„Tut mir leid, du bist ein bisschen zu jung für uns“, sagt sie zu einem Mädchen, das siebzehn, achtzehn sein mag, aber wie eine Vierzehnjährige aussieht. „Komm doch in zwei Jahren noch mal vorbei.“ Die Nächste, mit einem noch nicht sonderlich routiniertem Hüftschwung, hat ebenfalls kein Glück beim Catwalk. Der führt in diesem Fall nur über fünf Meter Veloursteppichboden, die diagonal zwischen Kleiderständern und High-Heel-Stapeln liegen. Es ist gerade Casting in einem Hotel an der Friedrichstraße. „Du bist zu dünn für uns“, sagt Claudia Effenberg und schiebt auch dieses Mal fast verlegen eine Entschuldigung hinterher: Die zu zeigenden Kleider seien eben für weiblichere Frauen gedacht.
Claudia Effenberg ist pünktlich zur Fashion Week in Berlin eingetroffen. Aber nicht, um Mode zu gucken. Sondern um Mode zu zeigen. Ihre eigene – Couture, die in Kooperation mit der Designerin Christina Duxa entstanden ist. Am Mittwochabend wird sie im Hotel Adlon präsentiert.
Wie Claudia Effenberg haben sich schon diverse Prominente an einer eigenen Modelinie oder zumindest einer einmaligen, selbstverständlich streng limierten Kollektion versucht.
Victoria Beckham kreierte zunächst Jeans, dann Parfüm. Seit 2008 entwirft sie unter eigenem Namen erfolgreich eine elegante High-End-Kollektion, ihre Kleider werden von Moderedakteurinnen gepriesen.
Faire Mode entwarfen kurzzeitig Natalie Portman (vegane Schuhe für Té Casan) und Emma Watson (öko-korrekte Shirts, People Tree).
Penelope Cruz (Mango) und Kate Moss (Topshop) blieben im bezahlbaren Bereich, ebenso wie Sarah Jessica Parker mit Billigjeans für Bitten, Madonna mit Polyester-Träumen und Kylie Minogue mit Bademode bei Hennes & Mauritz. David Beckhams Unterwäsche gibt es bei H & M ab dem 2. Februar.
Lindsay Lohans Zusammenarbeit mit dem Haus Emanuel Ungaro war glücklos. Ihre Tätigkeit als kreative Beraterin währte nur eine Saison.
Justin Timberlake hat ein eigenes Streetwear-Imperium unter dem Namen William Rast.
Sienna Miller gründete zusammen mit ihrer Schwester Savannah Twenty8Twelve.
Chloe Sevigny gilt als Avantgardistin unter den Schauspielerinnen, sie entwirft für Opening Ceremony.
Gwen Stefanis quietschbuntes Label heißt L.A.M.B., sie ist auf New Yorks Fashion Week gern gesehen, ebenso Mary-Kate und Ashley Olsen, die die Schauspielerei für die Mode aufgesteckt haben und mehrere Label gründeten.
Heidi Klum hatte bei Birkenstock eine eigene Schuhlinie mit Strass und Fußbett. Auch Til Schweiger zeichnet für Bequemschuhe des Birkenstock-Unterlabels Footprints verantwortlich.
Berlin ist derzeit der Modeplatz Nummer 1 in Deutschland. Ab Mittwoch finden in der Hauptstadt direkt am Brandenburger Tor die Schauen der Mercedes-Benz Fashion Week statt, Groß-Messen wie die Bread & Butter und die Premium, kleinere Messen und nicht zuletzt Partys. Vier Tage lang dreht sich alles um Mode.
Weit über 200 000 Aussteller, Einkäufer, Journalisten und Modeaffine aus der ganzen Welt kommen halbjährlich in Berlin zusammen, Saison für Saison bringen sie mehr als 100 Millionen Euro in die Hauptstadt. Begonnen hat der neuerliche Aufstieg Berlins im Jahr 2003 mit der damals noch kleinen Premium-Messe, die Mode von jungen Designern im U-Bahn-Tunnel unter dem Leipziger Platz präsentierte.
