Am Tag seiner Hinrichtung wirkte Frank Coppola gefasst und ruhig. Der ehemalige Polizist war 1978 zum Tode verurteilt worden, weil er eine Frau in ihrem Haus überfallen, ausgeraubt und erdrosselt hatte. Nachdem er sich auf den elektrischen Stuhl gesetzt hatte, banden die Vollzugsbeamten seine Arme und Beine fest, krempelten sein rechtes Hosenbein hoch und setzten ihm die elektrischen Kontakte und die Maske auf. Dann streckte Coppola die Daumen hoch: „Ich bin bereit.“ Jerry Givens drückte den Knopf. Rauch stieg auf. Es knisterte und stank nach verbranntem Fleisch.
28 Jahre ist das jetzt her. Trotzdem erinnert sich Jerry Givens an seine erste Hinrichtung am besten. „Man kriegt diesen Geruch nicht mehr aus der Nase – als ob man einen fettigen Schinken grillen würde“, sagt er am Küchentisch seines Bungalows in Richmond, Virginia. Die Vorhänge sind zugezogen, weil die Sonne draußen brennt. Seit elf Jahren arbeitet Givens nicht mehr als Henker. Trotzdem redet er von seiner früheren Arbeit, als würde er noch jeden Morgen ins Gefängnis fahren und sich auf die nächste Exekution vorbereiten. Von 1982 bis 1999 richtete er 62 Menschen hin. Es gab Zeiten, da war er einer der fleißigsten Henker in den USA.
Zwei von drei US-Amerikanern befürworten die Todesstrafe, aber über die, die sie ausführen, weiß man fast nichts. Nur wenige Henker haben über ihre Arbeit gesprochen. Bis heute umgibt sie eine Aura des Unheimlichen.
Vielleicht begrüßt Givens seine Gäste gerade deshalb mit einem kumpelhaften Schlag auf die Schulter und bittet sie in sein Haus.. „Still, sei endlich still“, ruft er seinem Hund zu, der in einem Käfig hinter dem Sofa bellt, als Givens die Haustür öffnet. Im Halbschatten steht ein schwarzer, bulliger Mann, Mitte 50 mit Schnauzer und Glatze, der eine goldene Brille und eine goldene Armbanduhr trägt.
Ein gewisser Stolz
Givens gibt eine kurze Führung durchs Haus, das von einem einfachen, bodenständigen Leben zeugt. In der Küche hängt ein Kreuz – Givens geht jeden Sonntag in die Kirche und singt dort im Chor. Auf einer Kommode im Wohnzimmer stehen Pokale. Givens hat früher die American-Football-Mannschaft der benachbarten High School trainiert. Über der Kommode hängt ein Schwarzweiß-Bild aus den 70er Jahren. Es zeigt Givens, noch jung und schlank, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen am Strand. Eine normale, glückliche Familie.
Givens ist in einer Sozialbausiedlung in Richmond aufgewachsen. Seine Herkunft hört man ihm heute noch an. Er macht Grammatikfehler, schleift Silben, kaut Vokale breit. Er spricht die Sprache der schwarzen Unterschicht. Für einen wie ihn muss es ein Aufstieg gewesen sein, als er 1974 eine Stelle als Gefängniswärter antrat. Obwohl er die Todesstrafe heute ablehnt, spricht er mit einem gewissen Stolz über seine frühere Arbeit. Schon im ersten Jahr bat der Gefängnisdirektor Givens ins Büro, schloss die Tür und fragte ihn, ob er als Henker arbeiten wolle.
Zwei Jahre früher war ein Moratorium zur Todesstrafe in Kraft getreten. Der Oberste Gerichtshof hatte entschieden, dass alle Vollstreckungen ausgesetzt werden sollten bis die Bundesstaaten eindeutigere Gesetze zur Todesstrafe erarbeitet hatten. Aber die Gefängnisse bereiteten sich bereits auf die Wiedereinführung der Vollstreckung vor. Obwohl Givens keine Gehaltserhöhung erhielt, sagte er zu. „Ich wollte etwas für die Gesellschaft tun und habe geglaubt, dass die Todesstrafe abschreckend wirkt“, sagt er. Dass zahlreiche Untersuchungen dieses Argument widerlegen, weiß er inzwischen selbst.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.