Schober weiß, dass auch er hoch gefährdet ist, in ein "tiefes Loch zu fallen, in einem Wellenberg der Gefühle zu versinken". Er bekämpft seine Trauer, indem er zehn, zwölf, manchmal mehr Stunden am Tag für seine Stiftung rackert. "So eine Tat darf sich nicht wiederholen", sagt er, das treibt ihn an. Sein Aktionsbündnis, nicht nur Selbsthilfegruppe, sondern auch Lobby für ein Verbot von Faustfeuerwaffen in Privathaushalten und von Computer-Killerspielen für Jugendliche, hat inzwischen 150 Förderer.
"Es müssen mehr werden", sagt Schober. Sein Job wird zur Hälfte vom Jugendring bezahlt, immerhin. Ein Erfolg ist für ihn schon, dass es überhaupt das Bündnis gibt. Anderswo, in Erfurt, in Emsdetten, wo es ebenfalls Amokläufe von Ex-Schülern gab, haben die Eltern sich nicht in dieser Weise organisiert. Inzwischen gibt es Kontakte mit Erfurt. Vielleicht entstehe ein Netzwerk. So hofft Schober.
Wie schwer es ist, die Welt zu bewegen, erfährt Schober jeden Tag. Nicht nur, wenn er erfährt, welch mächtige Lobby gegen eine durchgreifende Verschärfung des Waffenrechts am Werk ist. Oder wenn Gegendemonstranten eine Aktion gegen Ego-Shooter stören. Tim K. hatte diese Spiele exzessiv gespielt. Auf dem Weg vom Büro des Aktionsbündnisses nach Hause kommt er am Vereinsheim der Leutenbacher Schützen vorbei. Dort, am Ortsausgang, wo der Amokschütze, angeleitet von seinem Vater, einem Unternehmer, das Schießen mit der Großkaliber-Beretta gelernt hat.
"Es soll keine Hetzjagd geben"
Einen Kontakt zwischen den Schützen und den Opferfamilien hat es seit dem 11. März 2009 nicht gegeben. Der neue Vorsitzende des Vereins, Thomas Daum, will dazu nichts sagen: "Wir machen keine Interviews zu allem, was mit dem Amoklauf zu tun hat." Denn: "Egal, was man sagt, in irgendeine Wunde sticht man immer." Die Mitgliederzahl im Verein sei konstant, sagt Daum noch am Telefon, keine Veränderung seit "dem Tag". Es gebe nur die normalen Zu- und Abgänge, so wie immer. Die Vermutung, der frühere Vereinschef, der vor einem Jahr noch amtierte, sei wegen des Amoklaufs zurückgetreten, weist Daum zurück. "Nein, er hatte das vorher schon angekündigt." Nur keine Blöße geben.
Schober lebt in Weiler zum Stein, einem Leutenbacher Stadtteil, noch ein paar Kilometer weiter von da, wo auch Tim K. und seine Familie wohnten. Deren Haus steht zum Verkauf. Tim K.s Eltern und die Schwester sind weggezogen. Manche sagen, nach Stuttgart. Andere im Ort glauben zu wissen, nur in einen Nachbarort. Mutter und Schwester sollen einen anderen Namen angenommen haben, der Vater nicht, weil er das wegen des anstehenden Prozesses nicht darf. In Weiler zum Stein liegt auch der Friedhof, wo Schobers Tochter und drei Schulkameradinnen beerdigt sind. Schober ist fast jeden Tag hier, steht an den über und über mit Blumen, Kerzen und Grußzeilen auf Papier geschmückten Gräbern, spricht im Geist mit seiner Tochter.
Schober weiß, dass er den Tod von Jana nie überwinden wird. Umso wichtiger, sagt er, werde es sein, alle Umstände der Wahnsinns-Tat zu erfahren. Auch wenn es, so wie der Jahrestag, noch einmal höllisch wehtun wird. Er hofft, dass in dem für Sommer erwarteten Prozess gegen Tim K.s Vater alles auf den Tisch kommt. Der Unternehmer wird wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen angeklagt. Er hatte seine Beretta 92 nicht weggeschlossen. Sie lag im Kleiderschrank, das Magazin im Nachttisch, und Tim K. kannte den Code für den Munitionsschrank. Die Familie wusste offenbar, dass ihr Sohn, der in psychiatrischer Behandlung war, Tötungsgedanken geäußert hatte.
"Es soll keine Hetzjagd gegen den Mann werden. Aber ich muss wissen, wie es passieren konnte", sagt Hardy Schober.
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