Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

19. September 2014

Ebola: In Liberia regiert die Angst

 Von 
Helfer bergen Tote in einem Armenviertel.  Foto: rtr

Seit dem Ebola-Ausbruch ist das westafrikanische Land zum Synonym einer der verheerendsten humanitären Katastrophen der Gegenwart geworden.

Drucken per Mail

Ein junger Mann in blauen Jeans und grünem T-Shirt wälzt sich auf dem vom Regen nassen Lehmboden vor dem John-F-Kennedy-Hospital in der liberianischen Hauptstadt Monrovia und stöhnt: „Ich sterbe“. Seine Mutter flößt ihm aus einer Plastikflasche Wasser in den Mund, der Vater ruft verzweifelt: „Was sollen wir nur tun?“ Das Eisentor zur größten Klinik des Landes will sich partout nicht öffnen.

Mit 68 Patienten sei die für 38 Kranke ausgelegte Ebola-Station des Hospitals bereits hoffnungslos überfüllt, sagt Krankenpfleger Lavele Sumbo. Erst Stunden später wird der inzwischen bewegungslos auf dem Boden liegende Kranke von Männern in außerirdisch anmutenden Schutzanzügen in die Klinik getragen – vermutlich viel zu spät. „Just For Killing“, nennen die Bewohner Monrovias ihr mit den Buchstaben JFK abgekürztes Krankenhaus sarkastisch: Ein Hospital, das höchstens noch zum Töten taugt.

Es sind diese Bilder, mit denen der westafrikanische Kleinstaat Liberia inzwischen in Verbindung gebracht wird – anhaftend wie der Tod und seine Sense. Das Land ist zum Inbegriff der Hölle auf Erden, zum Synonym einer der verheerendsten humanitären Katastrophen der Gegenwart geworden. Weit über 1200 Liberianer – und ebenso viele Guineer und Sierra Leoner – sind der schlimmsten Ebola-Seuche der Geschichte bereits zum Opfer gefallen.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO wird die Zahl der Toten in den nächsten drei bis sechs Monaten die Zahl 20 000 erreichen: Manche US-Wissenschaftler gehen sogar von „Hunderttausenden“ von Toten in den nächsten eineinhalb Jahren aus. Die Epidemie breite sich „wie ein Flächenbrand“ aus und zerstöre „alles, was sich ihr in den Weg zu stellen sucht“, sagte Brownie Samukai, der stellvertretende liberianische Verteidigungsminister, vor dem Sicherheitsrat in New York. Der Bestand seines Landes sei in Gefahr.

„Erzähl mir dann, wie’s war, aber bitte nur am Telefon“, sagte die Agentin im Reisebüro, als sie mir das Flugticket ausstellte, ohne zu scherzen. Die Nachbarin ließ sich versprechen, dass ich nach meiner Rückkehr drei Wochen lang nicht in ihre Nähe komme. Und ein Freund versuchte, mich unter Hinweis auf die Verantwortung gegenüber seinen Kindern von dem offenbar nicht nur selbstmörderischen Vorhaben abzubringen. Die Angst vor dem Virus hat sich noch wesentlich schneller als der Erreger selbst ausgebreitet: Sie ist in allen Ecken des Kontinents und in sämtlichen anderen Teilen der Welt angekommen.

„Ebola gibt es wirklich“: Warnhinweise in Monrovias Slum West Point.

Schon die Anreise stellt sich als hochgradig kompliziert heraus, weil die meisten Fluggesellschaften die Krisenregion inzwischen meiden – eine von den betroffenen Staaten bitter beklagte Zwangs-Quarantäne. Deshalb geht es von Johannesburg in Südafrika aus über Dubai und Casablanca nach Liberia – einmal um den Kontinent, mehr als 15 000 Kilometer weit, fast 35 Stunden Reisezeit brutto. Die Maschine der „Royal Air Maroc“, einer von gerade noch fünf Flügen die Woche nach Monrovia, ist nur halb gefüllt – mit ein paar bleichen europäischen Helfern, einigen wagemutige liberianischen Rückkehrern und den in Westafrika allgegenwärtigen libanesischen Geschäftsleuten. Dagegen wird der Rückflug bis auf den letzten Platz ausgebucht sein.

Noch vor dem Flughafengebäude wartet der erste Eimer. Die mit Chlorwasser gefüllten Plastik-Kübel sind zu Liberias nationalen Insignien geworden. Vor jedem Hotel, vor jedem Haus und vor jedem noch so kleinen Lädchen müssen Besucher ihre Hände waschen. Eine Flughafenangestellte mit Schutzbrille, Mundschutz und weißem Plastik-Overall setzt allen Ankömmlingen eine Temperatur-Pistole an die Schläfe: Ein makaber anmutendes Ritual, das sich in den folgenden Tagen noch unzählige Male wiederholen wird. Welcome in Liberia, dem Land, das wie die Pest gemieden wird.

