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Erdbeben in der Türkei: Begraben unter Beton

Im Osten der Türkei sind fast 300 Menschen nach heftigen Erdstößen tot geborgen und über 1000 verletzt worden. Die Verschütteten kämpfen nicht nur gegen Hunger und Durst, sondern auch gegen die winterliche Kälte.

In der Stadt Ercis  bergen Helfer am Montag ein kleines Mädchen lebend aus den Trümmern eines eingestürzten Hauses.
In der Stadt Ercis bergen Helfer am Montag ein kleines Mädchen lebend aus den Trümmern eines eingestürzten Hauses.
Foto: Reuters
Ercis/Istanbul –  

Nach dem schweren Erdbeben vom Sonntagmittag in der Osttürkei hat der Wettlauf der Rettungstrupps gegen die Zeit begonnen. Niemand weiß, wie viele Menschen noch unter den Trümmern begraben liegen. Manche Regionen im Katastrophengebiet an der Grenze zum Iran sind so schwer erreichbar, dass auch Nachrichten nur spärlich fließen. In den besonders stark getroffenen Provinzstädten Van und Ercis funktionieren viele Telefone wieder, weshalb es einigen Verschütteten laut Berichten des türkischen Fernsehens gelang, per Handys Hilfe zu rufen. Die Helfer wissen, dass die ersten Stunden entscheiden. Die Nächte in der Osttürkei sind bereits bitter kalt.

Das Beben der Stärke 7,2 auf der Richterskala hatte sich rund sechs Kilometer unter der Erde nahe der Stadt Ercis am Van-See ereignet und war so stark, dass selbst im Nachbarland Armenien Tausende Menschen panisch aus ihren Häusern stürzten. Am Montagmittag sprach der türkische Gesundheitsminister Recep Akdag von 264 Toten, wobei 117 Tote in Ercis und 100 in Van zu beklagen seien. Die Zahl der Verletzten wird auf mehr als 1 000 geschätzt.
Laut Behörden sind 1 275 Helfer aus 38 Provinzen nach Van entsandt worden; auch die in dem Kurdengebiet stark konzentrierte Armee wurde eingespannt. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan traf am Sonntagabend in der Provinzhauptstadt ein, wo er beobachtete, wie Arbeiter bei Scheinwerferlicht versuchten, Überlebende aus den Trümmern zu bergen. Der Premier versprach den Opfern schnelle und effiziente Hilfe.

Verzweifelte Rufe aus den Ruinen

Seit Sonntag berichten die türkischen Fernsehsender ununterbrochen live aus der Katastrophenregion und bitten ihre Zuschauer um Spenden. Sie zeigen erschütternde Bilder: Rauchsäulen über Ruinen, eingestürzte Apartmenthäuser, die wie sinkende Schiffe kippen, weinende Menschen. Andere sitzen wie erstarrt zwischen Schutthaufen aus Beton und Eisen. Helfer bemühen sich, einen Jungen, der verzweifelt um Hilfe schreit, mit Schaufeln und Eisenstangen aus einem eingestürzten Gebäude zu befreien. Ein Mann sagt: „Die Stöße waren unglaublich stark und dauerten etwa 30 Sekunden lang.“ Die ganze Nacht und den Montag über haben sich Hilfstrupps durch die Trümmerfelder gearbeitet. Freiwillige wühlen mit bloßen Händen im Schutt, oft unter Lebensgefahr.

Erdbeben in der Türkei

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Aus Angst vor den häufigen, teils schweren Nachbeben haben viele Menschen die Nacht im Freien verbracht. In Van brannten in dieser Nacht vereinzelt Holzfeuer, um die sich die Leute sammelten. Sobald die Sonne untergegangen ist, fallen die Temperaturen in dieser Gegend Anatoliens rasch auf den Gefrierpunkt oder darunter. Für die kommenden Tage ist Schnee angesagt.

Am Montag gelang es Reportern von CNN Türk TV, zerstörte Dörfer in der Umgebung von Van zu erreichen, wo sie auf Bauern trafen, die im Freien kampierten und dringend Hilfe benötigten – medizinische Hilfe, vor allem aber Zelte und Decken. Nach übereinstimmenden Berichten waren am Montagmittag 29 Dörfer ohne Elektrizität und Telefon. Als in einem Gefängnis in Van eine Mauer einstürzte, flüchteten rund 150 Häftlinge; es sollen Mitglieder der verbotenen Kurdenpartei PKK darunter sein.

