Can Bonomo wird die Türkei beim Eurovision Song Contest vertreten“, schrieb die türkische Zeitung Zaman, als die Nachricht kam, „aber wer ist Can Bonomo?“ Das fragten sich ziemlich viele Türken nach der Nominierung des Kandidaten durch den staatlichen Fernsehsender TRT im Januar, denn der 24-jährige Sänger war selbst für viele Musikinteressierte ein unbeschriebenes Blatt. Die Leute wunderten sich auch: „Was wird er vortragen?“, denn es gab noch gar keinen Song. Vor wenigen Tagen nun hat Bonomo sein Lied für Baku „Love me back“ im TRT-Sendestudio präsentiert – und das ganze Land war live am Fernseher dabei.
Im Internet kursierten Hassmails gegen Bonomos Kandidatur
Can Bonomo ist 1987 in Izmir geboren. Seine Familie entstammt den sephardischen Juden, welche vor der spanischen Inquisition im Osmanischen Reich Zuflucht fanden und sich in Izmir ansiedelten. Der 24-Jährige lebt heute in Istanbul.
Mit acht Jahren begann er Gitarre zu spielen. Später arbeitete er als Toningenieur, außerdem studierte er Film und Fernsehen an der Bilgi-Universität. Seit neun Monaten ist sein erstes Album „Meczup“ auf dem Markt, für das er alle Songs selbst geschrieben hat.
„Ich bin sehr aufgeregt“, gibt Bonomo zu, als er auf die Bühne kommt und ihn die Moderatorin nach seinen Gefühlen fragt. Sie will noch einiges mehr von ihm wissen, die heikle Fragen aber stellt sie nicht – die nach seiner Religion. Denn Can Bonomo ist Jude, und seine Nominierung für Baku hat bei Ultrakonservativen und Religiösen eine heftige Diskussion darüber ausgelöst, ob ein Jude das überwiegend muslimische Land international vertreten könne. Im Internet kursierten Hassmails gegen seine Kandidatur – „eine bittere Erinnerung daran, dass die Türkei noch immer ein Jahrhundert davon entfernt ist, die Religion eines Mitbürgers als Privatsache zu betrachten“, schrieb die Zeitung Hürriyet.
„Muss es ein Amateur sein?“
Die Türkei nutzt den Eurovision Song Contest seit einigen Jahren zur Selbstdarstellung als moderner europäischer Staat und schickt hochklassige Künstler zum Sängerwettstreit. Die Strategie zahlte sich aus, als Sertab Erener 2003 in Riga mit „Everyway That I Can“ den ersten Platz belegte. Anders als in Deutschland wird der türkische Vertreter aber nicht in einem nationalen Wettbewerb ermittelt, sondern vom staatlichen Fernsehen bestimmt – ein undurchsichtiges Verfahren, das viel Kritik auf sich zieht, zumal wenn sich der Kandidat wie im vergangenen Jahr als Versager erweist. Entsprechend hoch waren dieses Jahr die Erwartungen – und umso länger die Gesichter, als der zwar sympathische, aber fast völlig namenlose Bonomo gekürt wurde. Vor allem im türkischen Pop-Business wurde gemault: „Muss es denn wirklich ein Amateur sein?“
"Ich bin Türke und werde in Baku die Türkei vertreten"
Dagegen sahen Verschwörungstheoretiker hinter Bonomos Wahl die „jüdische Lobby“ am Werk oder unterstellten eine staatliche Strategie, um auf amerikanischen Wunsch hin die Beziehungen zu Israel zu kitten. Denn diese sind seit der Mavi-Marmara-Affäre 2010, als israelische Soldaten neun türkischstämmige Aktivisten einer Gaza-Hilfsflotte erschossen, so schlecht wie nie. Die Kür Bonomos fiel zudem zeitlich zusammen mit der erstmaligen Ausstrahlung von Claude Lanzmanns Holocaust-Dokumentation „Shoa“ ebenfalls im TRT-Fernsehen. Nachdem eine islamistische Zeitung die Diskussion dann noch mit der Frage anheizte, ob Bonomo überhaupt ein richtiger Türke sei, antwortete er selbst in einer Talkshow, Musik kenne keine Religion oder Rasse. „Ich bin Türke und werde in Baku die Türkei vertreten. Das Judentum ist eine Religion und meine Privatsache. Mit Israel hat das gar nichts zu tun. Wir leben seit 540 Jahren hier.“ Im Internet bekam Bonomo für diese Antwort viel Applaus, und auch die weitaus meisten Zeitungskommentatoren freuten sich über die Entscheidung für den Jungmusiker – damit zeige die Türkei ein weltoffenes, multikulturelles Gesicht. Can Bonomo stammt aus dem westtürkischen Izmir und ist Nachkomme sephardischer Juden, die im 15. Jahrhundert vor der Inquisition aus Spanien flohen. Sie gehören zur kleinen jüdischen Gemeinde in der Türkei, die gerade noch 30.000 Menschen umfasst. Bonomo studiert in Istanbul Radio und Fernsehen, singt nebenbei, legt als DJ Platten auf und spielt in TV-Serien mit. Den Stil seines ersten Albums „Meczup“ (Hingerissen), das im Dezember 2010 erschien, nennt er selbst „Istanbul Music“ – eine Mischung aus Elementen der türkischen Volksmusik mit Rock und Pop. Als er hörte, dass er die Türkei in Baku vertreten solle, sei das ein Riesenschock für ihn gewesen, sagt Bonomo: „Jetzt aber kann ich sagen: Ich bin bereit.“
Tanzen will er noch lernen
Es ist diese offene, ungekünstelte Art, die Bonomo die Herzen zufliegen lässt. Frisch, fröhlich und ein bisschen verrückt – so wirkt er bei seinem Auftritt im TRT-Studio. Er steckt in einem sackähnlichen Mantel über weißem T-Shirt, trägt dazu eine schwarze Kappe und modische Schnürstiefel. Damit sieht er nicht nur aus wie ein Kobold, er hampelt und trampelt auch so herum. Rudert beim Singen mit den Armen, tanzt und springt, hüpft und hopst. Doch Bonomo ist zwar ein Schalk, aber trotzdem ein professioneller Sänger. Sein Baku-Song beginnt mit traditionellen türkischen Saiteninstrumenten, bezieht dann ein Orchester aus Geigern, Posaunisten und Trommlern mit ein und webt in die poppige, vielleicht etwas zu gefällige Grundstruktur musikalische Motive vom Balkan.
„Für uns war es sehr wichtig, eine starke türkische Note im Song zu haben“, sagt Bonomo dazu. Englisch singe er nur, um besser verstanden zu werden. Der Text des Liedes über Schiffe, Häfen und einen liebeskranken Seemann habe viel mit ihm selbst zu tun, „weil ich aus Izmir komme, wo das Meer ist“. Es ist aber gerade der englische Text, an dem sich erneut die Geister scheiden – manche vertragen wohl nicht, dass der jüdische Türke auch noch ausländisch singt. Dem TV-Publikum verspricht er jedoch, für Baku noch tanzen zu lernen. Die Choreografie wird Canda Bas besorgen, die bereits zu Sertab Ereners Sieg beitrug. „Das wird hart, aber ich bin bereit“, sagt Can Bonomo – und erntet lautes Lachen und kräftigen Beifall.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
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