Herr Balmès, Sie haben Babys aus Tokio, San Francisco, Epembe in Namibia und Bayanchandmani in der Mongolei gefilmt, lassen die Erziehungsmethoden in den verschiedenen Kulturen aufeinanderprallen. Was wollen Sie uns damit sagen?
Ich habe keine Botschaft. Der Dokumentarfilmer Frederic Wiseman hat einmal gesagt: „Ich bin kein Postbote. Ich verteile keine Botschaften. Ich bin Filmemacher.“ Die Zuschauer sollen das, was sie in meinem Film sehen, hinterfragen und ihre persönliche Botschaft entdecken. Ich wollte keinen Film machen, der Antworten gibt. Ich wollte keinen Erzähler, der, wie es in Tierfilmen üblich ist, dem Zuschauer die Bilder erklärt und wenig Raum für Interpretationen lässt. In meinem Film gibt es ja nicht einmal Dialoge.
Weil Babys nicht sprechen können.
Genau. Ich wollte Fragen aufwerfen, dass sich die Zuschauer über Babys Gedanken machen oder diskutieren, gerne auch kontrovers. Das Urteil überlasse ich anderen.
Den Vater aus San Francisco zeigen Sie, wie er, umringt von jungen Müttern auf dem Boden sitzt und seinem gelangweilten Baby Lieder über „Mutter Erde“ vorsingt. In der Mongolei geht es rauer zu, wir sehen, wie die Familie mit ihrem Neugeborenen auf einem Motorrad durch die Steppe holpert. Wenn Sie schon keine Botschaft vermitteln wollen, welchen Erkenntnisgewinn geben diese Einblicke?
Sehen Sie, ich vergleiche die Menschen, die ich filme. Ich suche nach Gemeinsamkeiten, aber auch nach Unterschieden. Natürlich habe ich all die Szenen sehr subjektiv ausgewählt. Das fängt schon bei der Auswahl der Eltern an. Wie diese letztendlich ihren Alltag mit ihrem Baby meistern, charakterisiert sie selbst auf eine sehr authentische Weise. Ganz gleich, ob ich Eltern in der Mongolei oder in den USA beobachtete, sie hatten nie das Gefühl, einen Fehler zu machen, sie waren nicht besorgt. Sie wollten einfach das Beste für ihr Baby.
Der Franzose Thomas Balmès, 40, bringt nach „Bosnia Hotel“ (1996) seinen neuen Film „Babys“ ins Kino.
Reden wir ein bisschen über die Unterschiede: Wenn man sieht, wie zufrieden die Babys aus Namibia und der Mongolei sind, wirken all die schadstoffgeprüften Spielzeuge, Biogläschen und Ergotragesysteme, die wir im Westen für unsere Babys anschaffen, dann nicht einfach maßlos übertrieben?
Ich gestehe: Auch ich habe meine drei Kinder in Paris schon in jungen Jahren in den Tanz- und Gesangsunterricht geschleppt oder zu Tennisstunden gebracht. Ich habe versucht, sie durchgehend zu stimulieren, dabei brauchen sie doch eigentlich viel mehr Freiräume. Babys brauchen keine Berge von Spielzeugen. Schon eine Klopapierrolle kann sie faszinieren. Und Babys dürfen sich auch mal langweilen. So gesehen habe ich während der Dreharbeiten meine Lektion gelernt.
Und die wäre? Dass wir unsere Babys eine Zeitlang in Afrika aufwachsen lassen sollten, fern von der Konsumwelt, näher dran am ursprünglichen Leben?
Nein, ich will mit meinem Film auf keinen Fall die Kindererziehung in Afrika glorifizieren.
Warum eigentlich nicht?
Weil diese Familie aus Namibia nicht stellvertretend für afrikanische Familien stehen soll und kann. Sie ist für die dortigen Verhältnisse relativ wohlhabend, die Umgebung ist relativ sicher, viele Probleme Afrikas sind weit weg. Aber: Diese Familie hatte im Prinzip keinen Zugang zu modernen Technologien, das findet man in dieser Form höchstens noch im südamerikanischen Regenwald. Und dann haben Sie auf der anderen Seite das futuristische Tokio. Innerhalb dieser Extreme kommen Kinder zur Welt.
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