Bei den Beatles pendelten Sie zwischen Extremen, mal schrien Sie sich die Lunge aus dem Leib bei „Long Tall Sally“, mal säuselten Sie „Yesterday“. Bei den Jazz- und Swing-Liedern zeigen Sie sich jetzt die ganze Zeit von Ihrer soften Seite. Es ist aber eine andere Sanftheit als bei Pop-Balladen – Sie singen sehr leise, müssen dabei trotzdem eine Spannung halten. So hat man Sie noch nicht oft gehört. Fiel Ihnen dieser Genre–Wechsel leicht?
Am Anfang hatte ich, ehrlich gesagt, keine Ahnung, wie ich mit diesen Liedern umgehen sollte. Da stand ich dann mit Jazz-Größen wie Diana Krall und John Clayton in den legendären Capitol Studios in Los Angeles, wo Sinatra, Nat King Cole und Dean Martin gearbeitet hatten, und war zunächst ein bisschen eingeschüchtert. Ich stand mit Diana quasi Wange an Wange und legte beim ersten Versuch mit einer sehr lauten Stimme los: „Heaven, I´m in Heaven“ – ich war wirklich sehr laut. Als ich die Aufnahme kurz danach anhörte, dachte ich nur: „Oh mein Gott, das klingt ja furchtbar.“
Peinlich?
Ich fühlte mich sehr unwohl, all diese großartigen Jazz-Musiker um mich herum spielten großartig – nur mein Gesang war einfach furchtbar.
Wie haben Sie sich da rausgewunden?
Ich habe mich an meinem frühen Idol Fred Astaire ein Beispiel genommen. Sein Gesangsstil ist sehr interessant. Viel denken ja, Astaire sei ein lausiger Sänger gewesen - aber das stimmt nicht. Er konnte Songs gut verkörpern, er konnte sie verkaufen – und zwar mit dieser kleinen Stimme, mit der er leise direkt ins Mikro sang. Leise, aber ausdrucksstark. Auf diese Weise habe ich versucht, dem Album eine Signatur, eine Atmosphäre zu geben. Es ist ein bisschen wie mit diesem neuen Film, „The Artist“. Ich finde ihn großartig. Das ist die Ära, die ich liebe.
Was genau fasziniert Sie daran?
Dieser Reichtum an Ausdrucksformen, das ist für mich eine Ära der intelligenten Kunst. Wie auch immer: Am Ende der Aufnahmen habe ich erkannt: Leise singen strengt viel weniger an, denn die hohen Noten sind auf einmal gar nicht mehr so hoch. Durch diese Gesangstechnik habe ich meine Blockade abgebaut, bekam einen Zugang zu diesen Songs.
Mr. McCartney, für viele Ihrer Landsleute sind Sie weit mehr als der erfolgreichsten Pop-Stars aller Zeiten. In Großbritannien werden Sie als nationale Ikone verehrt, nur die Queen ist noch populärer als Sie. Gefällt Ihnen diese Wahrnehmung?
Das ist zunächst einmal sehr eigenartig. Wissen Sie, tief in meinem Innern bin ich immer noch ein Junge aus Liverpool. Aber, wenn die Menschen mich auf diese Art wertschätzen, kann ich ja schlecht sagen: „Britische Ikone? Nein danke! Will ich nicht sein.“ Auch wenn das die Wahrheit ist. Ich wollte so was nie sein. Ich sehe diese Art der Verehrung so: Es ist eine Art, mir zu sagen, 'Das hast du gut gemacht, Junge'. Insofern musst du es akzeptieren und dankbar dafür sein.
Wenn es um britische Strahlkraft geht, sind an Sie immer besondere Erwartungen geknüpft. Zurzeit wird spekuliert, man könnte auch sagen, gehofft, dass Sie im Sommer bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London auftreten. Haben Sie sich darüber schon Gedanken gemacht?
Man müsste mich zuerst einmal fragen. Es ist ja nicht so, dass ich jetzt einfach die Organisatoren anrufen und sagen könnte: Hey, ich will bei den Olympischen Spielen auftreten.
Wenn sich jemand so etwas herausnehmen könnte, dann vermutlich Sie, oder?
Meinen Sie? Okay, dann ruf ich doch mal an. Nein, im Ernst. Es ist interessant, dass Sie das Thema jetzt ansprechen, denn ich werde mich morgen mit den Verantwortlichen zusammensetzen und darüber sprechen. Es gibt offenbar Vorstellungen, was ich machen könnte. Ich weiß noch nichts Genaues. Wir werden es bald wissen.
In diesem Jahr steht noch ein anderer Tag von nationaler Bedeutung an: das 60-jährige Kronjubiläum der Queen. Sie waren schon vor zehn Jahren beim Konzert am Buckingham Palace dabei. Werden Sie wieder mitmachen?
Kann schon sein. Die Leute fangen gerade erst an, darüber zu sprechen. Ich bin ein großer Fan der Queen. Sie macht einen großartigen Job.
Das kann man auch anders sehen: Viele lästern, die Monarchie sei nicht mehr zeitgemäß.
Ich weiß, ich kenne das Gejammer: „Oh je, die Monarchie“. Ich sage den Kritikern dann immer: „Was ist denn die Alternative dazu? Wollt Ihr lieber David Cameron?“ So sehr wir ihn auch lieben mögen, weiß ich nicht, ob ich möchte, dass Cameron ganz Großbritannien repräsentiert. Egal. Wenn man mich fragt, bei der Feier zum Queen-Jubiläum aufzutreten, kann ich mir vorstellen, dass ich mitmache. Ich erinnere mich noch gut an meinen letzten Auftritt zu ihrem 50-jährigen Kronjubiläum. Wir Musiker standen in einer Reihe in ihrem Garten und warteten darauf, dass sie kam, um jedem die Hand zu schütteln. Irgendwann stand sie direkt neben mir. Ich dachte mir: „Na gut, ich kenne sie schon seit Jahren, da kann ich mich ihr gegenüber ein bisschen unverkrampfter geben.“
Was meinen Sie damit?
Ich sagte: „Majestät, wo wollen wir dieses Fest denn im nächsten Jahr wiederholen?“ Daraufhin die Queen: „Aber nicht in meinem Garten!“
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