Herr Held, am Mittwoch haben russische Behörden erstmals bestätigt, dass es in den radioaktiv verseuchten Gebieten schon seit Juli brennt. Wussten Sie davon?
Wir wussten nicht immer, in welchem Umfang es dort gebrannt hat, aber dass etwa in dem Gebiet rund um Tschernobyl Feuer wüteten, das wussten wir. Die Brände waren flächenmäßig nicht sehr groß, aber man konnte sie auf Satellitenbildern sehen.
Was passiert, wenn radioaktiv belasteter Boden brennt?
Wenn die Gebiete brennen, können radioaktive Partikel in die Atmosphäre gelangen und Tausende Kilometer weit getragen werden. Gestern wurde Rauch aus Russland in Kanada gemessen.
Woher wissen Sie, dass es russischer Rauch war?
Wir arbeiten mit dem Forest Center in Kanada zusammen. Es waren nur geringe Konzentrationen, aber die Kanadier konnten anhand von Windströmungen und Wetterkarten nachweisen, dass sie aus Russland waren.
Also könnten doch auch eine radioaktive Wolke nach Kanada oder Westeuropa gelangen?
Wie viel von dem potenziellen Restmaterial freigesetzt wird, ob es direkt in der Region ausfällt oder Tausende Kilometer weiter getragen wird, das ist schwer zu beantworten. Es gibt ein Rechenmodell, das mit dem Worst-Case-Szenario operiert, dass die Gebiete um Tschernobyl komplett abbrennen, was eine hohe Belastung nach sich ziehen würde. Aber es gibt auch Modelle, die prognostizieren, dass selbst im schlimmsten Fall die Belastung durch radioaktive Partikel unter dem kritischen Bereich liegt.
Wo beginnt denn der kritische Bereich?
Ich beziehe mich da auf Werte, die das Bundesamt für Strahlenschutz angibt. Bislang heißt es, alle Werte, die durch so einen Rauch erreicht werden können, lägen unterhalb des kritischen Bereichs. Aber nun werden Zweifel laut, ob für die Berechnungen nicht falsche Ausgangswerte genommen wurden. Von daher kann man keine seriösen Aussagen treffen. Und was die Radioaktivität betrifft: die russischen Stationen messen bislang angeblich nichts.
Hierzulande besteht laut Bundesamt für Strahlenschutz keine Gefahr. Wie schätzen Sie die Belastung für die Menschen in den brennenden Gebieten ein?
Man kann ganz sicher sagen, dass die Belastung in der Region als viel, viel ernster einzustufen ist als hier in Deutschland. Vor allem für die Einsatzkräfte, die dem Rauch ausgesetzt sind, ist die Belastung durchaus bedenklich.
Herr Held, Sie gehören zur Arbeitsgruppe Feuerökologie am Max-Planck-Institut in Freiburg. Ihr Kollege Professor Johann Goldammer ist derzeit in Moskau. Was macht er dort?
Er wurde angefordert von der russischen Forstverwaltung und des Katastrophenschutzministerium, um sie bei der Brandbekämpfung zu beraten.
Sind Ihrer Ansicht nach atomare Anlagen durch die Brände gefährdet?
Das ist auch ein heikles Thema. Natürlich stehen da atomare Anlagen, aber was das Feuer damit anrichten könnte, ist Spekulation. Auch hier gilt: Wer nicht unseriös erscheinen will, muss zugeben, dass man zu wenig weiß.
Alexander Held, 35, arbeitet am Global Fire Monitoring Center am Max-Planck-Institut Freiburg.
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