberg und Friedrichshain weitergehen. Das kündigte Maik Uwe Hinkel, Geschäftsführer und Inhaber des Bauprojekts Living Bauhaus, am Samstag an. Sein Projekt sei vom Bezirk genehmigt, ihn treffe keine Schuld.

Für den Bau lägen alle erforderlichen verwaltungsbehördlichen Genehmigungen vor. „Die aktuellen Arbeiten können deshalb auch für keinen Verantwortlichen in der Senats- oder Bezirksverwaltung überraschend kommen.“

Auch er sei am Erhalt der East Side Gallery als historisches Mahnmal interessiert, so wie die Berliner und Menschen auf der ganzen Welt, betonte der Investor. Es werde deshalb kein einziges Mauerstück beseitigt, sondern sie würden nur wenige Meter hinter der East Side Gallery wieder aufgestellt.

Hinkel wunderte sich über die Massivität der Proteste, „weil wir den Baubeginn von Living Levels seit Monaten öffentlich kommunizieren.“ Er trat Hoffnungen der Baugegner auf einen weiteren Baustopp entgegen: „An dem Baubeginn halten wir wie geplant fest,“ so Hinkel.

Man werde eine Bedrohung und Gefährdung der am Bau beteiligten Mitarbeiter nicht hinnehmen. „Gegen derartige Rechtsverletzungen werden wir genauso mit den uns zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln vorgehen“, heißt es in seiner Stellungnahme.

Bebauungsplan schon vor sieben Jahren beschlossen

Die Versetzung von 19 etwa 1,20 Meter breiten Segmenten der Mauer sei notwendig, um die im zweiten Weltkrieg zerstörte Brommybrücke, die ab vermutlich 2014 in der Verantwortung des Senats und des Bezirks wieder aufgebaut wird, an die Mühlenstraße anzuschließen, so Hinkel.

Diese Brücke sei politisch gewollt. „Darüber hinaus erhalten unser Gebäude sowie der öffentliche Park einen Zugang zur Mühlenstraße. Die Mauerversetzung sei bereits im 2005 vom Bezirk und weiteren öffentlichen Trägern beschlossenen Bebauungsplan festgelegt worden und schließe die Erstellung und Anbindung des erwähnten Fluchtweges aus dem Park sowie die Anbindung von Brommystraße und Brommybrücke mit ein.

Sein Konzern Living Bauhaus habe sich verpflichtet, im Rahmen eines am 17. Februar 2013 von Bezirksbürgermeister Dr. Franz Schulz unterzeichneten Vertrages für den Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain die Mauerversetzung in den öffentlichen Park hinter der East Side Gallery zu organisieren. „Die Versetzung der „Mauer“ in Vorbereitung der zu bauenden Brücke wäre eigentlich eine hoheitliche Aufgabe des Bezirks und des Landes Berlin, die wir aber vertraglich zu übernehmen hatten.“

SPD-Fraktion: Bezirk drückt sich vor Verantwortung

Kritik am Verhalten des Bezirks kam auch von der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Fraktion, Torsten Schneider, sagte, es sei ein unglaublicher Vorgang, dass der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg es aufgrund eines selbst verabschiedeten Bebauungsplans alleine in der Hand habe, die East-Side-Gallery zu schützen, stattdessen aber versuche, die Verantwortung auf den Senat abzuschieben.

Der Bezirk habe die Flächen zum Verkauf freigegeben und bereits am 30. Juni 2008 bestandskräftige Baugenehmigungen für die beiden Grundstücke erteilt, die alleine er ändern, zurücknehmen oder widerrufen kann. Und zwar auf der Grundlage seines eigenen (geänderten) Bebauungsplanes vom 15. Mai 2005.

Die beiden Baugrundstücke an der Mühlenstraße 60-63 sollten über die geplante und umstrittene "Brommy-Brücke" erschlossen werden. Dafür habe der Bezirk einen Mauerdurchbruch von vornherein eingeplant. Dass vor der East-Side-Gallery Bagger rollen, hat der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg allein zu verantworten“, sagte Schneider.

„Die SPD-Fraktion erwartet, dass das historische Monument geschützt wird“. Die Grünen-Fraktion hatte dem Senat zuvor vorgeworfen, dem Bezirk kein Ersatzgrundstück für das umstrittene Bauvorhaben zur Verfügung gestellt zu haben. Dann hätte der Mauerdurchbruch vermieden werden können.

Modenschau als Protest

Die Bürgerinitiative „East Side Gallery retten“ will an diesem Sonntag (14 Uhr) wieder für den Erhalt des längsten noch erhaltenen Abschnitts der Berliner Mauer demonstrieren. Der künstlerisch bemalte Betonwall wird in nahezu jedem Berlin-Reiseführer als historische Sehenswürdigkeit gewürdigt.

Mitglieder der Bürgerinitiative standen bereits am frühen Samstagmorgen an der East Side Gallery, um auf möglicherweise anrückende Bauarbeiter aufzupassen. Der Abriss ging aber nicht weiter, wie ein Initiativen-Sprecher berichtete.

Auch der Designer Daniel Rodan nutzte den Protest für sich: Er ließ trotz kalter Winterluft Models in knapper, thematisch passender Ledermode vor dem berühmten Mauerstück posieren. Zum 20-jährigen Jahrestag des Mauerfalls hatte der Berliner Lederdesigner, der seit über 30 Jahren am Kudamm aktiv ist, das Projekt "Mauerkleider - East Side Gallery goes Fashion" ins Leben gerufen. Dafür bat er einige der Künstler, die damals die Mauer bemalt hatten, ihre Motive auf Leder zu malen.

Streit sorgt international für Aufsehen

Die neue Lücke in der Berliner East Side Gallery sorgt auch in der internationalen Presse für Aufsehen. Medien wie die britische Tageszeitung „The Guardian“, der Fernsehsender „BBC“ oder die „Los Angeles Times“ informierten Leser und Zuschauer auf ihren Webseiten und auch via Twitter über den Streit an der Spree. Die „BBC“ beispielsweise sprach am Freitag von einem der berühmtesten Kunstwerke Berlins, das durch Bauunternehmen bedroht sei.

Die Polizei kontrollierte das Mauerstück auch am Sonnabend.
Die Polizei kontrollierte das Mauerstück auch am Sonnabend.
Foto: Markus Wächter

Die „Los Angeles Times“ veröffentlichte ein Foto von Demonstranten und Polizisten vor der Mauer und einen kleinen Text bei den Bildern der Woche. „Mr Gorbachev, tear down this wall [to build luxury apartment blocks]“ (Reißen sie die Mauer nieder, um luxuriöse Appartement-Blöcke zu bauen), schrieb eine Leserin auf der Webseite des „Guardian“. Sie wandelte damit einen Appell des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan 1987 an den sowjetischen Parteichef ab.

Die East Side Gallery ist ein Teilstück der Mauer nahe der Oberbaumbrücke, das nach dem Mauerfall von knapp 120 Künstlern auf 1,3 Kilometern Länge bemalt wurde. Sie gilt als weltweit längste Open-Air-Galerie. (mit dpa)

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