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Erfinderin Mary Quant: "Der Mini war unausweichlich"

Mary Quant hat die Frauenmode revolutioniert. Sie gilt als Erfinderin des Minirocks und feiert morgen ihren 75. Geburtstag. Ein Gespräch über Provokationen, Proteste und die Freiheit der Mode.

Brigitte Bardot (l) trägt in einer Filmpause bei den Drehs zu Zwei Wochen im September in London einen Minirock.
Brigitte Bardot (l) trägt in einer Filmpause bei den Drehs zu "Zwei Wochen im September" in London einen Minirock.
Foto: getty

Mrs Quant, Sie waren es, die die Röcke bereits Ende der 50er Jahre abgeschnitten hat - wie kamen Sie auf die Idee?

Der Mini war unausweichlich. Wir konnten mit ihm auf den Bus aufspringen und zur Arbeit fahren. Wir konnten ihn mit ein paar Accessoires kombinieren - und abends gleich weiter in den Jazzclubs der Stadt tanzen. Das war unsere Lieblingsbeschäftigung. Als wir anfingen, waren die Röcke gar nicht so kurz, auch wenn die Leute das dachten. Wie oft haben sich Herren in Hut und Mantel beschwert und geschrien, das sei obszön! Unsere Sachen haben sie wahnsinnig provoziert.

Zur Person

Mary Quant, 75, ist eine britische Modedesignerin. Ihr Vater war ein Lehrer in Wales. 1955 eröffnete sie zusammen mit ihrem späteren Mann Alexander Plunket Greene die Boutique "Bazaar" an der Londoner Kings Road. Neben dem Minirock kreierte sie einen Regenmantel und flache Stiefel aus PVC, einem Material, das man bis dahin nur als Bodenbelag oder als Tischdecke verwendet hatte.

Das Kultmodel Twiggy machte den Look von Mary Quant Ende der 60er Jahre zum Markenzeichen.

Das Interview ist ein Auszug aus einem längeren Gespräch mit Mary Quant, das in dem Buch "Der Minirock. Die Revolution. Die Macher. Die Ikonen" von Bianca Lang, Tina Schraml und Lena Elster (Edel Edition, 176 Seiten, 29,95 Euro) erschienen ist.

Die Aufregung hat Ihnen auf jeden Fall nicht geschadet. Wie empfanden Sie damals Ihren Erfolg?

Mein Mann und ich waren zunächst total eingeschüchtert. Wir hatten klein angefangen und nicht die geringste Ahnung von Geschäftsführung oder Buchhaltung. Zu unseren selbst geschneiderten Kleidern hatten wir Schmuck von jungen Künstlern gekauft und alles im Haus von Alexanders Mutter gehortet, bevor wir eröffneten und dann rannten uns die Leute vom ersten Tag an die Türen ein. Es kamen Theaterschauspieler, Künstler, Mädchen aus Chelsea mit wundervollen Beinen. Und alle ermunterten mich, die Röcke kürzer zu machen. Das habe ich dann auch gemacht, jede Saison ein Stückchen mehr.

Sie wollten also weder das Establishment bekämpfen noch die Frauen aktiv befreien, sondern einfach Ihre Kundinnen glücklich machen, richtig?

Ich wollte für das Leben entwerfen und das Leben verändert sich. Die Mode verändert sich. Frauen fingen an, ihr eigenes Geld zu verdienen, und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Sie mussten nicht mehr anziehen, was ihr Vater ihnen kaufte oder ihr Mann wünschte. Zu uns kamen sehr berühmte, moderne, finanziell unabhängige Frauen, Models wie Jean Shrimpton, denen die Röcke gar nicht kurz genug sein konnten. Es machte plötzlich Spaß, eine Frau zu sein. Der Mini war sicher ein Mittel, Frauen zu befreien, aber wirklich frei waren sie erst mit der Pille. Mit ihr konnten sie erstmals Schwangerschaften und damit ihre Karrieren planen.

