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Ehepaar Stolpe im FR-Interview: "Wir jammern lieber jeder für sich"

Er sagt: "Ich war ein bisschen erschrocken". Sie sagt: "Ich dachte, das war's das dann wohl". Ingrid und Manfred Stolpe haben beide Krebs - und geben sich gegenseitig Lebensmut. Ein Gespräch mit dem Ex-Politiker und der Ärztin über Zärtlichkeiten, Zukunftsträume und den Tod.

Der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD)
und seine Ehefrau Ingrid.
Der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) und seine Ehefrau Ingrid.
Foto: Labes

Frau Stolpe, Herr Stolpe, der Volksmund sagt, geteiltes Leid ist halbes Leid. Wie ist es aber, wenn beide Ehepartner schwer krank sind? Verdoppelt sich dann das Leid?

Manfred Stolpe: Für mich ist es geteiltes Leid. Mit meinem Krebs hat mich meine Frau als Patient richtig ernst genommen. Sie war eine wunderbare Pflegerin. Ich musste ein Jahr lang jeden Morgen und jeden Abend fünf Tabletten einnehmen, die so groß wie der halbe kleine Finger waren. Man darf gar nicht erst der Versuchung erliegen, einen Tag zu pausieren. Darauf hat sie streng geachtet. Als meine Frau dann Brustkrebs bekam, war ich erschrocken. Ich habe aber darauf gesetzt, dass sie ganz hart im Nehmen ist. In Krisenzeiten wird sie immer cooler. Und ich war ein ganz klein wenig erleichtert, dass ich nicht mehr der einzige in der Familie war, der so lädiert ist.

Zur Person

Ingrid und Manfred Stolpe sind seit 49 Jahren verheiratet, wohnen in Potsdam und haben eine erwachsene Tochter. Die 70-Jährige ist Ärztin, der 74-Jährige war fast zwölf Jahre SPD-Ministerpräsident von Brandenburg und von 2002 bis 2005 Bundesverkehrsminister. In der DDR arbeitete der Jurist für die evangelische Kirche und verhandelte in dieser Funktion oft auch mit der Staatssicherheit.

2004 erkrankte er an Darmkrebs, vier Jahre später wurden Lebermetastasen diagnostiziert. Sie bekam zur gleichen Zeit Brustkrebs.

"Wir haben noch so viel vor", heißt ihr Buch, das am Freitag beim Ullstein-Verlag erschienen ist. 224 S., 19,95 Euro. (ber)

Ingrid und Manfred Stolpe haben noch viel vor.
Ingrid und Manfred Stolpe haben noch viel vor.
Foto: Andreas Labes

Ingrid Stolpe: 2008, als wir beide so schwer krank waren, waren wir fast immer zu zweit zu Hause...

da kann man sich ganz schön auf die Nerven gehen...

Ingrid Stolpe: Wir haben uns nichts gegenseitig vorgejammert, sondern das Beste draus gemacht. Den ganzen Tag jammern, das ist nicht so meins. In Zeiten, in denen ich mal besser drauf war, bin ich ins Gartencenter gefahren und habe körbeweise Blumen geholt. In der Weihnachtszeit habe ich riesige Weihnachtssterne gekauft und das Haus geschmückt.

Manfred Stolpe: Ja, Kranksein ist teuer...

Bei Ihnen hört sich das alles so leicht an, viele Menschen verzweifeln, wenn sie Krebs bekommen...

Manfred Stolpe: Die Berufserfahrung meiner Frau als Ärztin war ein Vorteil für uns. Wir wussten, Krebs ist etwas sehr Ernstes, mit dem man sich auseinandersetzen muss.

Ingrid Stolpe: Ich bin ein klassischer Schulmediziner, ich habe mich mit alternativen Therapien nicht aufgehalten. Ich habe mich für die Chemotherapie entschieden, obwohl ich wusste, dass es mir sehr schlecht ergehen wird und mir die Haare ausfallen werden. Man kann da aber nicht ängstlich sein, sonst hat man jeden Tag ein neues Leiden. Da muss man drüber stehen.

Frau Stolpe, in Ihrer beider Buch steht, Sie waren getröstet, wenn Sie während der Chemo Griesbrei mit Apfelmus essen konnten.

Ingrid Stolpe: Ja, das hat mich getröstet. Mein Mann musste den Brei auch mitessen, geschadet hat es ihm nicht.

Ihnen, Herr Stolpe, hat der Glaube an Gott geholfen?

Manfred Stolpe: Gott ist ein zu großes Wort. Ich bin überzeugt davon, dass der Mensch nicht alles selbst in der Hand hat. Außerdem war es hilfreich, dass ich vom Naturell sehr gelassen bin.

Ingrid Stolpe: Er hat es ja mehrfach durchmachen müssen: 2004 Darmkrebs und dann zweimal Leberkrebs. Er hatte ein Jahr lang Chemo, ein ganzes Jahr! 2008, bei der zweiten Behandlung des Leberkrebses musste er nicht nur die Riesenpillen nehmen, sondern bekam auch noch eine Infusionsbehandlung. Das hätte ich nicht ausgehalten, das wäre mir zu happig gewesen.

Herr Stolpe, wieso konnten Sie es aushalten?

Manfred Stolpe: watt mutt, datt mutt...

Ingrid Stolpe: Ja, diese hinterpommersche Sturheit und preußische Disziplin, die machen das halt mit ihm.

Sie, Herr Stolpe, dachten bis Februar 2008, Sie hätten den Leberkrebs überstanden. Und dann war er doch wieder da, wie ging es Ihnen damals?

Manfred Stolpe: Ich war ein bisschen erschrocken. Ich war jedes Jahr brav zur Kontrolle gegangen. Das hatte außerdem meine Frau so angeordnet.

Ingrid Stolpe: ... wie das klingt: angeordnet...

Manfred Stolpe: aber mit dieser Diagnose hatte ich nicht gerechnet, ich hatte ja keinerlei Beschwerden. Da musste ich schon etwas durchatmen.

Wie ist Manfred Stolpe, wenn er ein bisschen erschrocken ist?

Manfred Stolpe: Dann ist er still.

Ingrid Stolpe: Ich dachte, oh, wenn er jetzt diffuse Lebermetastasen hat, das war´s das dann wohl. Das wird das letzte Weihnachten, das wir gemeinsam feiern.

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Datum:  12 | 3 | 2010
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