Georgien wird nicht dabei sein, definitiv nicht. Ursprünglich hatte sich das Schlagerquartett "Stefane and 3G" großen Hoffnungen gemacht, das Land beim European Song Contest im Mai vertreten zu dürfen. Doch als vor einigen Tagen die Qualifikationsrunden für das Finale in Moskau ausgelost wurden, war kein Vertreter Georgiens anwesend. Das Land schweigt, wenn sich Musiker aus ganz Europa treffen.
Der Grund: Der Text des Liedes wurde als zu politisch gewertet. Mit Pop-Rhythmen unterlegt sang die Band auf Englisch: "We don't wanna put in!" Das gefiel zwar der Jury in Georgien, aber das "put in" klang dabei verdächtig nach "Putin". Wir wollen keinen Putin! Das ließen sich die Schlagervertreter Russlands nicht bieten. "Georgien tritt bei der Eurovision mit einem antirussischen Lied auf", schimpfte die Komsomolskaja Prawda. "Der direkte Versuch, Russland zu beleidigen", "Der Text ist Abrakadabra", kritisierte die russische Philologin Sofia Dawydowa. Nicht nur sie grollte.
Der Union Europäischer Sendeanstalten schwante Böses. Sie erklärte, die Verse besäßen politischen Charakter, die Georgier mögen sie doch umgehend umschreiben. Erbost antworteten die georgischen Vertreter, man werde dem Sängerfest fernbleiben. Mit Hilfe seiner Finanzen habe Russland die Europäer unter Druck gesetzt, mutmaßte Kulturminister Nikolos Ruruja. Tiflis schmollte, aber es half nichts. "Stefane and 3G" werden nicht in Moskau singen, kurzzeitig wurde über einen Ersatz nachgedacht, aber die Idee verworfen. Für Georgien wird es also in Moskau keine Punkte geben.
Es gibt noch einen zweiten Streitfall - diesmal geht es um die Ukraine und Russland. Die 21 Jahre alte Nastja Prichodko scheiterte zunächst bei der ukrainischen Ausscheidung, weil ihr Lied zu lang und der Text zum Teil in russischer Sprache verfasst sei, so lautete die Begründung. Die junge Frau aus Kiew roch Betrug, schrieb einen offenen Brief an den ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko: "Als Patriotin meines Landes haben mich die unethischen Kommentare der Jury zutiefst erschüttert." Gleichzeitig bereitete die "Patriotin" eine Kandidatur für Russland vor, das große Schwestervolk der Ukraine, beide streiten nicht nur ständig wegen Gaslieferungen.
Russlands Popszene nominierte die Überläuferin prompt für den Schlager-Wettbewerb. Schon um die Ukrainer zu ärgern. Außerdem hatte Nastja Prichodkos Karriere ja in Moskau begonnen: Dort gewann sie vergangenes Jahr den TV-Wettbewerb "Starfabrik", die russischen Variante von "Deutschland sucht den Superstar". Moskau fühlt sich - auch was Popmusik angeht - weiter als Hauptstadt der früheren Sowjetunion. Also trällern bei "Starfabrik" auch Ukrainer oder Weißrussen mit.
Nach der Nominierung jubelten einige Medien, so wie das Massenblatt Komsomolskaja Prawda: "Eine Ukrainerin verteidigt Russlands Ehre." Und weiter: "Ihre Musik hat ein georgischer Komponist geschrieben, den Text eine Estin, und das Lied wird zum Teil auf Ukrainisch gesungen."
Bald geriet die junge Siegerin allerdings in Bedrängnis. Das Massenblatt Moskowskij Komsomolez kramte ein "Starfabrik"-Video hervor, auf dem Nastja verkündet, sie möge weder "Neger noch Chinesen". Prichodkos Antwort klang ziemlich pampig: "Wie kann man mich eine Rassistin nennen? Mein Großopa war doch Japaner!"
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
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