Ja, was treibt denn das Kaliumaluminiumsulfat den ganzen Tag? "Bald setzen sich auf dem Boden farblose Kristalle ab" - steht in der Experimentier-Anleitung. Hallo? Kristall, wo bist du?
So war das auch damals in der Schule, Chemie und Physik. Alle hatten einen super Knall, einen krassen Gestank - irgendeine Reaktion halt. Bei uns: nichts. Verzeihung, liebe Lehrkörper, dass unsere Tischgruppe nur hysterische Lachkrämpfe zum naturwissenschaftlichen Unterricht beigetragen hat. Es war kein böser Wille, es war der eine Mangel in unserer Vita: Die Eltern hatten uns keine Experimentierkästen gekauft.
Gegründet 1822 als Belletristikverlag, brachte Kosmos rund 100 Jahre später den ersten Experimentierkasten der Geschichte auf den Markt: "Radiomann", eine Sammlung von Versuchen zur Funktechnik.
Heute bietet die Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG Hunderte Kisten aus Physik, Chemie, Elektronik an, außerdem Ratgeber, Kinder- und Jugendbücher, Spiele und Kochbücher. Das Unternehmen macht insgesamt 60 Millionen Euro Umsatz im Jahr; 35 Millionen mit Spielwaren, davon wiederum 15 Millionen mit Experimentierkästen. (ill)
"Das große Kosmos Chemielabor", "Physik Profi" - wäre so ein Karton voll Wissenschaft damals die Rettung für uns Knallköpfe gewesen? Vielleicht, sagt Annette Büchele, Redaktionsleiterin Experimentierkästen beim Stuttgarter Kosmos-Verlag. Aber was die 39-Jährige und ihr Team so ausbaldowern, ist mehr als nur Nachhilfe zum Schulunterrichtsstoff. Schauen wir mal, wie es zugeht bei Kosmos, der Legende auf dem Gebiet der Hobby-Experimente.
Achtung: Jetzt werden die Profis Kristalle züchten. Zu diesem Behuf klettert das Forschungsteam über eine stählerne Wendeltreppe hinab ins Kosmos-Testlabor - es gilt, 80 Milliliter Wasser zu erhitzen. Im Keller lagern Styropormodelle, jahrzehntealte Apparaturen wie die Fräsmaschine Hommel Arboga U2508, Reagenzgläser, chemische Substanzen. Wir aber wenden uns einem elektrischen Wasserkocher zu. Wie - kein Bunsenbrenner, der unter einen Erlenmeyerkolben postiert wird? Nein. "Wir erzeugen generell eine Zu-Hause-Situation", sagt Kosmos-Redakteurin Ita Meister: Kinder sollen daheim alles nachmachen können, und zwar ohne Gefahr für Leib und Leben. "Wir sind Lernspielzeug, werden aber als Kinderspielzeug deklariert und müssen diesen Normen entsprechen", schildert Annette Büchele. Über allem steht das Regiment der Europäischen Sicherheitsnorm EN 71-4: "Sicherheit von Spielzeug - Teil 4: Experimentierkästen für chemische und ähnliche Versuche". Klingt ja schlimm. Kommen da viele Beschwerden? Von Eltern, deren Kinder bei Experimenten schwer verletzt wurden? Annette Büchele packt aus: "Etwa eine pro Jahr. Dann hat es meistens Flecken auf der Kleidung gegeben."
Genug eingeschüchtert, brauchen wir Kinder nun für den nächsten Schritt eine feine Waage, um exakt 3,0 Gramm Blutlaugensalz abzumessen, während nebenan der Kocher rauscht. Dann das Wasser heiß zum Salz in den Becher gießen. Umrühren. Farbe: dunkelorange.
