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Emma Thompson: "Ich habe einfach im Vatikan angerufen"

Als Atheistin erbittet Emma Thompson schon mal hohen Beistand, wenn sie eine Katholikin spielen soll. Auf ungewöhnliche Weise wurde die Schauspielerin zum zweiten Mal Mutter.

Der Glaube hat doch etwas Tröstliches. Existentialisten wie mir bläst manchmal kalter Wind ins Gesicht, sagt Emma Thompson.
"Der Glaube hat doch etwas Tröstliches. Existentialisten wie mir bläst manchmal kalter Wind ins Gesicht", sagt Emma Thompson.
Foto: rtr

Ms Thompson, darf ich Ihnen gleich zu Beginn eine sehr private Frage stellen?

Mal sehen.

Glauben Sie an Gott?

Nein. Ich bin Atheistin.

In Ihrem aktuellen Film "Wiedersehen mit Brideshead" spielen Sie Lady Marchmain, eine erzkatholische Frau, die ihre Kinder wegen ihres Glaubens ins Unglück stürzt. Wieso haben Sie sich für diese Rolle entschieden?

Mich hat diese eiskalte und obendrein frigide Frau fasziniert. Sie ist sich ihrer selbst so unglaublich sicher. Sie weiß, sie wird in den Himmel kommen. Dafür hat sie gesorgt. Alles, was sie tut, ist auf dieses Ziel ausgerichtet. Ihre große Tragödie ist, dass sie das Gleiche für ihre Kinder will und sie dadurch zerstört. So wie wir uns eine sichere Welt für unsere Kinder wünschen, will sie für ihre Töchter und ihren Sohn ein glückliches Leben nach dem Tod. Ich fand es sehr interessant, jemanden zu studieren und mir zu eigen zu machen, den der Glaube so pervertiert hat.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe im Vatikan angerufen…

Nicht wirklich im Vatikan direkt, oder?

Doch.

Sie sind forsch.

Ich habe da ganz einfach meinen Namen genannt und gesagt, dass ich in meinem nächsten Film eine Katholikin spielen werde und Hilfe brauche.

Und weil Sie's waren, hat man Ihnen geholfen.

Jedenfalls hat man mich dann an einen sehr netten Pater verwiesen, mit dem ich sehr viel über Glaube und Religion gesprochen habe. Ich habe außerdem viele katholische Kirchen besucht, die Bibel gelesen, gebetet - wirklich viel ausprobiert.

Trailer: Wiedersehen mit Brideshead

Inwiefern hat sich Ihr Verhältnis zu Glaube und Religion durch diese intensive Beschäftigung verändert?

Es hat sich nichts verändert. Aber ich habe erfahren, dass der Glaube an Gott wirklich etwas Wunderbares sein kann.

Wie haben Sie das erfahren, ohne selbst zu glauben?

Mir ist klar geworden, dass der Glaube etwas sehr Tröstliches hat. Es bläst Existentialisten wie mir doch schon manchmal ein sehr kalter Wind ins Gesicht.

Sie sind eine Ungläubige, die an der Abwesenheit Gottes leidet.

Ich sage nur, dass man als Atheistin nicht sehr viel hat, auf das man in schweren Zeiten zurückgreifen kann - nur auf die eigenen Ressourcen.

Vor der erzkatholischen Rabenmutter Lady Marchmain haben Sie eine seltsame Nanny, eine depressive Schriftstellerin und Harry Potters verrückte Lehrerin gespielt. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Rollen aus?

Immer nach dem Drehbuch. Manchmal muss ich natürlich einige Angebote annehmen, um Geld zu verdienen.

Es ist selten, dass berühmte Schauspieler wie Sie das offen zugeben.

Aber so ist es nun mal. Und dann bete ich, dass unter diesen Angeboten etwas Gutes dabei ist.

Zu wem beten Sie denn?

Das war sinnbildlich gemeint.

Würden Sie verraten, welche Rolle Sie nur des Geldes wegen angenommen haben?

Das letzte Mal war das eine winzige Rolle in Will Smiths Film "I Am Legend", nur ein kleiner Überraschungsauftritt. Das waren zwei Tage Arbeit in Los Angeles. Das war wirklich nett, und ich habe die Arbeit geliebt. Das war Glück.

Erzählen Sie doch mal von einer Rolle, mit der Sie richtig Pech gehabt haben.

Nein, ich erzähle Ihnen nur so viel: Wenn ich wirklich wählen kann, weil ich gerade genug Geld zum Leben habe, also "nein" sagen kann, wenn nichts dabei ist, was ich gerne machen würde - entscheide ich nach dem Drehbuch.

Welche Charaktere faszinieren Sie?

Alle, die eine gewisse Komplexität besitzen. Es ist einfacher für mich, zu sagen, welche Charaktere ich nicht mag: uninteressante Archetypen. Ich will nicht die klischeehafte Sexy-Frau, die Klischee-Ehefrau oder die Klischee-Mutter spielen.

Das leuchtet ein. Aber wenn Sie sich selbst als Maßstab nehmen, dürften Ihnen viele Frauentypen nur klischeehaft erscheinen.

Wie meinen Sie das?

Sie sind außergewöhnlich. Sie sind Mutter einer achtjährigen Tochter und haben einen 21-jährigen Adoptivsohn, den Sie, als er 14 war, eher zufällig kennen gelernt und spontan bei sich aufgenommen haben.

Stimmt.

Wie kam es dazu?

Ich habe eine Party für das Flüchtlingsamt in London gegeben. Da haben wir uns getroffen. Tindy war damals allein aus Ruanda geflohen und musste einige Nächte auf der Straße schlafen, weil die Behörden ihn zunächst nicht als Flüchtling anerkannten. Wir haben ihn dann an Weihnachten zu uns nach Hause eingeladen, und er kam. Er war sehr verletzt und sehr allein. Und er brauchte Familie. Und unsere Familie war zufällig da.

Ihre ganze Familie ist außergewöhnlich.

Ich glaube, es war einfach eines dieser seltsamen Dinge, die einfach so geschehen. Tindy kam dann immer wieder und wir konnten ihn besser kennen lernen. Unsere Beziehung wurde enger und vertrauter. Irgendwann war klar, dass er ein Mitglied unserer Familie ist. Das hat sich ganz natürlich entwickelt.

Als Ihre Schauspielkollegen Brad Pitt und Angelina Jolie oder Popstar Madonna ein Kind adoptierten, sorgte das wochenlang für Schlagzeilen. Sie konnten Ihren ungewöhnlichen Familienzuwachs relativ lange geheim halten. Wie gelingt es Ihnen, Ihr Privatleben privat zu halten?

Wir leben ein sehr häusliches und ruhiges Leben. Natürlich muss man sich manchmal auf solche PR-Situationen einlassen, um ein wenig Aufmerksamkeit zu erzielen. Aber ich kann ehrlich mit der Hand auf meinem Herzen sagen, dass ich noch nie Probleme mit der Presse hatte. Sie haben einige Fotos von meiner Tochter gemacht, als sie noch klein war. Doch seitdem sie größer ist, haben sie das Interesse verloren. Sie ist für die Medien jetzt nur noch ein kleines Mädchen, das in London aufwächst, wie viele andere kleine Mädchen auch. Ich nehme die Kinder ganz einfach nirgendwohin mit, wo viele Fotografen sein werden. Nur manchmal mache ich eine Ausnahme.

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Datum:  20 | 11 | 2008
Seiten:  1 2
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