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08. März 2010

Erdbeben in der Türkei: "Kein Stein mehr auf dem anderen"

 Von Gerd Höhler
Zerstörte Häuser in Okcular.  Foto: afp

Das nächste Erdbeben - diesmal hat es die Menschen in Ostanatolien heimgesucht. Mindestens 51 Todesopfer sind zu beklagen. Türkische Forscher hatten das Unglück bereits erwartet. Von Gerd Höhler

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Beben in der Türkei

86.000 Erdbebentote hatte die Türkei in den vergangenen 110 Jahren zu beklagen. 96 Prozent des Landes gelten als erdbebengefährdet. Kleinasien liegt auf einer ständig rumorenden Kollisionszone der Erdkruste - dort reiben sich die afrikanische und die eurasische Kontinentalplatte aneinander. Hunderte Bruchlinien durchziehen Anatolien.

Der deutsche Geologe Alfred Wegener hatte bereits vor hundert Jahren die Theorie von der "Drift der Kontinente" aufgestellt, die aber erst nach seinem Tod von der Wissenschaft anerkannt wurde. Bei dieser Kontinentalverschiebung verhaken sich die Platten an verschiedenen Stellen immer wieder - bis sich die im Gestein aufgebaute Spannung in einem Erdbeben entlädt.

Das vermutlich folgenschwerste Beben in der jüngeren Geschichte der Türkei tötete Weihnachten 1939 in der ostanatolischen Provinz Erzincan rund 30.000 Personen.

Mit Schrecken denken die Menschen in der Nordwesttürkei an die verheerende Erdbebenserie vom Sommer 1999 zurück: in der Region um die Industriestadt Izmit brachten heftige Erstöße rund 100.000 Gebäude zum Einsturz. Fast 18.000 Menschen kamen ums Leben. Zum Verhängnis wurde den Opfern vor allem die schlechte Bausubstanz vieler Gebäude.

Istanbul könnte Schauplatz des nächsten großen Erdbebens sein. Die Gefahr für die 15 Millionen Menschen der Bosporus-Metropole lauert südlich der Stadt unter dem Marmarameer, wo sich nach Erkenntnissen der Wissenschaftler große Spannungen im Gestein der Erdkruste aufgebaut haben. Erst im Februar warnte eine Studie der Behörde für Katastrophenschutz beim türkischen Ministerpräsidenten, ein schweres Beben könne in Istanbul 32.000 Menschenleben fordern. Andere Experten befürchten sogar bis zu 100.000 Opfer. Die Fachleute setzen die Wahrscheinlichkeit eines katastrophalen Bebens in Istanbul innerhalb der nächsten 30 Jahre bei 50 Prozent an. Einzige Hoffnung der Geologen ist, dass sich die Spannungen nicht in einem großen, sondern mehreren mittelschweren Beben entladen. (öhl)

Am Montag um 4.32 Uhr ist es für die Menschen in der osttürkischen Provinz Elazig mit der Nachtruhe vorbei: Dumpfes Grollen aus der Tiefe kündigt die nahende Katastrophe an. Dann beginnen Böden und Decken zu zittern, die Wände schwanken, immer heftiger rüttelt das Beben an den Gebäuden. "Es dauerte eine Ewigkeit", berichtete der Rentner Akal Tasan im Fernsehen. Wie vielen anderen gelang es ihm gerade rechtzeitig, aus seiner schwankenden Wohnung ins Freie zu fliehen, bevor das Beben Wände und Decken in einer gewaltigen Staubwolke einstürzen ließ. Jetzt ist von dem einstöckigen Haus nur noch ein Schutthaufen übrig.

Nicht alle hatten so viel Glück im Unglück wie Akal Tasan: Viele Menschen verletzten sich beim Sprung aus Fenstern und von Balkonen. Und viele begrub das Beben unter den Trümmern ihrer Häuser. Am Montagnachmittag bezifferten die Behörden die Zahl der Toten auf 51, etwa weitere 50 Menschen wurden verletzt geborgen. Die Suche nach weiteren Verschütteten sei eingestellt worden, sagte der Gouverneur der Provinz Elazig, Muammer Erol am Spätnachmittag: "Es gibt keine Opfer mehr in den Trümmern."

Die Seismologen der Kadilli-Erdbebenwarte der Istanbuler Bosporus-Universität maßen ein Beben der Stärke 6,0. Moderne sogenannte erdbebenresistente Gebäude können solchen Erschütterungen standhalten - aber nicht die in Ostanatolien üblichen Bauten aus Ziegeln, Holzbalken und Lehm. Selbst wo Beton und Zement verbaut werden, handelt es sich oft um minderwertige Qualität.

In mehreren Ortschaften seien auch die Minarette der Moscheen eingestürzt, sagte Gouverneur Erol. Am größten sind die Zerstörungen in den Dörfern Okcular, wo die meisten Toten zu beklagen waren, Yukari Kanatli und Kayatli. "Unser Dorf ist vollkommen zerstört", sagte der Gemeindevorsteher von Okcular, Hasan Demirdag, dem Fernsehsender NTV. Viele Lehmhäuser seien regelrecht zu Staub zerfallen, berichteten Augenzeugen.

Verwüstet auch das Nachbardorf Yukari Kanatli: "Hier steht kein Stein mehr auf dem anderen", sagte der Ortsvorsteher Yadin Apaydin im Nachrichtensender CNN Türk. Während die Retter nach Verschütteten suchten und die Männer der Hilfsorganisation Roter Halbmond Zelte für die Obdachlosen und Feldküchen aufbauten, erschütterten immer wieder Nachbeben die Region. Mehr als 60 Erdstöße wurden bis zum Spätnachmittag gemessen, der heftigste erreichte Stärke 4,1.

Mustafa Erdik, der Direktor des Kandilli-Observatoriums und einer der angesehensten Erdbebenexperten des Landes, sprach von einem "wirklich schweren Beben" und warnte die Menschen vor der Rückkehr in beschädigte Gebäude: Die Nachbeben, die noch mehrere Tage anhalten werden, könnten sie zum Einsturz bringen.

Auch in den Nachbarprovinzen Tunceli, Bingöl und Diyarbakir trieb das Beben viele Menschen in Panik auf die Straßen. Vizepremier Cemil Cicek und mehrere Minister kamen aus Ankara ins Katastrophengebiet.

Ministerpräsident Tayyip Erdogan sprach den Hinterbliebenen sein Mitgefühl aus und sicherte den Obdachlosen neue, erdbebensichere Häuser zu. Bis dahin müssen sich die Überlebenden auf lange Monate in Zelten und Containern einstellen. Am Montagnachmittag bereiteten sich die Menschen auf eine kühle, feuchte Nacht im Freien vor: Die Wettervorhersage kündigte für die Katastrophenregion Regenschauer und Temperaturen um acht Grad an.

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