Wir befinden uns auf dem Weg zu einem bunten Zauberkristall - Verkaufsschlager Nummer 1 beim Experimentierverlag. Seit mehr als 30 Jahren gepflegt, mit der Jubiläumsbox in der 3-D-Packung zum absoluten Hit herauskristallisiert - noch nicht einmal übertroffen von den kleinen Triops-Krebsen aus der Urzeit, die Hunderttausende Kinder dank Kosmos, Wasser und Geduld zum Leben erweckten.
"Man muss zuerst die richtigen Mengen herauskriegen und die richtige Reihenfolge", sagt Ita Meister, 40, übers Kristallezüchten. Auf diesem Gebiet ist ihrer Kollegin Beatrix Kächele unlängst ein spektakulärer Coup gelungen. Es war Zufall, es war farbenfroh, und es könnte Jugend-forscht-Thema werden: ein superbuntes Ding. Wir wollen es nachmachen, deshalb stehen wir im Versuchskeller. Ita Meister: "Also kommt als Nächstes das Alaun - der Klassiker unter den Kristallsalzen." Mit vollem Namen: Kaliumaluminiumsulfat. Zehn Gramm. Hinein damit in die Blutlaugenlösung. Rühren, bis sich alles auflöst. Farbe: hellgelb.
Und dann? Abwarten. Wer Kristalle will, muss warten können. Das war schon vor vier Milliarden Jahren so.
Weniger Text, mehr bunte Bilder
Die sechs Damen und zwei Herren von der Experimentierkastenredaktion können auch Feuer speien. Wenn sie wollen. Aber meistens sind sie in ihrem Büro zwischen randvollen Regalen mit Hunderten Kartons und denken sich neue Wunder aus. Etwa 18 Monate dauert es von der Idee bis zum fertigen Experimentierkasten. An die 40 Neuheiten bringen sie jedes Jahr auf den Markt. Der Boom ging so richtig los, als die Pisa-Studie im Jahr 2000 den deutschen Schülern ein ganz mieses Zeugnis auch in den Naturwissenschaften ausstellte. Da griffen Eltern und Großeltern offenbar verstärkt zur Nachhilfe à la "Mein erstes Chemielabor" und "Abenteuer Wissen Elektromotor".
Auch heute noch, sagt Annette Büchele, steigen die Verkaufszahlen leicht an - in einer Zeit, da man die versammelte Schülerschaft stets an Computer und Mobiltelefon vermutet. Allerdings haben sich die Kästen verändert: "Die Kinder wollen bei Chemie und Elektro schneller zum Ziel kommen." Die Versuchsbeschreibungen haben heute weniger Text und mehr bunte Bilder. Holzkästen gibt es schon seit den 60er Jahren nicht mehr - zu teuer. Nun besteht die Verpackung komplett aus Pappe, Plastik und Styropor.
Was ist mit unseren bunten Kristallen? Nichts. Gelbe Flüssigkeit im Becher. Aber Ita Meister hatte morgens schon eine Lösung angesetzt. Wie sieht die aus? Dunkelgrün. "Auf jeden Fall hat sich da reaktionsmäßig schon was getan", attestiert die diplomierte Sozialpädagogin. Nur kein Zauberkristall.
Dann spucken wir eben Feuer. Üblicherweise läuft das Experimentieren in den Labors der vielen freien Autoren, die für Kosmos arbeiten. Aber ausnahmsweise: Die Redaktionschefin geht ran an die Flamme - wusch! Pures Feuer. Das waren Bärlappsporen aus der Pipette über einem Teelicht, frei nach dem inoffiziellen Kosmos-Motto: Gewachsen, schwäbisch, sparsam. Kinder machen das zu Hause bitte trotzdem nicht nach, und wenn überhaupt, dann nur mit Schutzbrille.
Auf den bunten Zauberkristall warten wir in Stuttgart an diesem Tag vergebens. Aber es soll ihn wirklich geben. Die FR hat daheim keine Mühen gescheut, investigativ recherchiert - und auf einmal war das Kaliumaluminiumsulfat wieder da: wie versprochen, als farbloser Kristall. Ein Kristall? Vier Stück! Und morgen machen wir Diamanten.
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