Wieder summt Nikolajs Handy. "Hallo?", er hört einen Augenblick zu. "Ach, Sie sind es!", er spricht mit samtweicher Stimme, in der ein Hauch Ironie mitschwingt. "Das war die Stadtverwaltung, die Sicherheitsabteilung", sagt er, als er aufgelegt hat, und nippt an seinem Bierglas. "Die haben mir ihre Hochachtung ausgedrückt. Sie würden alles hören und sehen. Und leider müssten sie unsere Demonstration verbieten."
Auf den Wandbildschirmen in der Moskauer Sushi-Bar "Japoschka" jagen sich Tom und Jerry, kämpft Spartak gegen Saturn. Dazwischen sitzt Nikolaj Alexejew, 32, und wirkt gar nicht wie ein Krieger. Grau karierter Anzug, Hosen mit Bügelfalten, violette Krawatte, slawische Stupsnase - er unterscheidet sich kaum von den tausenden anderen Moskauer Yuppies, die um diese Zeit beim Business-Lunch sitzen.
Nikolaj Alexejew, 32, will zum Finale des Eurovision Song Contest am 16. Mai in Moskau eine Schwulendemo organisieren - trotz offiziellen Verbots.
Der Jurist leitet das Projekt Gayrussia (www.gayrussia.ru), das sich als Bürgerrechtsorganisation versteht und Mitglied der europäischen Schwulen- und Lesbenunion "International Gay & Lesbian Association" ist. Als Reaktion auf die geplante "Moscow Gay Pride" sammelten Gegner nun Unterschriften gegen die als "Parade der Missgeburten" verumglimpfte Demo.
Der Aktivist ist in seiner Heimatstadt umstritten. Nicht alle Homosexuellen halten seine offensive Art, für die Rechte von Schwulen und Lesben zu kämpfen, für angemessen. 2006 gingen zahlreiche Protestler trotz offiziellen Verbots auf die Straße und wurden verhaftet oder von Rechtsradikalen verprügelt, darunter auch der Grünen-Politiker Volker Beck.
"Wir gehen auf die Straße"
Aber selbst während des Essens kommuniziert Nikolaj in rasendem Tempo und auf mehreren Ebenen. "Wir gehen unter allen Umständen auf die Straße", tippt er in sein Macbook. "Die gesamte Verantwortung liegt bei den Behörden." Dann summt sein Handy.
Nikolaj und seine Mitstreiter wollen sich am Samstag zwischen Gummiknüppel und Gitterstäbe wagen. Wieder mal. Seit 2006 beantragen sie alljährlich eine Schwulen- und Lesbendemo. Die wird alljährlich verboten. 50 oder 100 Mutige gehen trotzdem hin, werden von Einsatzpolizisten festgenommen. Und vorher von Neonazis angegriffen.
Viele Teilnehmer, auch der deutsche Bundestagsabgeordnete Volker Beck, sind schon brutal verprügelt geworden. Aber in diesem Jahr wollen die Schwulenrechtler ihre große Chance wahrnehmen und am Samstag demonstrieren, wenn in Moskau das Finale des Eurovision Song Contest steigt. Sie hoffen auf Publicity, auf die westlichen Schlagerfans, auf Europa. Die Rechnung könnte aufgehen. Die niederländische Band The Toppers hat gedroht, aus dem Wettbewerb auszusteigen, wenn wieder Jagd auf Homosexuelle gemacht werde.
Dabei seien hier Homos von Heteros kaum zu unterscheiden, sagt Nikolaj. Auf der Twerskaja Uliza, Moskaus Prachtstraße, sind täglich schöne Jünglinge mit durchtrainierten Pobacken in italienischen Markenjeans unterwegs, streichen sich frischfrisierte Strähnen aus der sonnenstudiogebräunten Stirn - und werfen ebenso aufgedonnerten, hübschen Mädchen glühende Blicke zu. Nikolaj kann nicht verstehen, was die Moskauer gegen die geplante "Gay-Pride"-Parade haben: "Auf der Twerskaja ist jeden Tag Gay-Parade".
Aber wer es wagt, öffentlich schwul zu sein und Händchen haltend durch die Straßen zu gehen, hat ein Problem. Denn das öffentliche Leben in Moskau ist verklemmt und unduldsam wie vor 150 Jahren. "Eine Gay-Parade ist nichts anderes als satanisches Treiben", wetterte Bürgermeister Jurij Luschkow. Der Volksmund schimpft Schwule "Päderasten", selbst die demokratische Opposition bleibt auf Distanz: "Die haben Angst, auch als schwul zu gelten", ärgert sich Nikolaj.
Doch selbst die Szene ist uneins
Die Szene selbst ist auch gespalten. Die Betreiber der Internet-Seite www.gay.ru und die Redaktion der Schwulenzeitschrift Kwir sind gegen Demos. "Alexejew, der wohnt doch in Paris", sagt ein homosexueller Journalist. "Der hat doch längst einen französischen Pass. Und kommt nur her, um auf unser aller Kosten seine Show abzuziehen. Wir brauchen hier keinen Krieg mit den Behörden."
Darauf angesprochen zückt Nikolaj seinen weinroten russischen Pass. "Im Gegensatz zu Luschkow bin ich in Moskau geboren. Und ich bin hier groß geworden. Das ist meine Stadt." Er ärgert sich über die schweigende Mehrheit der Schwulen und Lesben, zieht einen drastischen Vergleich: "Unter den Nazis gab es ja auch Juden, die gesagt haben: Bloß keinen Widerstand, damit machen wir alles nur noch schlimmer."
Er trinkt jetzt sein zweites Bier. Erzählt von seiner ersten Klage, als die Moskauer Staatsuniversität ihm nach dem Jurastudium verweigerte, eine Doktorarbeit über die Rechte sexueller Minderheiten zu schreiben. Er erzählt von anderen Klagen, Rechtsbeugung, Korruption. Und dass er weitermachen wolle "bis der Europäische Gerichtshof die Stadt Moskau verpflichtet, Schwulenparaden zu genehmigen".
Nikolaj ist ein unauffälliger Typ, und doch schimmert eine gewisse Eitelkeit durch, die Eitelkeit eines Bürgerrechtlers, der in Moskau gleich zweimal in der Minderheit ist: Als Homosexueller und als einer, der die Courage hat, öffentlich quer zu treiben. Und in Moskau scheint die Minderheit der Couragierten noch kleiner zu sein als die der Schwulen und Lesben.
Das einzige schwule Thema, das Nikolaj anschneidet, ist seine Ehe. "Vergangenes Jahr habe ich meinen Partner in Genf geheiratet - als erster öffentlicher Gay Russlands." Am Samstag drohen ihm wieder Prügel und Handschellen. Moskau aber droht dann, sollte es zu gewalttätigen Einsätzen gegen die Teilnehmer der Parade kommen, die internationale Blamage als Hauptstadt der Intoleranz.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
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