Wäre sie Lisbeth Salander, die androgyne Heldin aus Stieg Larssons Krimi-Trilogie, hätte sie sich längst in die Konten von dessen Vater und Bruder gehackt und sich die Millionen geholt, die ihr zustehen. Den angeblichen Freunden ihres verstorbenen Liebsten, die jetzt mit Biografien und sentimentalen Geschichten ans Licht der Öffentlichkeit drängen, hätte sie ihre Verachtung auf die Brust tätowiert.
Aber Eva Gabrielsson ist nicht Larssons cooles Phantasieprodukt, sondern die Frau, die mehr als 30 Jahre lang an seiner Seite lebte. Daher muss die 56-Jährige zivilere Ausdrucksformen für ihren Zorn finden: Klagen, Anwälte, eine im Entstehen begriffene Autobiografie über "die Jahre nach Stieg". Und ein Theaterprojekt, in dem sie erstmals Einfluss hat auf das Werk ihres Mannes.
Die Millennium-Trilogie des 2004 verstorbenen Stieg Larsson wurde bisher allein in Schweden, der Heimat des Autors, 3,5 Millionen und weltweit in bisher 41 Ländern 20 Millionen Mal verkauft. Die Bücher und deren Verfilmung, die in Deutschland mit den Titeln "Verblendung - Verdammnis - Vergebung" haben schätzungsweise 13 Millionen Euro eingebracht, noch ehe sie auf dem US-Markt erschienen sind.
Der zweite Teil, wieder mit Noomi Rapace als Computerhackerin Lisbeth Salander und Michael Nykvist als Larssons Alter Ego Mikkel Blomkvist, ist ab 4. Februar in deutschen Kinos zu sehen.
Eva Gabrielsson, 56, lebte seit 1971 mit Larsson ohne Trauschein zusammen. Weil er kein Testament hinterlassen hat, liegt die Architektin seit dessen Tod in einem Erbstreit mit dessen Familie. gam
Ende dieses Jahres soll im Kopenhagener Nørrebro-Theater die Weltpremiere von "Männer, die Frauen hassen" stattfinden. Das ist der Originaltitel des ersten Bandes der Millennium-Trilogie, der in der deutschen Fassung zu "Verblendung" wurde. Und während sie bei der Verfilmung des Bestsellers - der zweite Teil ist in Deutschland ab Donnerstag in den Kinos zu sehen - außen vor blieb, haben die Dänen sie für die Theaterfassung als Beraterin angeworben. Schließlich war sie die Frau, der Larsson seine Ideen vortrug, die ihm Details aus Milieus lieferte, die sie besser kannte als er, und die wusste, was ihm wichtig war. "In einen Film kann man viel hineinpacken, im Theater muss man sich auf das Wesentliche konzentrieren", sagt sie. Sie will dafür sorgen, dass der Frauenaspekt nicht von Effekthascherei überlagert wird.
Denn Stieg Larsson bekannte sich zum Feminismus, schon als sich die beiden Anfang der 70er Jahre bei einem Treffen der Vietnam-Bewegung in seiner Heimatstadt Umeå erstmals begegneten. Da waren sie 18. Seither waren sie ein Paar, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, wenn sie auszog, weil Larsson zu viel arbeitete. "Aber nach ein paar Wochen bin ich stets zurückgekehrt", sagt sie. Bis der Arbeits-Junkie und Kettenraucher vor fünf Jahren einen Herzinfarkt erlitt, während die Architektin Gabrielsson ein Projekt für nachhaltiges Bauen in Falun betreute. Obwohl sie den nächsten Zug nahm, kam sie erst ins Krankenhaus, als er schon tot war.
Traum geplatzt
Sie verlor an diesem Tag nicht nur den Mann ihres Lebens, sondern alles, wovon sie gemeinsam geträumt hatten. Die Trilogie war noch nicht erschienen, aber vom Verlag angenommen. Auf der Frankfurter Buchmesse hatte auch das Ausland großes Interesse an den neuen Schweden-Krimis bekundet. "Wir wussten, dass sie um nichts schlechter waren als die Bestseller", sagt Gabrielsson. Mit dem Geld, das sie mit der Trilogie verdienen würden, wollten sie es künftig ruhiger angehen lassen: nur noch halbtags arbeiten, eine "Schreiberhütte" in den Schären bauen, mit zwei Sofas, damit sie nicht mehr streiten mussten, wer auf dem Küchensofa die Beine ausstrecken durfte. Die Skizzen hatte Gabrielsson fertig, mit der Baufirma schon verhandelt. Für den Fall, dass etwas übrig bleiben sollte, wollten sie Projekte finanzieren, die ihnen wichtig waren.
Doch dann war alles vorbei, und auf Gabrielsson wartete ein Kampf, "von dem ich nicht glaubte, dass er möglich war", wie sie in einem Interview sagte. Nichts bekam sie von den weit über zehn Millionen Euro, die Larssons Bücher und deren Verfilmung bisher eingebracht haben. Selbst um die gemeinsame, 53 Quadratmeter kleine Wohnung musste sie kämpfen. Offiziell gehörte sie ihm. Offiziell waren die beiden kein Paar. Er wollte sie schützen, weil er durch seine Arbeit für das von ihm gegründete antirassistische Magazin Expo auf der Todesliste von Rechtsextremisten stand. Das waren keine leeren Drohungen. Ehe Neonazis 1999 den Gewerkschafter Björn Söderberg erschossen, hatten sie sich dessen Passfoto und Adresse bei der Polizei beschafft. Auch Larssons Daten hatten sie sich besorgt.
Nie geheiratet
So hatten Larsson und seine Partnerin nie geheiratet, und als er starb, ohne ein Testament zu hinterlassen, ging das ganze Erbe an seinen Vater und Bruder, mit denen er in den letzten Jahren kaum Kontakt gehabt hatte: die Tantiemen, das Urheberrecht, die Wohnung, die ihr die Larssons dann gnädig überließen. Nach fünfjährigem Erbstreit boten sie Gabrielsson eine einmalige Abfindung über zwei Millionen Euro an. Sie lehnte ab. Sie will ihren "gerechten Anteil" an einem ständig wachsenden Vermögen. Rein rechtlich hat sie nichts zu holen - aber sie drängt auf die Einsicht der Angehörigen: "Niemand zwingt Leute, zu erben. Man kann auch eigene Beschlüsse fassen."
Es geht ihr nicht nur ums Geld, sondern auch darum, was andere jetzt aus dem Nachlass machen. "Stiegs und mein Leben ist großes Business geworden", sagt sie, doch sie selbst sei außen vor. "Ich will nicht mit Leuten zusammenarbeiten, die mit seinem Namen Geld verdienen möchten." Sie sei nicht verbittert, sagt sie, "aber zornig". Diesen Zorn hat zuletzt Kurdo Baksi zu spüren bekommen, dessen Buch "Mein Freund Stieg Larsson" sie "Verleumdung" nennt, weil es den verstorbenen Krimiautor als mittelmäßigen Journalisten und überempfindlichen Gernegroß darstellt.
Eva Gabrielsson sieht sich als Hüterin des guten Rufs ihres Lebensgefährten. Sie will nicht zulassen, dass er ausgebeutet wird. Darum will sie auch vermeiden, dass ein anderer den vierten Band der Serie fertig schreibt, der weitere Millionen einbringen würde. 200 Seiten sind auf einer Festplatte eines Computers gespeichert. Und nur Eva Gabrielsson weiß, wo dieser Computer ist.
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