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10. November 2014

Feminismus in der DDR: Nicht meine Geschichte

 Von Katrin Gottschalk
DDR-Bürger protestieren vor der Volkskammer in Ostberlin im April 1990 gegen eine Übernahme des bundesdeutschen Abtreibungsgesetzes.  Foto: dpa

In der großen Erzählung des Feminismus in Deutschland wird ein Viertel des Landes immer wieder vergessen – dabei gibt es aus der DDR einiges zu erzählen.

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Für einen Moment war die Aufregung groß: Unter dem Hashtag #EMMAistfürmich versammelte sich vergangene Woche auf Twitter die geballte Kritik vieler Feministinnen an dem Magazin, das Alice Schwarzer 1977 gegründet hat. „Emma“ sei für sie vor allem bevormundend, rückschrittlich und rassistisch. Das kann ich alles unterschreiben. Doch dieses unbedingte Sich-Abgrenzen-Müssen ist mir fremd. Warum sich an einer Frau abarbeiten, die in dem Land, aus dem ich komme, überhaupt keine Rolle gespielt hat?

Als 1989 die Mauer fiel, waren die bedeutenden Tage Alice Schwarzers gezählt, lange vorbei die von ihr initiierte Aktion „Ich habe abgetrieben“ auf der Titelseite des „Stern“. Hatte sich dadurch eigentlich etwas an Paragraf 218 geändert? Die Indikationsregelung kam, die Frauen etwa dann eine Abtreibung ermöglichte, wenn die Geburt eines Kindes ein gesundheitliches Risiko für die Mutter darstellt. „Mein Bauch gehört mir“ sieht anders aus.

Die Fristenregelung für einen Schwangerschaftsabbruch, wie wir sie heute kennen, tritt 1995 in Kraft – nicht zufällig also eine kurze Zeit nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung. Die Regelung ist unbefriedigend, weil der Abbruch rechtswidrig bleibt, aber immerhin steht er jetzt allen Frauen innerhalb der ersten drei Monate einer Schwangerschaft zu. Immerhin – das gilt für die westdeutschen Frauen. Für die ostdeutschen ist die Regelung ein Schritt zurück.

In der DDR konnten Frauen seit 1972 über ihren Bauch bestimmen – legal. Als in den Jahren 1989 und 1990 die Wiedervereinigung der beiden deutschen Länder in Gang kam, änderten die ostdeutschen Frauen ziemlich schnell die Gründe ihres Protests: Gingen sie erst gegen die Diktatur der SED auf die Straße, waren es nun die Gesetze der alten Bundesrepublik.

„Wiedervereinigung hieße in der Frauenfrage drei Schritte zurück – es hieße überspitzt gesagt: Frauen zurück an den Herd. Es hieße: wieder kämpfen um das Recht auf Arbeit, kämpfen um einen Platz im Kindergarten, um die Schulspeisung. Es hieße, vieles mühsam errungene aufzugeben, statt es auf eine neue qualitative Stufe zu heben.“

Das ist ein Auszug aus dem Manifest „Ohne Frauen ist kein Staat zu machen“ des Unabhängigen Frauenverbandes (UFV) der DDR. Gegründet wurde der UFV mit einem großen Fest in der zum Bersten gefüllten Berliner Volksbühne am 3. Dezember 1989 – ein Jubiläum, das gerade unter Feministinnen dieses Jahr endlich ordentlich gefeiert werden sollte. Das hier ist ostdeutsche Geschichte und es ist traurig, dass junge Ostdeutsche kaum etwas darüber wissen: Doch es gab eine Frauenbewegung in der DDR.

Das Gedächtnis der Frauenbewegung

Sie begann Anfang der 1980er Jahre mit den Frauen für den Frieden, denen etwa die bekannten Bürgerrechtlerinnen Bärbel Bohley und Ulrike Poppe angehörten. Letztere gründete übrigens 1981 den ersten alternativen Kinderladen in Ost-Berlin. Solche Versuche gab es auch. Eine andere starke Gruppe waren die Lesben in der Kirche, deren Mitglied Samirah Kenawi bis heute etwas unfassbar Großes geschaffen hat: Das kleine Archiv „Grauzone“ im Prenzlauer Berg ist das Gedächtnis der Frauenbewegung der DDR.

Dort finden sich viele Dokumente des Aufbruchs. Frauen in allen Teilen der DDR, die ihr Land kritisieren und es reformieren wollen. Etwas gerät in Bewegung. Wer heute sagt, in der DDR seien Frauen gleichberechtigt gewesen, macht genau diese kämpferischen Aktivistinnen unsichtbar.

Und dann fällt die Mauer und bisherige Selbstverständlichkeiten werden in Frage gestellt. Etwa das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch. Oder das Recht auf Kinderbetreuung. Erst seit 1996 gibt es in der Bundesrepublik einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für Kinder ab drei Jahren, erst seit 2013 für Kinder ab dem ersten Lebensjahr. Für einen Teil Deutschlands war das alles schon einmal Normalität.

So viele Jahre nach dem Fall der Mauer zeigt sich noch immer besonders in Geschlechterfragen der drastischste Unterschied zwischen West- und Ostdeutschen. 88 Prozent der ostdeutschen Frauen denken, dass es besser für das Kind sei, wenn die Mutter arbeiten geht – in Westdeutschland stimmen dieser Aussage nur 69,8 Prozent der Frauen zu.

Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern beträgt in Ostdeutschland 8 Prozent, in Westdeutschland dagegen 23 Prozent. Das liegt sicher auch daran, dass Menschen in Ostdeutschland generell weniger verdienen, als ihre Kolleginnen und Kollegen in Westdeutschland.

