Er nannte sich Samurai. Er wollte cool sein, so wie die Gangster aus dem Fernsehen, deshalb machte er Kampfsport. Er wusste genau, wohin er schlagen oder wohin er treten muss. Er war vorbereitet.
Berlin Kreuzberg, Bahnhof Südstern. Die Faust schmettert ins Gesicht, die Füße krachen gegen den Bauch. Die Schläge, wird Tarkan L. später sagen, seien ein Reflex gewesen. Der Andere habe ihm einfach im Weg gestanden, als er in die U7 Richtung Neukölln einsteigen wollte. Also schlug Tarkan L., Deutschtürke, 21 Jahre alt, zu. Sein Opfer, ein junger Mann, nur wenig älter, hatte Glück. Er kam mit ein paar Prellungen und einem blauen Auge davon.
Richterin Kirsten Heisig kämpfte gegen die Berliner Jugendkriminalität. Doch sie wollte mehr erreichen, eine gesellschaftliche Debatte „jenseits von Ideologien“ anregen. Doch dann nahm sich Heisig, 48, die in Scheidung lebte, Anfang Juli das Leben. Die Gründe werden im Privatleben vermutet.
Fünf Thesen aus ihrem Buch:
These 1: Ich habe bei türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen den Eindruck gewonnen, dass ihnen die hiesige Wertordnung gleichgültig ist.
These 2: Männliche Migrantenkinder werden von ihren Müttern extrem verwöhnt, erfahren keine Grenzsetzung.
These 3: Weder frühere noch höhere Strafen werden sich langfristig als sinnvoll erweisen.
These 4: Durch elterliches Versagen und unter den Augen der geduldig abwartenden staatlichen Institutionen können schwer kriminelle Jugendliche heranwachsen.
These 5: Die Gesellschaft steht an einem Scheideweg. Sie könnte sich spalten in arm und reich, links und rechts, muslimisch und nicht-muslimisch. sab
Tarkan L. wuchs in Neukölln bei den Großeltern auf, Mutter und Vater sind früh verstorben. Den Hauptschulabschluss schaffte er mit Mühe und Not, danach lebte er in den Tag hinein, ohne Arbeit, ohne Plan. Im April 2010, etwa ein Jahr nach dem Vorfall am Südstern, saß Tarkan L. vor der Jugendrichterin Kirsten Heisig. Damals wusste er nichts von ihr. Heute reden alle über sie.
Die 48-jährige Heisig war eine von 45 Jugendrichtern am Amtsgericht Tiergarten und für den Bezirk Neukölln zuständig. Anfang Juli nahm sie sich das Leben. Am Tag ihres Todes hatte sie noch mit ihrem Lektor telefoniert, um Textkorrekturen für ihr Buch durchzugeben. Es heißt „Das Ende der Geduld“, erscheint im Herder-Verlag und wird ab heute verkauft.
Manche Medien nannten Kirsten Heisig „Richterin Gnadenlos“ oder „Schrecken von Neukölln“. Kollegen und Anwälte aber kannten sie anders.
Tarkan L. zum Beispiel wurde von ihr nicht überhart bestraft. Im Gegenteil. Den Schläger vom Südstern behandelte sie fast so nachsichtig wie einen Sohn. Und wenn Tarkan L. heute über sie spricht, dann klingt das so: Nett sei sie gewesen, freundlich und sehr interessiert an ihm, so anders als Lehrer, Sozialarbeiter oder Polizisten, mit denen er vorher zu tun hatte.
Richterin Heisig verurteilte ihn zu fünf Terminen bei der Schuldenberatung, denn er hat Tausende Euro Schulden. Tarkan L. hat eine Erklärung für das milde Urteil: „Sie hat meine schwere Vergangenheit berücksichtigt.“
In ihrem Buch schildert Kirsten Heisig ihren Alltag als Jugendrichterin in Neukölln. 300 000 Menschen leben hier, jeder Dritte hat ausländische Eltern, bei den unter 18-Jährigen sind es sogar 80 Prozent. Viele Familien leben von Hartz IV, es gibt Wohnungen mit Schimmel und Dreck an den Wänden und in manchen teilen sich zehn Menschen ein Zimmer.
Kirsten Heisig aber wollte in dem Bezirk arbeiten, wegen der Probleme hat sie sich ihn ausgesucht. Am Ende litt sie darunter, zweifelte, ob sie ihrer Aufgabe als Richterin noch gerecht wird. In dem Buch schildert sie ihre Erfahrungen, beschreibt eine brutale Welt. Sie berichtet von Vergewaltigungen durch 13-Jährige, von einem 15-Jährigen, der am Tag seiner Verurteilung wegen Diebstahls eine Drogerie überfiel und danach einen Sicherheitsmann in einem Schwimmbad besinnungslos schlug. Sie schreibt von kriminellen Familien, die sich nicht integrieren lassen wollen, von hilflosen Behörden, von Sozialromantik und blanker Angst.
