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17. Oktober 2014

Ebola: "Ärzte ohne Grenzen" kritisieren EU und WHO

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Üben für den Ernstfall: Im Center for Disease Control and Prevention in Anniston, Alabama, wird der Umgang mit der Schutzkleidung geprobt.  Foto: dpa

Lange hat Europa die Seuche unterschätzt. Nun setzt man auf die Kontrolle von Reisenden an Flughäfen. Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" kritisiert EU und WHO im Kampf gegen die Ausbreitung der Ebola in Westafrika.

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Nun ist auch Frankreich gefolgt. Auf dem Flughafen Paris-Roissy werden von Samstag an Reisende aus dem westafrikanischen Ebola-Gebiet auf mögliche Infektionen überprüft. Das sagte die französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine am Donnerstag vor einem Sondertreffen mit ihren EU-Kollegen in Brüssel. Tschechien will nachziehen. Großbritannien hatte entsprechende Tests schon in der Vorwoche eingeführt.

Darüberhinaus setzt Europa im Kampf gegen die Ausbreitung des Ebola-Virus auf eine Verstärkung der Ausreisekontrollen in den betroffenen westafrikanischen Ländern. Die EU-Gesundheitsminister einigten sich darauf, zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) „sofort“ mit einer Überprüfung der derzeitigen Kontrollen an Flughäfen in Liberia, Sierra Leone und Guinea zu beginnen.

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Die Regelungen sind verständlich. Schließlich gilt es, die Ausbreitung des tödlichen Virus zu stoppen. Und doch darf man sich wundern. Lange hat Europa fast tatenlos zugesehen, Westafrika gegen die Epidemie kämpfte. Nun geht das Virus auf Reisen und Europa entdeckt, dass in seinem Süden ein ganzer Kontinent liegt. „Durch früheres entschiedenes Handeln hätte die Epidemie eingegrenzt werden können“, sagt Tankred Stöbe. Der Berliner Mediziner ist Vorstandschef von Ärzte ohne Grenzen Deutschland.

Mit einer speziellen Wärmekamera werden Passagiere am Flughafen von Skopje gescannt.  Foto: afp

Die Organisation hatte früh vor einer Ausbreitung der Epidemie gewarnt. Passiert ist wenig. Lange kämpfte sie in Westafrika fast allein gegen das Virus. Mit eindringlichen Erlebnissen: „Er wisse, dass er sterben müsse, sagte der Patient. Aber in der Klinik infiziere er wenigstens keine Angehörigen“, so schildert der Belgier Pierre Trbovic in seinem Blog eine Begegnung in Liberia bei seinem Einsatz für Ärzte ohne Grenzen. Die Arbeit der Organisation wird von Brüssel aus koordiniert. Auch, weil Brussels Airlines eine der wenigen Fluglinien ist, die noch direkt ins Ebola-Gebiet fliegt. Doch auch in Belgien tobt eine Debatte. Piloten und Stewardessen zögern. Das Bodenpersonal streikt. Man wünscht schärfere Kontrollen. Brussels Airlines lässt Passagiere der vier Direktflüge, die es pro Woche gibt, vor dem Einstieg in Westafrika auf erhöhte Temperatur testen. Bei 30.000 Reisenden schlug das Messgerät bisher 70 Mal an: wegen Malaria.

Zwischen zwei und 21 Tagen beträgt die Inkubationszeit bei Ebola, erklären Mediziner. Temperaturkontrollen haben daher nur eine begrenzte Wirkung. Dass sie dennoch unternommen werden, liegt auch am Druck der USA. Der Ebola-Patient aus Liberia, der in Texas starb, reiste über Brüssel ein.

Reisewege sind das eine, doch Eindämmen lässt sich das Virus nur vor Ort. Für Tankred Stöbe ist klar: „Die Weltgemeinschaft muss jetzt entschlossen und schnell handeln. Wir brauchen tropenmedizinisch geschultes Personal und mehr Bettenplätze in den drei am stärksten betroffenen Ländern Westafrikas Liberia, Sierra Leone und Guinea.“ Und Stöbe fordert: „Wir müssen endlich auch Geld in die Erforschung von Impfstoffen und Medikamenten gegen Ebola investieren.“

Rund 4500 Menschen sind bislang in Westafrika an Ebola gestorben. „Wir sind dabei, das Rennen zu verlieren“, warnt Anthony Banbury, der Ebola-Beauftragte der UN. Angesichts dieser Zahlen gibt selbst Ärzte ohne Grenzen seine Zurückhaltung gegenüber einer Zusammenarbeit mit dem Militär auf: „In der Bekämpfung der Ebola-Epidemie werden alle Kapazitäten benötigt, inklusive das Militär“, sagt Stöbe. Bislang haben nur die USA Soldaten für den Kampf gegen das Virus bereitgestellt. Deutschland sucht Freiwillige. Und Europa? Zögert. Nicht mal das Ausfliegen infizierter Helfer ist ausreichend geklärt. Eine französische Krankenschwester musste zuletzt von einem US-Unternehmen ausgeflogen werden – über Georgia.

Dass mit Entschiedenheit etwas erreicht werden kann, hat Nigeria bewiesen. Im Juli war dort ein Ebola-Infizierter aus Liberia eingereist. Die Regierung in Afrikas bevölkerungsreichstem Land reagierte entschlossen. Per Sonderverordnung durften Mobilfunkdaten abgefragt werden, vorbeugende Quarantäne wurde angeordnet, die Wohnung von Ebola-Patienten umgehend desinfiziert und in den Kliniken Spezialabteilungen eingerichtet. Acht Ebola-Tote zählte das Land. Aber seit 42 Tagen ist keine Neuinfektion gemeldet worden.

Ärzte-ohne-Grenze-Chef Stöbes Kritik trifft nicht nur die EU, sie zielt auch auf die WHO: „Wir haben schon im März vor der Ausbreitung des Ebola-Virus gewarnt. Spätestens im Juni war die Epidemie außer Kontrolle. Aber selbst die WHO reagierte nur zögerlich.“ Auch auf einen Brief an die Bundeskanzlerin habe seine Organisation nur verhaltene Reaktionen erhalten. Stöbe: „Wir haben die entsprechenden Stellen frühzeitig mit Informationen versorgt, aber passiert ist wenig.“

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