Menschen, die sich schon einmal ansatzweise mit der DDR auseinander gesetzt haben, muss dieses Herunterbeten der unterschiedlichen Rechtslagen für Frauen reichlich auf die Nerven gehen. Es nervt ja auch. Auf eine Art. Aber irgendwie muss es nach 25 Jahren auch immer noch sein.
Weil noch heute die Töchter erklären müssen, dass sie keinen Schaden davon getragen haben, weil ihre Mütter nach nur wenigen Monaten wieder arbeiten gegangen sind. Weil der Schwangerschaftsabbruch de facto immer noch illegal ist.

Es geht nicht darum zu sagen, dass in der DDR geschlechterpolitisch alles besser gewesen wäre. Dass dem nicht so ist, zeigen die Forderungen der ostdeutschen Frauenbewegung. Aber was wären wir heute weiter, hätte die alte Bundesrepublik mit der Wiedervereinigung nicht doch ein paar der vorteilhaften Gesetze der DDR übernommen!

Zeugnisse für die Mehrfachbelastung der Frauen

Wer sich alte Briefe an den UFV anschaut, findet viele Zeugnisse für die Mehrfachbelastung der Frauen: Kinder haben, Vollzeit arbeiten gehen und dann noch einen Großteil der Hausarbeit erledigen. Das ist einfach anstrengend. Da hätte man schon vor 25 Jahren dran arbeiten können – dann wären wir vielleicht schon jetzt bei der 32-Stunden-Woche für Eltern. Ein Vorschlag der Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), die aus Ostdeutschland stammt.

Frauen in der DDR haben unter der Belastung durch Vollzeitarbeit und Familie auch gelitten – etwa deshalb, weil die Ehemänner trotzdem viel weniger im Haushalt gemacht haben. Das ändert aber nichts daran, dass die arbeitende Mutter fest zum Selbstbild der DDR-Frauen gehört hat. 92 Prozent der Frauen sind 1989 in der DDR arbeiten gegangen. Und es hat auch dazu gehört, dass es Frauen in „typisch männlichen“ Berufen gegeben hat.

Meine Mutter hat in Dresden Maschinenbau studiert und war später in ihrem Betrieb die erste Ingenieurin. Wie mein Vater und so viele andere auch wurde sie nach der Wiedervereinigung arbeitslos – und musste sich vor einem westdeutschen Beamten auf dem Arbeitsamt für ihre Berufswahl erklären. Heute hat sie einen guten Job, aber keinen mehr als Ingenieurin.

Das ist auch ein Erbe der Wiedervereinigung: die ostdeutschen Frauen wurden nach der Arbeitslosigkeit in „frauentypische“ Berufe gedrängt. Die gab es auch in der DDR – zum Beispiel arbeiteten bedeutend mehr Frauen in der Textilbranche oder als Erzieherinnen. Es gab nicht nur Kranfahrerinnen. Aber es gab sie eben auch, schon damals.

Entwertung von Frauenbiografien

Unterm Strich sind in den 90er Jahren also gesamte Frauenbiografien entwertet worden – die Berufe, die gewählt wurden, die Art der Kindererziehung, der selbstbestimmte Umgang mit Sexualität. Ja, sagen Westdeutsche dann immer, das waren alles Geschenke der SED, Errungenschaften von oben. Das stimmt sehr wohl, aber als die Ostdeutschen und eben auch ihre Frauen in der Zeit um 1989 gerade richtig gut dabei waren, sich mehr Rechte zu erkämpfen oder einfach darum kämpften, ihre einst selbstverständlichen Rechte nicht zu verlieren, waren es die Politik und Gesellschaft der alten Bundesrepublik, die sie ziemlich schnell und ziemlich deutlich in die Schranken wiesen.

Es passierte, was im Manifest des Unabhängigen Frauenverbandes befürchtet wurde: Die Wiedervereinigung bedeutete für die Frauen aus Ostdeutschland drei Schritte zurück in der Frauenfrage. Umso bedauernswerter ist es, dass selbst die westdeutschen Feministinnen den ostdeutschen nicht die Hand reichen konnten. Der erste Ost-West-Frauenkongress 1990 endete in einem Desaster. Die ostdeutschen Frauen fühlen sich bevormundet, die westdeutschen können es nicht fassen, dass „die von drüben“ sich lieber als Lehrer anstatt Lehrerin bezeichnen. Die ostdeutschen Frauen ziehen sich mit der Wiedervereinigung aber auch zunehmend wieder zurück – Massenarbeitslosigkeit und die Vereinzelung in der freien Marktwirtschaft kosten Zeit und Kraft. Eine Zeit der Anpassung und des Verstummens beginnt. Das Beste, was für mich von den Feierlichkeiten zu 25 Jahren Mauerfall bleiben wird, sind die vielen persönlichen Geschichten, die jetzt in dessen Rahmen erzählt wurden und hoffentlich noch lange weiter erzählt werden.

Deutsche Geschichte ist keine westdeutsche Geschichte. Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland ist keine westdeutsche. Wer das verstanden hat, versteht auch, warum es genauso wichtig ist, Geschichte auch nach den Geschichten von Menschen anderer Hautfarbe, anderer Religionen, anderer sexueller Orientierungen und vieler anderer deutscher Identitäten, die nicht der eigenen entsprechen, abzuklopfen.

25 Jahre Mauerfall müssen vor allem ein Bekenntnis zu gesellschaftlicher Vielfalt sein – damit die Protestierenden von damals noch heute gehört werden und andere, die jetzt ihre Stimme erheben, auch deutlich vernommen werden. Dazu gehört für mich auch, Frauen etwa nicht vorschreiben zu wollen, ob sie ein Kopftuch tragen dürfen oder nicht. Das wissen sie selbst am besten. Von daher: #EMMAistfürmich nicht meine Geschichte.

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