Ich war zehn Jahre alt, als mir klar wurde, dass Michael Jackson gerne wäre wie Samuel Brasa. Die Erkenntnis überraschte mich nicht. Samuel Brasa ging damals mit mir in die sechste Klasse eines Frankfurter Gymnasiums, fuhr morgens mit dem Zug zur Schule und war der allerschönste Junge in ganz Mörfelden-Walldorf. Jeder in der Unterstufe wollte sein wie Samuel Brasa. Nur ich nicht.
Ich wollte lieber mit Samuel Brasa küssen.
Musikvideos im Nachmittagsfernsehen und die Bildberichterstattung der Bravo lieferten früh Beweise für meine Vermutung: Michael Jackson bewegte sich auf der Bühne mit den selben geschmeidigen, fließenden Bewegungen wie Samuel Brasa auf dem Weg vom Pausenhof zum Snackautomaten. Michael Jackson trug eine Haarsträhne im Gesicht - wie Samuel Brasa, der allerdings glatte Haare hatte, was Michael Jackson erst Jahre später adaptierte. Er trat sogar mit einem weißen Handschuh auf, wie ihn Samuel Brasa im Paar trug, zu hüftkurzen, roten Lederjacken. Baumwoll-Handschuhe, wie sie allerdings auch meine Mutter vor dem Schlafengehen anlegte, um dicke Cremeschichten über Nacht einziehen zu lassen. Es war damals, Anfang der 80er Jahre, als die Welt mich mit ihren widersprüchlichen Zeichen und Codes zu verwirren begann.
Samuel Brasa verließ unsere Schule nach der sechsten Klasse. Ich hätte mein frei gewordenes Verliebtheitspotential gerne auf Michael Jackson umgebogen, allerdings schien er den plötzlichen Verlust seines Vorbilds Samuel selbst nicht recht zu verkraften.
Noch Jahre später machte er das Gefühl des Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Seins ganz offen zum Gegenstand seines Songs "Man In The Mirror", dessen wahre, autobiografische Hintergründe meines Wissens musikwissenschaftlich nie hinreichend reflektiert wurden. Schade.
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