Was macht eine Stadt zur Modemetropole? Das Lebensgefühl? Die kreative Szene? Oder nur ein geschickt aufgebautes Image? Wahrscheinlich ist es ein Zusammenspiel all dieser Faktoren - und ebenso wahrscheinlich braucht dieses Zusammenspiel Zeit. Wie lange, das kann man bei der heute zu Ende gehenden Fashion Week in Berlin beobachten.
Auch in ihrem dritten Jahr wirkt die deutsche Hauptstadt im Vergleich zu Mailand, Paris, London und New York, immer noch wie ein Punk in der Model-Umkleide. Vielleicht auch deshalb war die öffentliche Aufmerksamkeit dieses Jahr eher auf die Straßenmode der "Bread & Butter"-Messe gerichtet als auf die einen Tag länger dauernde Fashion Week mit ihren Laufstegkollektionen. Ein Fehler. Denn die Fashion Week gewinnt nicht nur zunehmend an Popularität unter den Kreativen, sie hatte dem Fachpublikum auch einige Höhepunkte zu bieten.
Einer davon war die Laufstegshow von Anja Gockel. Die Kleider der Mainzer Designerin strahlten in Rot und Magenta und, was alle potentiellen Käuferinnen freuen dürfte: Die farbenfrohe Kollektion ist sogar alltagstauglich. So gab es Abendroben, die von Gockel zusätzlich lediglich mit Schleppen ausstaffiert waren. Und so passte die Mode tatsächlich zum Motto von Gockels Show, "The Real Life Of Angels". "Ich meine die echten Engel des Alltags - die starken Frauen von heute", erklärte die Designerin. Für solche Alltagsmode schickte Gockel denn auch ein Alltagsmodel über den Laufsteg: Sara Nuru, Gewinnerin der vierten Staffel der Pro-Sieben-Sendung "Germany's Next Topmodel".
Ebenfalls alltagstauglich präsentierte sich Hugo Boss - vor allem mit seiner neuen Freizeit-Marke Boss Orange: Jeansgarderobe mit Anklängen an die Kleidung der Hippie-Ära. "Ich wollte es ganz entspannt machen", erzählte Chefdesigner Eyan Allen. Ein Anspruch, den die Kollektion des Briten zweifellos erfüllte: Allen schickte seine männlichen Models mit ausgewaschenen Chino-Hosen, Jeansmänteln und Streifen-Shirts auf den Laufsteg, während die Frauenmode hauptsächlich aus fließenden Kleidern, Paillettten-Leggins, und knappen, pinkfarbenen Overalls bestand. "Orange ist die raue, unpolierte Seite von Hugo Boss", befand Claus-Dietrich Lahrs, Vorstandschef des Unternehmens. Vielleicht um diesen Aspekt zu unterstreichen, gab es für die 1200 Gäste keine Feinschmeckerkost - sondern ganz einfach gegrillte Würstchen und Bier.
Doch trotz Grillerei war die Boss-Show reinste Haute Cotoure - zumindest im Vergleich zur Veranstaltung von Eastpak: Die häufig nur als Rucksack-Hersteller wahrgenommene Modemarke hatte nämlich auf echte Models verzichtet und stattdessen Jugendliche aus sozialen Brennpunkten auf den Laufsteg geschickt. Ein Jahr lang hatten Eastpak und der Streetwork-Verein Gangway e.V. mit den Jugendlichen, die zum Teil sogar Hafterfahrung hatten, gearbeitet, um die Frühjahrs- und Sommerkollektion 2010 laufsteggerecht präsentieren zu können. Dem tosenden Applaus nach zu urteilen, hat sich die Arbeit gelohnt.
Zum ersten Mal präsentierte Wolfgang Joop auch die Kollektion seiner Modemarke "Wunderkind". Zwar nur mit einer kleinen Feier in seiner Boutique am Gendarmenmarkt, aber auch das war beachtlich: Noch zwei Jahre zuvor hatte Joop die Fashion Week als "forcierte Aktion" bezeichnet. Eine Teilnahme lehnte er damals als möglicherweise imageschädigend ab. Es hat sich viel getan in Berlin. mit dpa
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