Nur die Eimer sind neu

Das Schlimmste sei vorüber, sagt Fahrer König Foleli, der den imposanten Vornamen seinem von deutschen Missionaren ausgebildeten Vater verdankt. Habe die Bevölkerung der Regierung zunächst nicht geglaubt, als sie den Seuchenalarm schlug – die Liberianer haben es sich abgewöhnt, ihren Regierungen noch irgendetwas zu glauben –, so habe sich das Bewusstsein, dass die Epidemie tatsächlich existiert, inzwischen durchgesetzt, fährt der Fahrer fort: „Und weil wir das Virus jetzt ernst nehmen und die nötigen Vorkehrungen zu unserem Schutz befolgen, wird es jetzt besser werden.“ Monrovias Straßenbild scheint König Foleli Recht zu geben. Nichts deutet auf den angeblich bevorstehenden Staatskollaps hin. Business as usual, nur die Eimer sind neu.

Anderntags in West Point, dem größten Slum Monrovias, wo mehr als 70 000 Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Als aus West Point Anfang August die ersten Ebola-Fälle gemeldet wurden, sperrte die Regierung kurzerhand das gesamte Armenviertel ab. Die Bevölkerung, die dem Oppositionspolitiker und einstigen Fußballstar George Weah nahe steht, ging auf die Barrikaden. Erschrocken hob Afrikas einzige Präsidentin, Ellen Johnson-Sirleaf, die Blockade wieder auf.

Eimer zum Händewaschen sind im Stadtbild allgegenwärtig.

Heute laufen junge Menschen mit weißen Plastikwesten durch die engen Gassen, um die Slumbewohner über den richtigen Umgang mit dem Virus aufzuklären. Rachel Hoskin, eine der freiwilligen Informanten, führt zu einer Großmutter, die in der vergangenen Woche ihre halbe Familie verloren hat. Innerhalb von wenigen Tagen starben zwei ihrer Söhne, eine Tochter, zwei Enkel und der Schwiegersohn. Mittlerweile ist die 55-jährige Mema Sware selbst krank. Sie sitzt zusammengefallen vor ihrem Haus, in dem der Rest der einst 18-köpfigen Großfamilie noch immer – jetzt mit der hochgradig ansteckenden Großmutter – lebt. „Wir haben versucht, einen Platz in einer Isolierstation für sie zu finden“, sagt Informantin Hoskin: „Ausgeschlossen. Sie sind alle voll.“

Ausnahmsweise sei einmal nicht das Geld für den Engpass verantwortlich, erklärt Caitlin Ryan, Sprecherin der von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen errichteten Isolierstation „Elwa 3“ am Stadtrand von Monrovia. „Es sind ausgebildete Pflegekräfte, die fehlen“.

Am Tor der derzeit gut 120 Plätze umfassenden Klinik der Organisation werden ständig zum Teil im Kofferraum von Privatfahrzeugen verstaute Kranke angeliefert, von denen die meisten abgewiesen werden müssen. Denn das größte jemals errichtete Ebola-Hospital hat keinerlei Kapazitäten mehr frei. Manche der verdächtigten Ebola-Patienten werden auch in überfüllten Massentaxis gebracht. „Falls sie nicht vorher schon angesteckt waren“, sagt die Sprecherin der Hilfsorganisation, „dann sind sie es spätestens jetzt.“

Das Virus tötet auch durch die Angst

Die des viel zu langen Nichtstuns bezichtigte WHO bemüht sich inzwischen fieberhaft, neue Quarantänestationen in Monrovia aus dem Boden zu stampfen. Platz für solche Einrichtungen gibt es genug. Die Stadt, in der bis vor elf Jahren noch ein verheerender Bürgerkrieg herrschte, hat genügend freie Flächen. Auch die Kosten für die Zelte und die Pflege der Patienten stellten keine unüberwindlichen Hindernisse dar, sagt WHO-Sprecher Roar Sorenson. Es hakt beim Personal. Ausländische Experten zum humanitären Einsatz nach Liberia zu locken, sei fast ausgeschlossen, fährt der norwegische WHO-Mann fort. Die Furcht vor der mysteriösen Gefahr halte selbst Hartgesottene ab.

Das Virus richtet nicht nur in den Blutbahnen der Angesteckten Unheil an. Es tötet auch indirekt – durch die Angst, die es erzeugt.

Unicef-Repräsentant Sheldon Yettes hatte keine Bedenken, Dutzende seiner Kollegen nach Monrovia zu rufen. Hier sind die Mitarbeiter des Kinderhilfswerks an Kampagnen zur Aufklärung der Bevölkerung beteiligt. Yettes hält die Arbeit in Liberia für durchaus „sicher“: Wenn man sich an hygienische Grundregeln wie ständiges Händewaschen halte, keine Erkrankten berühre und auf keine Beerdigung gehe, könne einem eigentlich nichts passieren. „Man kann sich an dem Virus nur schwer infizieren“, stimmt ihm ein Experte des Centre of Disease Control (CDC) der US-Regierung zu. Trotzdem vermag auch Yettes nicht genügend Mitarbeiter für die Unicef-Arbeit in Monrovia zu mobilisieren: „Der Angst-Faktor ist einfach zu stark.“

Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf sieht der Zukunft mit Sorge entgegen.

