Herr Knop, Ihre Botschaft lautet: Wenn du Hunger hast, iss worauf du Lust hast. In der Vorweihnachtszeit müsste sich ihr Buch doch optimal verkaufen?
Ich bin ganz zufrieden, das Buch hat schon einige Menschen erreicht. Die Botschaft soll übrigens nicht nur für die Weihnachtszeit gelten, sondern am besten für das ganze Leben. Ich möchte, dass die Menschen wieder ihren Gefühlen Hunger und Lust vertrauen schenken und nicht irgendwelchem pseudowissenschaftlichen Ernährungswissen. Jeder soll essen, worauf er Lust hat, und zwar immer dann, wenn er echten Hunger hat. Die Signale des Körpers bestimmen, was gut für einen ist und das ist bei jedem von uns ganz individuell: Jeder Mensch is(s)t anders.
Sie lehnen vermeintlich wissenschaftlich belegte Ernährungsempfehlungen strikt ab, sind aber selbst Ernährungswissenschaftler. Wie geht das denn zusammen?
Es geht mir um ein anderes Ernährungswissen. Das Wissen, das schon im Körper vorhanden ist und das ich als kulinarische Körperintelligenz bezeichne. Jede Mahlzeit, die wir über die Jahre gegessen haben, trägt zu diesem Ernährungswissen des Körpers bei. Darauf greift er dann über die Gefühle Hunger und Lust zurück. Die Ernährungsforschung dagegen gibt Empfehlungen aufgrund statistischer Zusammenhänge, ohne je eine Ursache-Wirkung-Beziehung zu beweisen. Dazu ist das lebendige System "Ernährung des Menschen" auch viel zu komplex. Der Nutzen von Regeln wie fünf Mal am Tag Obst und Gemüse zu essen, täglich zwei Liter Wasser zu trinken oder weniger Fleisch zu essen ist nicht belegt - es ist nicht mehr als eine Vermutung. Zu diesen Ergebnissen kam ich nach kritischer Auswertung von über 150 aktuellen Studienergebnissen und mehr als 50 Expertenstatements, die Sie alle im Buch finden.
Den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krankheiten wie Diabetes bestreiten Sie aber nicht, oder?
Natürlich ist ab einer gewissen Gewichtsklasse unbestritten, dass massives Übergewicht zu bestimmten Erkrankungen führt. Ernährung ist aber nur einer von vielen Faktoren , die das Gewicht eines Menschen beeinfluss en . Außerdem kommt es weniger darauf an, was man isst, sondern der wesentliche Faktor ist, welche genetische Ausstattung man hat. Wer von seinem Erbgut her eher auf schlank ausgerichtet ist, wird durch essen nicht dick. Vorausgesetzt, er isst nur, wenn er echten Hunger hat und nicht etwa aus Langeweile, Frust oder um Stress zu kompensieren.
Und was ist mit Menschen, deren Gene auf Dicksein programmiert sind? Ist es nicht fahrlässig, ihnen zu sagen: Iss doch einfach was du willst, Dicksein ist nunmal deine Veranlagung?
Nein, ganz und gar nicht. Fahrlässig ist, wenn Sie versuchen, das menschliche Essverhalten mit pseudowissenschaftlichem Halbwissen zu steuern. Ich will die Menschen wieder dazu führen, mündige Essbürger zu werden, die nach ihren Gefühlen essen, ohne sich von Ernährungspäpsten oder -regeln beeinflussen zu lassen. Das ist unser natürliches Essverhalten, mit dem man sein persönliches Wohlfühlgewicht erreicht.
Viele Menschen haben aber den Draht zu ihrem Körper verloren und futtern sich weit mehr als ihr Wohlfühlgewicht an.
Meine Thesen führen Sie letztlich zu Ihrem Normalgewicht. Jeder Körper hat sein gewünschtes Gewicht, seinen Setpoint, und er setzt alles daran, dieses Wohlfühlgewicht zu erreichen. Dann is(s)t er zufrieden, und das spürt man auch. Eine andere Frage lautet allerdings oft : Stimmt mein natürliches Aussehen mit unserem gesellschaftlich definierte Körperideal überein?
Und wie findet man seinen Setpoint?
Leben Sie Ihre Essgefühle frei aus und Ihr normales Körpergefühl stellt sich wieder ein. Der Körper bekommt die Chance, über Hunger und Lust genau zu regulieren, was er braucht. Nur: Man muss den echten Hunger wieder spüren. Am besten reizt man den Hunger einmal richtig aus. Dann lernt man wieder den Unterscheid zwischen echtem Hunger und " Hunger " aus anderen Gründen, zum Beispiel aus Langeweile oder eingefahrener Routine.
Das alles setzt voraus, dass man ein Mensch ist, der sich bewusst mit seinem Körper auseinandersetzt. Brauchen solche Menschen überhaupt noch einen Ernährungsratgeber?
Gute Frage. Zumindest kann ich ihnen ihr schlechtes Gewissen nehmen. Viele Menschen essen ja genau so, wie es in meinem Buch steht. Von der ganzen Ernährungspropaganda bekommen sie aber ein schlechtes Gewissen eingeredet, obwohl sie alles richtig machen. Mein Buch ist eine Bestätigung, dass es richtig ist, auf seinen Körper zu hören.
Ist das Ihre Weihnachtsbotschaft?
Ja! Jeder kann ohne schlechtes Gewissen in die Feiertage gehen und den Speiseplan nach Lust und Laune zusammenstellen. Aber: Essen Sie nur, wenn Sie wirklich Hunger haben!
Genau das kann in der Weihnachtszeit ganz schön schwierig werden, wenn einem ständig Leckereien unter die Nase gehalten werden.
Wenn Sie sich bei den Mahlzeiten richtig satt essen, ist das kein Problem. Denn essen Sie sich nicht satt, weil Sie denken, "ich werde ja noch so viel schlemmen", dann züchten Sie sich ein unterschwelliges Hungergefühl, das sich seinen Weg in Heißhungerattacken bahnen kann . Deshalb ist es gerade in der Weihnachtszeit wichtig, auf keinen Fall aufzuhören zu essen, wenn Sie noch nicht satt sind. Essen Sie einfach so, wie es immer am besten ist: Wenn Sie echten Hunger haben, essen Sie, worauf Sie Lust haben. In diesem Sinn: Genussvolle Feiertage!
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