Sie wollte aufrütteln, Übertreibungen nahm sie dafür in Kauf. So behauptet sie, dass die Jugendkriminalität in Neukölln kontinuierlich zunehme, dass Gewaltdelikte wie Körperverletzung und Raub erheblich steigen. Die Polizeistatistik bestätigt das nicht. Nach ihr ist in Berlin die Jugendkriminalität 2009 im Vergleich zum Vorjahr weiter zurückgegangen, um 23,8 Prozent bei Raubdelikten, bei Körperverletzung um 13,1 Prozent.
Mit ihren drastischen Thesen ist Kirsten Heisig berühmt geworden. Sie hat sich Freunde gemacht. Aber auch Feinde. Die einen verehren sie, weil sie sich traute, Probleme aufzudecken. Andere hingegen halten sie für gefährlich, weil sie aus Einzelfällen Schlüsse auf den Zustand der Gesellschaft ziehe.
In der vierten Etage eines roten Backsteinbaus in der Jüterboger Straße in Kreuzberg sitzt Manfred Schmandra in einem Büro. Der 55 Jahre alte Kriminaldirektor leitet die Abteilung Verbrechensbekämpfung in der Polizeidirektion 5, die für Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg zuständig ist. Seit Jahren hat er mit jugendlichen Räubern zu tun, er sagt „meine Räuber“, wenn er von ihnen spricht, weil er viele von ihnen gut kennt.
Schmandra ist einer derjenigen, die Heisig dankbar sind, er lobt ihre Offenheit: „Für eine Richterin ist das sehr erstaunlich.“ Schmandra kannte sie persönlich von zwei oder drei Zusammenkünften in seiner Direktion. Es ging bei den Treffen darum, wie Jugendliche, die durch kleinere Delikte wie Diebstahl oder Sachbeschädigung auffallen, schneller bestraft werden können – möglichst nach wenigen Wochen, und nicht erst nach vier Monaten, wie üblich. Schmandra setzte sich wie Heisig für eine Verkürzung der Verfahren ein.
Als „Neuköllner Modell“ ist ihre Initiative bekannt geworden und wird inzwischen in der ganzen Stadt praktiziert. Das sei Heisigs Verdienst, sagt Schmandra. Wenn die Jugendrichterin über das Neuköllner Modell nicht so viel geredet hätte, würde es heute nicht stadtweit gelten.
Flüchtlingskinder als Dealer
Schmandra sah in Heisig eine Verbündete, die den Alltag von Polizisten gut kannte und verstand, dass die Polizisten sich oft alleine gelassen fühlen. Jugendgewalt sei ein Problem der gesamten Gesellschaft und nicht nur der Polizei. Schmandra sagt: „Wir stehen erst am Ende der Kette.“ Familien, Kitas, Schulen, Jugendämter und Familiengerichte seien vorher gefragt. „Aber statt gemeinsam an Problemen zu arbeiten“, gebe es immer nur „gegenseitige Schuldzuweisungen“.
Trotz seiner Begeisterung für Heisig teilt Schmandra nicht alle ihrer Einschätzungen. Den kontinuierlichen Anstieg der Jugendkriminalität, kann auch er nicht bestätigen. „Aber es gibt heute weniger Täter, die für eine immense Anzahl von Taten verantwortlich sind.“ Als Intensivtäter gilt, wer durch mehr als zehn größere Delikte auffiel.
550 solcher Täter sind derzeit in Berlin registriert. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft stammen aber nur 127 von ihnen aus Neukölln und nicht 214, wie Heisig schreibt. Die Zahlen sind seit Jahren konstant. Viele Intensivtäter sitzen inzwischen in Haft. Zu Beginn des Jahres waren es gut jeder Zweite von jenen, die aus dem Bereich der Direktion 5 kommen. Der Polizist Manfred Schmandra wertet das als einen Erfolg.
Rund 10 000 arabischstämmige Menschen leben in Neukölln. Den Kriminellen unter ihnen widmet Heisig ein ganzes Kapitel und formuliert gewagte Thesen. Die arabische Drogenmafia würde etwa gezielt Kinder aus palästinensischen Flüchtlingslagern nach Berlin holen, damit sie hier Heroin verkaufen. Heisig tut so, als wäre es ein wachsendes Problem und die Jagd nach minderjährigen Dealern in der vergangenen Woche schien ihr Recht zu geben.