Jeder Fernseh- oder Zeitungsbericht sei mit Bildern von dem in ihren Schutzanzügen wie extraterrestrische Eindringlinge wirkenden Pflegepersonal versehen. Die damit verbreitete Botschaft, dass man in Liberia praktisch nur so arbeiten und überleben könne, sei „schädlich“ und „einfach nicht wahr“. Auch die Entscheidung der Fluggesellschaften und Nachbarländer, die Krisenregion in ein riesiges Quarantänelager zu verwandeln, habe schlimmste Folgen: „Wir kriegen nicht mal das nötige Material ins Land.“

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die Seuche ist ebenso real wie verheerend – vor allem für die Bevölkerung Liberias. Wie katastrophal, wird spätestens bei der Begleitung der Totensammler des lokalen Roten Kreuzes deutlich. Sechs neunköpfige Teams, die Tag für Tag ausrücken, um die in den vergangenen 24 Stunden Verstorbenen einzusammeln und dabei mit herzzerreißenden Szenen konfrontiert werden. Regelmäßig bekommen sie von Angehörigen der Verstorbenen zu hören, dass sie Hilfe in einer Isolierstation gesucht hätten, aber abgewiesen worden seien. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als ihre infizierten Verwandten wieder nach Hause zu bringen, wo sie Familie und Nachbarn gefährden – und schließlich sterben.

Wenn nicht bald wesentlich mehr Hilfe aus dem Ausland komme, sagt die Regierung, werde Liberia bald wieder wie einst im Bürgerkrieg aussehen. Nicht nur, dass sämtliche Schulen und die meisten Krankenhäuser schon seit Monaten geschlossen sind: Wer wegen einer Lungenentzündung oder eines entzündenden Blinddarms ärztliche Hilfe sucht, muss sein vergleichsweise harmloses Gebrechen womöglich mit dem Leben zahlen. Schon bald könnte sich ein weitere Konsequenz der Seuche noch verheerender als der Virus selbst erweisen: Die Wirtschaft des Landes steht nach Angaben der Weltbank vor einer „Katastrophe“.

"Jesus is Lord"

William Setin ist einer der erfolgreichsten Unternehmer Liberias. Seine Baufirma beschäftigte bis vor Kurzem noch 2400 Menschen. Doch seit dem Ausbruch der Epidemie vor mehr als einem halben Jahr hat der Firmenchef keinen einzigen öffentlichen Auftrag mehr bekommen. Die Regierung, die wegen der Epidemie auf ein Viertel ihrer Einnahmen verzichten muss, kann sich außer dem Kampf gegen das Virus nichts mehr leisten. Seldon musste bereits 1000 Menschen auf die Straße setzen, der Bankrott ist abzusehen.

Möglicherweise könne die Regierung bereits zu Weihnachten die Gehälter ihrer Angestellten nicht mehr bezahlen, argwöhnt der Politologe Ebrahim Nyei vom „Government Council“, einer staatlichen „Denkfabrik“. Dann könne es sogar zu Aufständen kommen. Die Warnung des stellvertretenden Verteidigungsministers vor dem Kollaps des Staates war also keineswegs aus der Luft gegriffen.

Dienstag um neun Uhr in der Frühe. Vor einer Baracke mit der Aufschrift „Jesus is Lord“ hat Fahrer König Foleli die Limousinen des Präsidentinnen-Konvois erspäht. Die 75-jährige Staatschefin sucht im presbyterianischen Gotteshaus Zuspruch. Ein Prediger will die zusammengesunken in der ersten Bankreihe kauernden First Lady mit der biblischen Geschichte von Sodom und Gomorra aufrichten. Doch die Analogie mit den zwei sündigen Städten, die schließlich von der göttlichen Feuersbrunst vernichtet werden, vermag die ehemalige Weltbank-Direktorin nicht zu trösten. In einer kurzen Ansprache spricht sie sich schließlich selbst Mut zu. „Dies sind dunkle Stunden“, sagt die Präsidentin: „Aber die dunkelste aller Stunden ist bekanntlich jene vor dem Sonnenaufgang.“ Das klingt so zuversichtlich wie ein zaghaftes Pfeifen im finsteren Wald. Es ist die Angst, die Liberia regiert.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft.

Kalenderblatt 2016: 1. Juli

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 1. Juli 2016: Mehr...

Globetrotter weltweit

Welche Nation nicht ohne eigenes Handtuch verreist

Nur mit eigenem Handtuch an den Hotelpool? Für viele Chinesen ein Muss im Urlaub.

Für die einen ist es das Handtuch, für die anderen die Fotokamera: Jeder Mensch legt im Urlaub auf ganz bestimmte Ding wert. Oftmals hängt das auch von der Kultur ab. Eine neue Umfrage hat ermittelt, wie die Welt 2016 verreisen will. Mehr...

Videonachrichten Panorama

Anzeige

Videonachrichten Leute