Am Lüneburger Waldrand herrscht an diesem Samstagsnachmittag ungewohnter Betrieb. Vorneweg radelt eine schmächtige Frau mit Jogginghose und Rucksack, dicht gefolgt von drei weiteren Radlern und einem Filmteam in einem dunklen Van. Dahinter ein Motorrad der Polizei, dahinter ein Mannschaftswagen, dahinter noch einer. Das Ziel der kleinen Prozession ist eine Sackgasse neben den Zuggleisen. Die Frau in der Jogginghose lacht: „Das gibt’s hier nur im Herbst.“ Es ist Ende Oktober, der Wind fegt durch die Bäume. Die Sturmsaison hat begonnen.
Zu Fuß geht es nun weiter, über eine kleine Brücke und hinein in den Wald. Drei Polizisten folgen im Abstand von zehn Metern, der Rest braust auf Forst- und anderen Wegen in die gleiche Richtung. Man wird sich später wiederbegegnen. Zehn, vielleicht auch zwölf Minuten folgt das merkwürdige Grüppchen einem ausgetrampelten Pfad, dann öffnet sich eine Lichtung direkt an den Gleisen. Cécile Lecomte, die Frau im Schlabberlook, deutet nach Westen. „Von dort werden sie kommen“, sagt sie. „Wir sind schon da.“ Dann öffnet sie den Rucksack mit ihrer Bergsteiger-Ausrüstung.
Es ist Tag 15 vor dem nächsten Atommüll-Transport ins wendländische Gorleben, und Tausende haben sich bereits an diesem Wochenende aufgemacht, um die Strecke zu erkunden, die der Zug mit den Castor-Behältern von Frankreich aus zurücklegen muss. Es ist die Generalprobe für Tag X, auch für die Polizei, die bereits seit September Stacheldraht auslegt, Brücken bewacht und nachts mit Scheinwerfern ausleuchtet oder eben tapfer Verdächtige verfolgt, sobald diese sich dem Gleisbett auch nur nähern. 16 000 Uniformierte waren beim letzten Transport im Einsatz. Alles spricht dafür, dass es diesmal noch mehr werden.
Im Wald von Lüneburg dauert es keine Viertelstunde, bis rechts und links der Gleise ein gutes Dutzend Mannschaftswagen der Polizei Stellung bezieht. Plötzlich kündigen sich mit schrillem Klingeln rund 80 Fahrraddemonstranten an, kurz darauf kommt ein Trupp Atomkraft-Gegner über die Gleise gestapft. Cécile Lecomte grinst. Sie nimmt noch einen letzten Schluck Tee, dann verlangt sie nach einer Räuberleiter, kraxelt behände auf einen Baum und entrollt schließlich ein Transparent: „Baumklettern gefährdet ihren Atomstaat.“ Die Demonstranten johlen, das Filmteam filmt, die Polizisten stehen versteinert. Sie können nichts tun. Auf die Pappel gehen darf im Wald jeder. Ungestraft. Oben, in acht Metern Höhe, hängt Lecomte inzwischen kopfüber, macht noch einen Luft-Spagat für den Kameramann, dann seilt sie sich ab. Sie wirkt jetzt glücklich. Sie wird wieder kommen. So lange sie noch kann.
Sie ist inzwischen Star einer Bewegung, die auf Stars eigentlich keinen Wert legt. Seit sie im Januar 2008 einen Urantransport nach Russland im Alleingang stoppte, ist die 28-Jährige mit den jungenhaften Zügen das Gesicht des Widerstands. Das liegt in der Natur der Sache: Während die meisten Atomkraftgegner für gewöhnlich im Pulk demonstrieren, schwebt Cécile Lecomte über den Dingen. Sie sagt, sie tue das nicht, um aufzufallen. „Ich finde, jeder sollte das tun, was er am besten kann.“ Und es ist nun einmal keine Frage, dass die fröhliche Französin am besten klettern kann.
Ins Wendland, um Biber zu stoppen
Lecomte war 15, als sie daheim in Frankreich Teammeisterin im Sportklettern wurde. Damals lebte sie noch in Orléans und fuhr mit ihrer Mutter regelmäßig in die Alpen. Und da ihre Mutter auch politisch aktiv war, ging sie zudem regelmäßig auf Demonstrationen, gegen Fast Food, gegen die Überflussgesellschaft, gegen den Kapitalismus. Die Idee, den Protest und die Leidenschaft zu kombinieren, kam ihr erst später, als Studentin in Bayreuth.
Als ihr damals, kurz nach der Jahrtausendwende, ein Kommilitone einen Artikel über Castor-Transporte in die Hand drückte, verstand sie erst nicht, was Atomkraft mit Tierschutz zu tun hat. „Castor“ bedeutet im Französischen Biber, von dem strahlenden Nuklearmüll, für den es bis heute kein sicheres Endlager gibt, hatte sie noch nicht gehört. Man klärte sie auf, man gab ihr Bücher. Cécile Lecomte las und lernte. Und als sie verstanden hatte, machte sie sich zum ersten Mal auf ins Wendland. Um Biber zu stoppen.
Heute spricht sie fließend Deutsch. Und hat es bis zu den Demonstrationen nicht mehr allzu weit. Sie lebt jetzt in Lüneburg, am Nordrand der Stadt, auf einer matschigen Wiese zwischen Schrebergärten und dem Sportplatz. Ihr Zuhause ist ein doppelstöckiger Bauwagen, eine mobile Villa Kunterbunt mit Wintergarten, Kachelofen und einem Gasherd, in dem sie ihr Brot selber backt. Das Schlafzimmer ist eine aufgesetzte Koje, die mit einer Strickleiter und einem Trapez erreichbar ist. So bleibt sie in Übung.
Vor wenigen Wochen erst ist sie mit ihrem alten Kumpel Karsten, der noch keinen Strom hat, mit Ilka und Axel, die nebenan in einem alten Bienenwagen wohnen, und mit einem rollenden Klohäuschen auf die Wiese gezogen. Ein halbes Jahr hatten sie zuvor mit der Stadt Lüneburg verhandelt. Die wollte erst keine Fläche rausrücken für Lecomtes Verein „Lebenswagen“. Die Französin hakte beharrlich nach, jetzt hat sie, was sie wollte. 30 Menschen sollen bald schon in dem Bauwagendorf leben, noch vor dem Winter wird die Stadt wohl für einen Wasseranschluss sorgen. „Ich bin schon auch ein bisschen bockig“, sagt Lecomte.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Lecomte im Gefängnis saß.
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