Überforderte Ärzte

Die Effektivität der Katastrophenhilfe ist indes umstritten. Helfer des Roten Halbmonds haben am Rand der 380.000-Einwohner-Stadt Van Notfallzelte errichtet und versorgen Verletzte. Während Gesundheitsminister Recep Akdag erklärte, die Lage sei unter Kontrolle, es gebe genügend Räumgeräte, Kräne und Krankenhausbetten, zitierte die Zeitung Hürriyet einen Arzt aus Van mit den Worten, die Krankenhäuser der Stadt seien schwer beschädigt, die medizinische Ausrüstung ungeeignet, die Ärzte überfordert. Patienten sollten in andere Städte verlegt worden sein, um angemessen behandelt zu werden.

Aus Ercis, in dem 74.000 Menschen leben, vermittelte zunächst nur die sich überschlagende Stimme des Bürgermeisters Zülfikar Arapoglu im türkischen Nachrichtensender NTV einen Eindruck der dramatischen Verhältnisse. „Unsere Stadt liegt in Trümmern, es gibt so viele Tote und Verletzte. Dringend brauchen wir Hilfe“, sagte er. In der Stadt sollen etwa achtzig mehrstöckige Häuser völlig zerstört und Hunderte schwer beschädigt sein. Suchtrupps erreichten Ercis erst Montagmittag. Wer kann, verlässt die Stadt. Soldaten und Polizisten bewachen leerstehende Gebäude, damit sie nicht geplündert werden.

Es gibt auch ermutigende Meldungen. Laut CNN Türk gelang es dem 19-jährigen Yalcin Akay, mit seinem Handy die Polizei zu rufen; er konnte gerettet werden. Auch aus einem zerstörten Neubaublock in Van sandten Überlebende SMS; Helfer eilten zu dem Gebäude. Ein Mobilfunkbetreiber brachte eine Sendestation nach Ercis, da der Funkverkehr ausgefallen war.

Die Provinz Van wird an diesem Montag zum Ziel einer im Kurdengebiet nie dagewesenen Hilfsaktion von Behörden und Öffentlichkeit der ganzen Türkei. Der Staat werfe alles in die Schlacht, was er habe, sagt Vize-Premier Besir Atalay. Mehr als 20.000 Decken, mehrere tausend beheizbare Zelte, dazu Feldküchen und eine mobile Bäckerei werden nach Ostanatolien geschickt.
Dennoch hat die Zusammenarbeit der Behörden offenbar einmal mehr nicht funktioniert. Dabei gibt es die Nationalen Erdbebenstrategie, kurz USDEP 2023. Der Plan wurde nach dem verheerenden Beben von 1999 in Izmit am Marmarameer mit mehr als 17 000 Toten entworfen. Bis zum hundertsten Jahrestag der Republik Türkei im Jahr 2023 soll so eine effiziente Koordination von neun Ministerien sichergestellt sein. Jetzt kommentierte das Massenblatt Habertürk online: „Der Plan ist eingestürzt wie die Gebäude.“ Deshalb wurde in einigen türkischen Medien auch kritisiert, dass die Regierung Hilfsangebote aus Europa und Israel ablehnte, weil man über genügend eigene Mittel verfüge.

Schlechte Bauqualität

Das Hauptproblem der Türkei ist die schlechte Bauqualität vieler Gebäude. Experten erläutern, dass sich trotz aller Erfahrungen nach früheren Erdbeben wenig geändert hat. Es werde zu wenig Zement für den Beton und zu wenig Eisenarmierung verwendet. Behördenmitarbeiter drückten bei Genehmigungen beide Augen zu und erteilten Erdbebenzertifikate gegen Geld.
„Bei einem schweren Beben stürzen die Bauten dann einfach zusammen“, sagte ein Architekt im türkischen Sender NTV. In Van brachen nicht nur ältere Häuser, sondern auch Neubaublocks zusammen, in Ercis ein kürzlich errichtetes Studentenwohnheim.
Nun schlägt der Verband der Istanbuler Bauunternehmer vor, obdachlose Erdbebenopfer in leerstehenden Sommerhäusern an der Küste unterzubringen. Damit werde Zeit gewonnen, beschädigte Häuser abzureißen und neue, sichere Gebäude zu errichten. (mit AFP)

Autor:  Frank Nordhausen
Datum:  24 | 10 | 2011
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