1955 eröffneten Sie gemeinsam mit Ihrem Mann Alexander Plunkett-Greene Ihre Boutique "Bazaar" im Londoner Stadtteil Chelsea. Als Sie 1957 Ihren zweiten Laden in Knightsbridge mit einer Modenschau eröffneten, sprach die Presse von einer Revolution, weil Sie Musik spielten und Ihre Models tanzten - eine trug ein Gewehr, eine andere ein Buch von Karl Marx. Was wollten Sie bezwecken?

Schon der Laden war das Gegenteil davon, wie man sich damals eine Boutique vorstellte. Terence Conran, der mit Alexander zur Schule ging, hatte ihn entworfen mit einer riesigen Treppe, die in der Mitte des Raumes endete. Die Beine der Mädchen erschienen auf dieser Treppe noch länger. Wir ließen die Mädchen dann zu sehr schneller und lauter Musik heruntertanzen. Jazz und Rock'n'Roll. Die Models trugen Kleider aus Anzugstoffen wie Tweed und dazu männliche Accessoires wie das Gewehr. Sie lachten, tanzten, posten, machten ein riesiges Theater. Die Leute waren empört, aber wir wollten die Mode eben mal anders zeigen als in der Haute Couture, wo mittelalte Damen steif auf und ab liefen, sich am Ende drehten und irgendwer dazu sagte: "Sie sehen Evette in einem blassblauen Kostüm." Da ließen wir es lieber knallen.

Aber auch André Courrèges zeigte in seiner Couture- Kollektion "Space Age" Miniröcke an tanzenden Models und spielte Musik. Das galt damals ebenfalls als Revolution. Ist das Zufall?

Ich wusste gar nicht, dass er Musik benutzt hat, ich habe keine seiner Präsentationen gesehen, war überhaupt nie auf einer Couture-Schau. Aber ich verstehe, warum er es getan hat. Musik lag damals in der Luft. Und am Mini führte kein Weg vorbei. Wir folgten der gleichen Logik, auch wenn wir für verschiedene Leute entworfen haben. Couturiers machen Kleider für ältere Damen, beziehungsweise Frauen, die damenhaft aussehen wollen, für einen kleinen Kreis reicher Leute, die morgens nicht zur Arbeit hetzen müssen. Ich habe für das Leben entworfen, wie es ist. Und für junge Frauen.

Die Erfindung des Minirocks wird Ihnen beiden zugeschrieben. Was, denken Sie, war Ihr Verdienst für die Mode, was der von Courrèges?

Niemand hat den Mini erfunden, er war gewollt. André Courrèges hat die Couture geschockt und sie in die Moderne geführt. Das war seine Revolution. Ich habe einfach das Offensichtliche getan und für Mädchen wie mich die Röcke abgeschnitten.

1971 haben Sie "Bazaar" geschlossen. Heute haben Sie noch 200 Läden in Japan. Entwerfen Sie noch Mode? Mode ist eine Droge, ein tolles Zeug. Natürlich mache ich noch Kleider. Manchmal schicke ich auch Ideen. Es macht Spaß, Japaner anzuziehen, sie werden nicht dick.

Muss man dünn sein für den Mini?

Natürlich. Wer elegant sein will, muss dünn sein. Ansonsten glaube ich nicht an Regeln, das Alter spielt keine Rolle, nur Proportionen und die Art, wie etwas kombiniert wird. Deshalb lieben die Leute den Mini, weil er so vielseitig ist. Die Mode ist nicht mehr so steif wie früher, jeder hat die Freiheit, zu tragen, was er will. Aber natürlich ist der Mini mehr als nur ein Stück Stoff, ein Mythos, eine Revolution. Deshalb beziehen sich viele auf ihn, interpretieren ihn neu, machen ihn besser: weil er etwas bedeutet. Weil er nicht selbstverständlich war. Weil er sich sein Existenzrecht erkämpfen musste.

Tragen Sie noch Mini?

Natürlich! Und Shorts, die haben einen Schritt, deshalb kann man sie sehr kurz und stylish tragen, ohne die Leute gleich zu schocken. Ich ziehe immer schwarze Strumpfhosen und Stiefel dazu an. Warum denn auch nicht? Beine halten sich gut, die können sich lange sehen lassen.

(Interview: Bianca Lang)

Datum:  10 | 2 | 2009
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