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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

14. Oktober 2014

Ebola Kommentar: Unangebrachte Panikattacken

 Von 
Bundeswehrsoldaten erlernen den Umgang mit Ebola-Kranken.  Foto: REUTERS

Der in Leipzig behandelte Ebola-Patient ist in der Nacht zum Dienstag verstorben. Das zeigt, das mit der Krankheit nicht zu spaßen ist. Der in Hamburg behandelte Erkrankte ist inzwischen allerdings geheilt. Das zeigt, dass deutsche Kliniken in der Lage sind zu helfen.

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Die Hysterie-Maschine ist schon angeworfen. Wie üblich kommt sie zunächst im Boulevard auf Touren: „Erster Ebola-Patient tot in Deutschland“, donnert das führende Erregungsmedium am Dienstagmorgen, als sei das nicht der tragische Todesfall eines UN-Mitarbeiters, der sich in Liberia infiziert hatte und schon schwer krank nach Leipzig kam. „Ebola in den USA: Ist die Epidemie noch aufzuhalten?“, zittert ein Blatt nach zwei Fällen im 300-Millionen-Einwohner-Land. „Illegaler Afrikaner: Ebola-Alarm am Hauptbahnhof“, kreischt ein anderes über einen Verdachtsfall am Montag in Hamburg.

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In München rasten am gleichen Tag ganze Medienstaffeln zum Bahnhof, als gemeldet wurde, dort habe sich ein Somalier erbrochen. „Ebolaverdacht!“ Dass Somalia am anderen Ende Afrikas liegt und bisher null Komma null Ebolafälle registrierte, mochte keinem mehr einfallen. Besorgt fasst ein Berliner Verkaufsblatt die Lage zusammen: „Ebola-Angst greift immer mehr um sich!“ Als seien es nicht genau diese Art von Schlagzeilen, die diese Angst erst um sich greifen lassen.

Weitere Erkrankte nach Berlin?

Man kann nur hoffen, dass die Medien schnell zur Besinnung kommen beziehungsweise auch dann bei klarem Verstand bleiben, wenn künftig tatsächlich weitere Ebola-Erkrankte nach Deutschland gebracht werden. Bislang hat die Öffentlichkeit erfreulich offen darauf reagiert, dass inzwischen drei nichtdeutsche Patienten in die deutsche Kliniken gebracht wurden – nach Hamburg, Frankfurt/Main und Leipzig.

Doch nun wird bekannt, dass es offenbar weitere internationale Anfragen gibt – die Weltgesundheitsorganisation wendet sich direkt ans Außenministerium – und dass Deutschland bereit und dafür ausgerüstet ist, bis zu 50 Ebola-Kranke zu behandeln. Das erklärten jetzt das Auswärtige Amt und das Bundesgesundheitsministerium. In Berlin, das unbestätigten Meldungen zufolge als möglicher nächster Aufnahmeort im Gespräch ist, wird der Tonfall mancher Medien bereits alarmistischer.

Wenn aber an diesem Donnerstag die Gesundheitsminister der EU-Mitgliedsstaaten in Brüssel über weitere Schritte im Kampf gegen Ebola beraten, dann sollte sich auch die deutsche Öffentlichkeit darauf einstellen, dass Minister Hermann Gröhe dort weitere Hilfe anbietet. Denn das wäre gut so.

Der Stammtisch pöbelt schon

Ankunftskontrollen, wie sie an US-Flughäfen bereits durchgeführt werden, sind nämlich nur dann zugleich sinn- und verantwortungsvoll, wenn Erkrankte auch behandelt werden können. Und auch für Anfragen aus Afrika und natürlich für heimkehrende deutsche Helfer muss man die vorhandenen Kapazitäten nutzen.

Wie am Stammtisch darüber gepöbelt werden mag, hörte man jüngst mal wieder zuerst aus der „Alternative für Deutschland“: Petra Federau, Politikerin im AfD-Landesvorstand von Mecklenburg-Vorpommern, beklagte, „wir holen uns alle Krankheiten der Welt ins Land!“ Ihre Parteifreunde aus Thüringen verteilen per Twitter eifrig die eingangs erwähnten Gruselmeldungen.

Wo bleibt der Nationalstolz jetzt?

Dabei ist es so beschämend wie bezeichnend, dass gerade diejenigen, die sonst so auf ihren Nationalstolz pochen, kein bisschen Stolz dafür empfinden mögen, dass deutsche Kliniken und Mediziner im Falle der Seuchenbekämpfung zu den besten der Welt gehören und der komplizierten Behandlung durchaus gewachsen sind. So ist von den drei ersten eingeflogenen Erkrankten der Patient in Hamburg inzwischen bereits geheilt. Auch für den Transport künftiger Ebola-Kranker gibt es ausgefeilte Notfallpläne, Schutzmaßnahmen und Spezialausrüstungen etwa an Krankenwagen, um die Bevölkerung zu schützen. Deutschland verfügt über sieben spezielle Behandlungszentren und vier spezialisierte Flughäfen, die den Ernstfall regelmäßig proben.

Die deutsche, ja die westliche Öffentlichkeit muss endlich erkennen, wie unangemessen ihre Panikattacken wegen einzelner Verdachtsfälle sind. Während der aktuellen Epidemie ist die spanische Krankenschwester, die in Madrid zwei aus Westafrika zurückgekehrte Priester behandelt hatte, der bislang einzige Mensch, der sich in Europa mit Ebola infizierte. Jetzt in Hysterie zu verfallen, erweckt den Eindruck, dass wir alle aus deutschen Null-Todesopfer-Seuchen wie SARS und Vogelgrippe nichts gelernt haben.

Vor allem aber verbietet es sich angesichts des Ausmaßes der Seuche in Westafrika. In den vergangenen 40 Wochen sind dort schon fast 4000 Menschen an Ebola gestorben. Der Norden muss endlich dort, vor Ort, dabei helfen, die Pandemie zu stoppen. Und wenn  schon moralische Gründe dafür in gewissen, auch gewissen publizistischen, Kreisen heutzutage als Gutmenschentum verspottet werden, bleibt immer noch das Argument des schnöden Eigennutzes: Wenn Ebola nicht bald gestoppt wird, wird es sich im Zeitalter der Globalisierung nicht ewig verhindern lassen, dass die Seuche eben doch zu uns schwappt. Nicht im afrikanischen Ausmaß. Aber vielleicht schlimm genug, um dann zu Recht in Panik zu verfallen.

 

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