Die Schule abreißen? Eine absurde Idee? Nein, keineswegs. Astrid Hahn antwortet ohne Zögern. Die Rektorin sagt: "Das war durchaus eine Überlegung." Natürlich. "Wenn so etwas Unfassbares passiert ist." Doch ein paar Wochen nach dem Amok-Schock befragte sie die 600 Schüler und die Lehrer. Das Ergebnis, erzählt die 58-Jährige, war einhellig: "Wir wollen da wieder reingehen." Das alte Gebäude einzureißen, dem Erdboden gleichzumachen - das hieße: der Gewalt, dem Wahn, dem Terror weichen. Es wäre: das falsche Signal.
Astrid Hahn sitzt an ihrem Besprechungstisch. Die Rektorin der Albertville-Realschule, eine zierliche, ernst blickende Frau, hat sich mit ihrer "Schulgemeinde" in einem Lern-Provisorium eingerichtet. Sie arbeitet in einem Container. Es ist einer von insgesamt 165 dieser Stahlkästen mit Fenstern, die die Stadt Winnenden auf einen Sportplatz gesetzt hat - nur ein paar hundert Meter hinter dem alten Schulgebäude, das seit dem 11. März letzten Jahres verrammelt ist und bis zum übernächsten Herbst umgebaut, renoviert und dann wieder für den Unterricht genutzt werden soll.
Abgesehen von drei Klassenräumen. Den drei Räumen, in denen Tim K. Amok lief.
Im Sekretariat ist es eng, das Zimmer der Rektorin, das dahinter liegt und von wo man auf den Innenhof schaut, ist klein. Es hat zur Pause geläutet. Es klopft an der Tür, Jugendliche drängeln ein bisschen, die Sekretärin macht ihren Job. Das Mädchen hat seinen Bus-Ausweis verloren, der Junge fragt nach einem Formular für die Fahrradversicherung. Links an der Pinnwand der Plan für das Mittagessen. Nudeln mit Käsesauce, Rindergeschnetzeltes, geröstete Maultaschen. Die Geburtsanzeige für das Kind einer Mitarbeiterin, Hinweise zur "Schulbus-Problematik", der Schuljahreskalender.
Eine normale Schule? Es ist auch eine normale Schule. Mit Schulband, den "School Sisters and Brothers", mit Theater AG und Schülerfirma "Kla-Mottenkiste, mit SMV-Sitzung und Sporterlebnistag, sogar TV-Auftritten im "Tigerenten-Klub". Anders wäre es nicht zu schaffen. Astrid Hahn sagt: "Wir müssen versuchen, zu einer Normalität zurück zu finden." Doch so weit sind sie längst noch nicht.
Acht Mitschülerinnen und ein Mitschüler, die normalerweise in diesem Frühjahr ihren Schulabschluss machen würden, sind tot. Ebenso zwei Lehrerinnen und eine Referendarin. Hier sitzen Mädchen im Unterricht, deren beste Freundinnen vor ihren Augen erschossen wurden, die verbluteten, ohne dass sie helfen konnten. Hier lernen Schüler und Schülerinnen, die selbst von Kugeln verletzt wurden.
Und hier arbeiten Lehrer, die ihre Klassen gegen die Wahnsinnstat des 17-jährigen Tim K., ihres ehemaligen Schülers aus dem Nachbarort Leutenbach, nicht schützen konnten, der plötzlich mit einer Pistole in der Tür stand, kaltblütig abdrückte, wieder und immer wieder. Einige der Jugendlichen konnten lange Zeit gar nicht in die Schule gehen. Andere litten unter Konzentrationsschwierigkeiten, wieder andere konnten kaum schlafen, manche hatten regelmäßig Panikattacken.
Daran gemessen ist es nun schon viel besser.
Aber normal? Videokameras überwachen die beiden Eingänge der Containerschule. Ein "Raum der Stille" ist als Rückzugsort eingerichtet, in dem persönliche Gegenstände an das Leben der getöteten Mitschüler erinnern, eine CD, ein Foto, ein Teddy. Einmal pro Woche treffen sich die Klassen mit einem Schulpsychologen zu einem Gruppengespräch. Auch heute noch, fast ein Jahr nach dem Amoklauf, der ganz Deutschland aufwühlte, müssen einige Schüler und Schülerinnen dauerhaft psychologisch betreut werden.
"Ein lauter Knall, etwa wenn plötzlich ein Fenster zuschlägt", berichtet Astrid Hahn, "und der Schrecken ist wieder da." Gerade jetzt, vor dem Jahrestag am 11. März, drohen die traumatischen Erinnerungen neu belebt zu werden. Deswegen bleibt das "Beratungsdorf", das kurz nach der Amoktat in der Nähe der Albertville-Schule aufgestellt wurde, weiterhin Tag für Tag besetzt. Schüler und Opfer-Angehörige können sich dort Rat holen, Gespräche führen, sich betreuen lassen.
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