Düsseldorf war bis vor ein paar Jahren die deutsche Mode-Stadt. Cpd (Collections Premieren Düsseldorf) hieß die einst größte Modemesse der Welt; im Jahr 2002 zählte sie mehr als 2 000 Aussteller. Im Februar findet sie ein letztes Mal auf dem Messegelände statt. Das neue Konzept, auf das die 1949 gegründete Igedo Company baut, heißt „The Gallery“ und feiert in dieser Woche in Berlin Premiere. Diese Messe konzentriert auf deutsche Designer. Sie findet zweimal jährlich statt: zunächst in Berlin und zwei Wochen später in Düsseldorf – auf dem Areal Böhler.
#gallery
Die Gattin des früheren Fußballers Stefan Effenberg hat ihre im Jahr 2010 erschienene Autobiografie „Eigentlich bin ich ja ganz nett“ genannt, und eigentlich geht es so nett und aufmunternd tatsächlich nur selten zu bei Castings. Die Models wissen, dass sie oft lange warten müssen, um dann in Sekunden abgelehnt zu werden. „Ich bin so froh, dass ich jetzt auf der anderen Seite stehe“, sagt Claudia Effenberg, die selbst gut zwanzig Jahre als Mannequin gearbeitet hat. „Ich weiß genau, wie die sich fühlen beim Casting. Dass ich jetzt nicht mehr denken muss: Oh Gott, ich hab zwei Kilo zu viel – das ist so entspannend!“
Und das hebt dann auch die Laune und fördert ganz erstaunlich die Gelassenheit. Zumal bei jemandem, von dem man aus früheren Fernsehauftritten weiß, dass er schon „die Motten“ bekommt, wenn er mit dem Zug von Berlin nach Hamburg fahren soll, weil kein Leihauto aufgetrieben werden konnte. Eben gab es zwar einen Moment, in dem sich Claudia Effenberg mit einem langgezogenen „Ommmm“ abregen musste, weil mancher nicht mal eine Viertelstunde auf sie warten will, wenn die Zeit allen Beteiligten davonläuft. Aber sämtliche Modelle sind längst fertig, das ist die Hauptsache. Fehlen nur noch das Fitting und Antwort die Frage, wem was am besten passt aus der Duxa/Effenberg-Debütkollektion.
Laut und nicht leise
Claudia Effenberg, Jahrgang 1965, trägt weiße Bluse und schwarzen Hosenanzug, das Jackett länger und lässig figurumspielend. Die kurzen Haare in Honigblond haben Stand, an den weiß-silbernen Turnschuhe sitzt ein bisschen Glitzer. Business-Look. Gefragt, wer ihre Inspiration, ihre Lieblingsdesigner seien, sagt sie: „Für mich sind das auch heute noch Roberto Cavalli und Dolce & Gabbana. Das ist eine Mode, die auch laut ist – und ich bin ja selbst nicht leise, um es mal nett auszudrücken. Das sind Sachen, die ein Bang! haben.“
Von einem solchen Bang! wird oft auch Claudia Effenbergs Erscheinen in der Öffentlichkeit begleitet. Die jährlichen Auftritte im Dirndl beim Oktoberfest, der obligatorische Zungenkuss mit ihrem Gatten Stefan Effenberg vor den Fotografen, der immer wieder das Ende aller gut in den Illustrierten verzeichneten Ehekrisen besiegeln soll. Die Teilnahme an Doku-Soaps auf RTL2, „Der Club der Ex-Frauen“, 2006, und „Effenbergs Heimspiel“, 2008, das in sechs Teilen die Haussuche des Ehepaars in München begleitete. Endlich, befand Claudia Effenberg seinerzeit, könne jeder sehen, wie normal diese Familie wirklich sei. Die Normalität führte den Zuschauer in diesem Fall allerdings in neureiche King-Size-Schlafzimmer und in Küchen mit einem Kroko-Imitat-Spritzschutz über der Spüle. „Sind Sie peinlich, Frau Effenberg?“ hat die Bild-Zeitung sie einmal gefragt und dazu genüsslich die Bilder mit herausgestreckter Zunge und dem „prallen Dekolleté kurz vorm Platzen“ aufgeblättert. Nein, hat sie der Zeitung geantwortet. Nicht peinlich, sondern lustig.
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