Adam Ockelford saß in einer Londoner Behindertenschule am Klavier. Der Musiklehrer übte mit einer Schülerin Abbas „Super Trouper“, als ein kleiner, blinder Junge den Raum betrat. Er war in Begleitung seiner Eltern, die sich die Schule ansehen wollten. Als sie ihn einen Augenblick aus den Augen ließen, riss sich der Junge los, rannte zum Klavier und schubste das Mädchen zur Seite. Ockelford lachte, hob den Kleinen hoch und setzte ihn neben sich auf den Hocker.
Was dann geschah, hatte Ockelford noch nie gesehen. Die Hände des Jungen rasten wild über die Tasten. Er schlug mit Handkanten und Handgelenken, mit Stirn und Ellenbogen auf sie ein. „Unser Klavier hat er schon kaputt gemacht“, sagte der Vater, aber Ockelford beachtete ihn nicht, sondern versuchte zu entschlüsseln, was der Junge da spielte.
Zuerst hörte er nur Lärm. Dann, nach einer Weile, erkannte er eine Melodie. Es war „Don’t cry for me, Argentina“ aus dem Musical „Evita“. „Hat er einen Klavierlehrer?“, fragte Ockelford, was der Vater verneinte. Der Junge hatte sich das Lied also durch bloßes Zuhören beigebracht. Sein Name war Derek Paravicini.
„Ich habe ziemlich schnell begriffen, dass ein Genie vor mir saß“, sagt Ockelford. Es ist ein kühler Morgen in London und Ockelford, grauhaarig, beleibt, sanftmütig wirkend, steht im Spielzimmer der Behindertenschule, in der er Paravicini vor 27 Jahren zum ersten Mal traf. Paravicini sitzt neben ihm, ein 32 Jahre alter, schlanker Mann, der ein altmodisches, kariertes Hemd trägt und seine Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt. Sein Oberkörper ist leicht nach vorne gebeugt, der Kopf zur Seite gedreht. Mit ausdruckslosem Gesicht hört er der Unterhaltung zu. Als Ockelford ihm den Besucher vorstellt, streckt Paravicini seine Hand ins Leere und kräht: „Hallo, ich bin Derek!“ Seine Stimme klingt so gleichförmig, als würde er aus einem Telefonbuch vorlesen.
Derek Paravicini, geboren am 26. Juli 1979 in Großbritannien, gehört zu jenen seltenen Menschen, die einerseits geistig stark behindert sind, andererseits über mindestens ein außergewöhnlich großes Talent verfügen.
Inselbegabung oder eben auch Savant-Syndrom nennt man dieses Phänomen, über dessen Ursachen die Wissenschaft noch rätselt.
Dustin Hoffman hat als Hauptdarsteller des Films „Rain Man“ das Savant-Syndrom bekanntgemacht. Der von ihm gespielte Autist, im wirklichen Leben hieß er Kim Peek, gehört zu den „Kalenderrechnern“, die zu einem auch Jahrhunderte zurückliegenden Datum sofort den Wochentag benennen und überhaupt erstaunliche Gedächtnisleistungen vollbringen.
Bekannte Savants: Matt Savage ist ein anerkannter Jazzpianist. Daniel Tammet kann im Kopf komplizierteste mathematische Probleme lösen – bis auf 100 Stellen nach dem Komma. Christopher Taylor beherrscht knapp 25 Sprachen. Richard Wawro konnte alles, was er nur Sekunden sah, mit Knete detailgetreu nachbilden. fr
Wie ein Genie wirkt Paravicini nicht, seine musikalischen Fähigkeiten aber sind bemerkenswert. Er kann tausende Stücke von Lady Gagas „Paparazzi“ bis zu Ludwig van Beethovens „Mondscheinsonate“ auf Zuruf spielen. Popsongs merkt er sich nach einmaligem Hören, auch die komplexen Harmonien klassischer Stücke durchdringt er auf Anhieb, mehr noch, er verarbeitet sie umgehend mit eigenen Improvisationen.
Mit neun Jahren gab er sein erstes großes Konzert. Mit 14 trat er vor Lady Diana im Buckingham Palace auf. Mit 26 spielte er vor 12 000 Zuschauern in Las Vegas. Seine Begabung ist umso erstaunlicher, als er nicht nur blind, sondern auch schwer lernbehindert ist. Bis heute kann er sich nicht alleine die Schuhe binden, ein Dreijähriger ist ihm in vielem überlegen.
„Gebe ich gleich wieder ein Konzert, Adam“, sagt Paravicini. „Ich glaube, wir müssen jetzt gehen, De-rek“, antwortet Ockelford. Paravicini hakt sich bei einer Betreuerin ein. Gemeinsam gehen sie nach draußen in den Nieselregen. Paravicinis Oberkörper wippt im Takt der Schritte nach vorne. Mit seiner freien Hand schlägt er sich auf die Oberschenkel. Derek Paravicini ist 14 Wochen zu früh geboren. Seine Zwillingsschwester starb sofort. Er selbst wog nur 700 Gramm, ein Fünftel dessen, was Neugeborene durchschnittlich wiegen. Dreimal mussten ihn die Ärzte wieder beleben. Die Sauerstoffbehandlung, die ihm das Leben rettete, führte dazu, dass sich die Netzhaut löste, und schädigte sein Gehirn. In den ersten Monaten entwickelte Paravicini sich so langsam, dass seine Eltern zu ahnen begannen, dass ihr Kind geistig schwerbehindert war.
Paravicini stammt aus einer illustren britischen Familie. Sein Urgroßvater war der Schriftsteller William Somerset Maugham. Einer seiner Onkel ist Andrew Parker Bowles, dessen Ex-Frau Camilla den britischen britischen Kronprinzen Charles ehelichte.
Musikalisch war in der Familie niemand. Mit zwei Jahren schenkten ihm die Eltern ein Keyboard. Nach einer Weile fiel seiner Schwester auf, dass er Melodien aus dem Fernsehen und der Kirche sowie Kinderlieder nachspielte.
Heute lebt Paravicini in einem Blindenheim außerhalb von London, wo er rund um die Uhr betreut wird. Zur Zeit kommt noch der Staat für die Betreuung auf. Im vergangenen Jahr sprach ein Gericht seiner Familie die alleinige Vormundschaft für ihn zu. Seine Eltern hoffen, dass er mit seinen Auftritten einmal genug Geld verdienen wird, um in seine eigene Wohnung ziehen zu können und sich einen eigenen Betreuer zu leisten.
Heute soll Paravicini ein Konzert in seiner alten Schule geben. Rund 50 Kinder sind in die Turnhalle gekommen. Das Klavier steht auf Pappkartons. Paravicini setzt sich aufrecht auf einen schwarzen Hocker und beginnt zu spielen, was Ockelford ihm vorschlägt: George Botsfords „Black and White Rag“, Abbas „Money“, Hank Williams „Honkey Tonk Blues“.
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