Für Schmandra sind das aber Einzelfälle. Auch die Zahlen der Innenverwaltung belegen das. 26 Kinder wurden 2010 beim Drogenhandel erwischt. 20 davon haben die deutsche Staatsbürgerschaft und leben bei ihren Eltern.
Wenn es um Araber geht, wird Heisig hart. Der Staat habe kapituliert, schreibt sie, er komme an die Familienclans nicht heran , die Jugendämter seien hoffnungslos überfordert. Die Furcht vor den kriminellen Großfamilien würde alle anderen Aspekte bei weitem überwiegen. Zehn bis zwölf solcher Familien hat sie gezählt. Thomas Weylandt ärgert sich, wenn er diese Thesen hört.
Weylandt, 56, ist Leiter der Jugendgerichtshilfe Neukölln. Sein Büro liegt in einem Gebäude am Ende einer Einkaufspassage, die „Kindl-Boulevard“ heißt. Er gibt pädagogische Gutachten für jugendliche Angeklagte ab. In den vergangenen zwei Jahren hat Weylandt oft in den Gerichtsverhandlungen von Heisig gesessen. In ihrem Buch lobt Heisig die „stets sorgsam erarbeiteten Berichte und fundierten Vorschläge“ der Jugendgerichtshilfe. Weylandt sagt, durch das Buch entstehe der Eindruck, dass es in dem Bezirk drunter und drüber gehe. Das sei nicht der Fall. Auch er spricht „von einem deutlichen Rückgang“ der Jugendkriminalität in seinem Bezirk. „Kirsten Heisig skandalisiert sehr problematische Einzelfälle und zeichnet dadurch ein falsches Bild von jugendlicher Gewalt in Neukölln.“
In Weylandts Alltag spielen arabische Clans eine untergeordnete Rolle. Für ihn ist auch nicht erkennbar, welcher Jugendliche aus einem solchen Clan kommt. Zwei arabische Großfamilien kennt er. Bei einer lege der Vater großen Wert darauf , dass sich seine Kinder an das Gesetz halten. Als der älteste Sohn sich nicht an ein Hausverbot für ein Schwimmbad hielt, war der Vater bei der Gerichtsverhandlung. Er habe in den Saal gerufen, sein Sohn solle eine Strafe bekommen, zudem wünschte er sich, dass der Filius endlich arbeiten geht.
Nur bei einer Familie, die Weyland kennt, treffe die Beschreibung von Heisig zu, dass der Staat nur zuschaue. Die Familie lebe abgeschottet in ihrer eigenen Welt mit archaischen Werten. Fast alle Mitglieder seien kriminell. „Da passieren am laufenden Band extreme Gewalt- und Rohheitsdelikte“, sagt Weylandt.
Auch den Neuköllner Psychologen Kazim Erdogan hat Kirsten Heisig in ihrem Buch gedankt. Erdogan ist beim Psychosozialen Dienst, leitet dort eine türkische Männergruppe. Die Themen: Probleme in der Familie, in der Ehe, im Beruf. Das Amt ist in der Böhmischen Straße untergebracht. Die Tür bleibt immer geschlossen, man muss klingeln, um hineingelassen zu werden.
Vorsichtige Kritik an Heisig
In Kazim Erdogans Büro steht ein Schreibtisch, ein runder Tisch mit einem Berg Kekse und Tee darauf. Kirsten Heisig kam oft hierher. Gemeinsam luden Erdogan und sie türkische und arabische Eltern zu Versammlungen ein, sie redeten mit ihnen über Kindererziehung und Gewalt. Veranstaltungen im kommende Schuljahr waren fest eingeplant. „Ich weiß gar nicht, wie das ohne sie funktionieren soll“, sagt Erdogan.
Heisigs Suizid hat ihn getroffen, einige aus der Männergruppe hätten geweint, als sie vom tragischen Tod der Richterin hörten. Gemeinsam waren sie bei der Gedenkstunde. Erdogan denkt viel darüber nach, wie es zu Heisigs Freitod kommen konnte. Er fragt sich auch, ob er sie wirklich so gut gekannt hat, wie er dachte.
Das hat mit dem zu tun, was in ihrem Buch steht. Er hat es noch nicht gelesen, nur die Auszüge, die vorab veröffentlich wurden. Was er las, überraschte ihn und habe sehr hart geklungen, sagt Erdogan. Er formuliert seine Kritik vorsichtig. Er sagt, man könne die pauschalen, auf einzelne, persönliche Erlebnisse gestützten Thesen leicht missverstehen. Er will nichts Falsches sagen. Er will über die Tote nicht schlecht reden.
Doch es bleibt das Gefühl von etwas Unfertigem. Er sagt: „Ich hätte mich gerne mit ihr über ihre Thesen auseinandergesetzt.“
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