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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

05. Oktober 2014

Ebola: Wie ein Aussätziger

 Von 
Johannes Dieterich (rechts) im West Point Slum der liberianischen Hauptstadt Monrovia.  Foto: Johannes Dieterich

Nach seiner Rückkehr aus dem Ebola-Gebiet macht FR-Korrespondent Johannes Dieterich eine völlig neue, bittere Erfahrung: soziale Ächtung.

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Sie mussten einen spitzen schwarzen Hut tragen und eine Rätsche mit sich führen, deren Lärm Passanten schon von Weitem warnen sollte. Obwohl Lepra-Kranke kaum ansteckend sind, wurden sie bis ins vergangene Jahrhundert hinein als „Aussätzige“ behandelt: Aus der Gemeinschaft ausgesetzt, hatten sie ein einsames und erbärmliches Leben zu führen. Mittelalterlicher Aberglaube, der längst überwunden ist? Mitnichten. Dieselben Ängste und irrationalen Abgrenzungs-Zwänge sind noch heute am Werk, wie Ihr Korrespondent in den vergangenen Wochen am eigenen Leib erfahren musste.

Die Entscheidung war nicht leicht gefallen. Auch ich liebe zumindest Teile meines Lebens und weiß um meine Verantwortung als familiärer Brötchengeber. Doch nach einem halben Jahr „kalter“ Berichterstattung wurden die aus der Distanz geschriebenen Depeschen immer unbefriedigender: Wie soll ich meinen Leserinnen und Lesern eine der größten humanitären Krisen der Gegenwart näherbringen, wenn ich sie selbst nicht gesehen und erfahren habe? Also auf nach Liberia, der Hochburg der Ebola-Epidemie. Schließlich hatten schon andere vor mir ihre Ängste überwunden: „Ärzte ohne Grenzen“, Unicef-Mitarbeiter, auch ein paar Kollegen aus den USA, Großbritannien oder Frankreich.

Der innerfamiliäre Widerstand ist dank meiner verständnisvollen Frau schnell überwunden, und die von Freunden geäußerten Bedenken zerschellen an der Macht des Faktischen: Spätestens im Flugzeug gibt es keinen Handy-Empfang mehr. Als bedeutendere Hindernisse erweisen sich der Boykott der Airports in der Krisenregion seitens der meisten Fluggesellschaften, und die Drohung der südafrikanischen Regierung, Leute, die nach Liberia, Sierra Leone oder Guinea reisen, nicht mehr ans Kap der Guten Hoffnung zurück zu lassen. Auch diese Hürden lassen sich allerdings mit etwas Aufwand und Fantasie überwinden.

Die Angst verliert sich schon wenige Stunden nach der Ankunft. Liberia sieht man die Seuche zumindest auf den ersten Blick nicht an. Auf den Straßen bewegen sich Menschen ohne die gruseligen Schutzanzüge, die man immer wieder auf Bildern sieht. Das Leben hat sich von dem unsichtbar durch die Häuser und Hütten streifenden Tod nicht unterkriegen lassen. Schnell gewöhnt man sich auch an die Schutzmaßnahmen, die inzwischen selbstverständlich sind. Man grüßt niemanden mit Handschlag, sucht auch sonstigen Berührungen aus dem Weg zu gehen, wäscht sich an den allgegenwärtigen Chlorwasser-Eimern die Hände und lässt sich zehn Mal am Tag das Fieber messen.

Schon am zweiten Tag ist das Leben wie in Zeiten der Cholera fast selbstverständlich geworden. Ich verstehe meine ursprüngliche Nervosität nicht mehr. Ein kanadischer Kollege hat sich vor der Reise nach Liberia eine Schutzmontur mit Plastik-Overall, Gummihandschuhen, Kapuze und Motorradbrille zugelegt. Nichts ist absurder als das. Wie will man mit einem Ebola-Kranken im Slum ins Gespräch kommen, der sich mit einer apokalyptisch anmutenden Gestalt konfrontiert sieht, und deren Fragen auch noch vom Mundschutz abgefangen werden? Solange man Abstand hält, ist keine Ansteckung zu befürchten, beruhigt eine amerikanische Seuchenexpertin. Das Virus fliegt nicht und wird nur über die Körperflüssigkeit bereits mit Symptomen erkrankter Infizierter übertragen. Dass die Infektionsrate in Liberia so hoch ist, hat mit den haarsträubenden Bedingungen vor Ort zu tun. Weil Angesteckte aus Platzmangel nicht in Isolierstationen aufgenommen werden können, müssen sie zu Hause auf engstem Raum behandelt werden. Die große Mehrheit der Ebola-Kranken hat sich bei der Pflege von Verwandten oder Patienten angesteckt.

Nach einer Woche sind meine Recherchen abgeschlossen – doch nun fangen die Probleme erst richtig an. Einen ersten Vorgeschmack finde ich in meiner Mailbox: Meine Frau kündigt an, dass ich zu Hause eher von Angst als von Wiedersehensfreude empfangen würde. Immerhin gibt mir die zweitägige Heimreise einmal um den Kontinent herum die Gelegenheit, mit meiner weisen Partnerin eine sachliche Debatte über das tatsächliche Ansteckungsrisiko zu führen. Sie willigt schließlich ein, dass ich die drei Wochen, die das Virus längstens braucht, um den Körper in einen Vulkan aus Fieber, Erbrechen, Durchfall und innere Blutungen zu verwandeln, nicht unter Quarantäne im Landhaus eines Freundes verbringen muss.

Bei der Einreise fragt keiner, wo ich hergekommen bin. Ich will mit meiner Geschichte auch keinem auf die Nerven gehen. Zuhause verabrede ich mit meiner Frau, dass ich in den nächsten drei Wochen niemanden berühre und im Gästezimmer schlafe.

Eine eigentlich unnötige Vorsichtsmaßnahme, die jedoch meinen prekären Zustand als potentielle Virenbombe im Bewusstsein halten soll. Die ersten zwei Tage verlaufen eher angespannt, was mit meinen roten Augen zusammenhängt. Die gelten in Liberia als erstes Vorzeichen von Ebola. Ich gehe lieber davon aus, dass es sich um die Folgen der zweitägigen schlaflosen Reise in klimatisierten Räumen handelt – und behalte zum Glück Recht.

So müssen sich HIV-Positive fühlen

Damit ist das Thema allerdings noch längst nicht vom Tisch. Freunde und Verwandte stellen sich als wesentlich hartnäckiger als meine Frau heraus. In den folgenden Tagen und Wochen werde ich auf der Straße umgangen, vom Zahnarzt und Frisör wieder nach Hause geschickt und zu Festen wieder ausgeladen. „Wegen der Kinder“ will eine Kusine meiner Frau das jüdische Neujahrsfest lieber alleine feiern. Da helfen auch sämtliche Erläuterungen über die tatsächlichen Infektionswege nicht weiter – die Angst wird als irrational und damit als vernunftresistent erklärt. Selbst meine Frau wird zur Einschränkung ihrer Sozialkontakte gezwungen. Schließlich könnte auch sie inzwischen infiziert sein.

So ähnlich müssen sich HIV-positive Menschen oder Afrikaner und Sintis in Deutschland fühlen: Soziale Ächtung ist ein Gefühl, das man als blauäugiger heterosexueller Europäer nicht unbedingt kennt. Die Angst – vor allem, wenn sie sich als vernunftresistent erklärt – entpuppt sich einmal mehr als der verheerendste Reflex der Menschheitsgeschichte. Sie hat die Rätsche für die Aussätzigen erfunden, sorgte dafür, dass die westafrikanischen Ebola-Nationen keine schnelle Hilfe bekamen und bringt Kriege, Nationalismus und Rassenwahn hervor.

Aufgebracht über die Ächtung begebe ich mich trotzig in die Fitnessbude, ohne jemanden über meinen Zustand als potenzielle Virenbombe aufzuklären – ein kindischer Fehler, der unangenehmste Folgen haben könnte. Nicht, dass ich dort ohne unter Krankheitssymptomen zu leiden jemanden anstecken könnte. Doch wenn ich später tatsächlich ins Krankenhaus muss und den Epidemiologen zu erzählen habe, wo ich mich in den vergangenen drei Wochen herumgetrieben habe, dann werde ich allein wegen des Aufenthalts in der Fitnessbude öffentlich gelyncht.

Um im Krankenhaus zu landen, muss ich auch nicht einmal vom Ebola-Virus angesteckt worden sein. Ein kleiner Malariaschub oder eine Grippe genügen schon. Denn sobald sich während der Inkubationszeit Fieber einstellt, habe ich mich schleunigst in die Isolation zu begeben. Ob es sich um Ebola oder etwas Harmloseres handelt, wird erst Tage später ein Test ergeben. In meinen Alpträumen sehe ich bereits die Schlagzeilen in der südafrikanischen Presse: „German Journalist brings Ebola to South Africa“, steht da in blutroten Lettern. Hoffentlich rafft mich das Fieber weg, bevor mich der Volkszorn zerreißen kann.

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