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Geschichten aus 100 Jahren Babelsberg: "Po ist nicht schlecht, aber brauchen wir nicht ein Gesicht"?

Blaue Engel, wilde Drachen. In den Studios von Potsdam-Babelsberg wurden Weltstars geboren und Illusionen produziert. Sechs Film-Geschichten aus einem Jahrhundert Traumfabrik.

Marlene Dietrich - einer der großen Stars, die in Babelsberg entdeckt wurden. Vor dem Casting zu "Der Blaue Engel" meinte ein Assistent über die Dietrich: „Der Popo ist nicht schlecht, aber brauchen wir nicht auch ein Gesicht?“  Foto: dpa/dpaweb

Die Eisenträger, die das erste Filmatelier auf dem Studiogelände in Potsdam-Babelsberg zusammenhielten, wurden nicht genietet, sondern lediglich verschraubt. So war gewährleistet, dass das Gebilde jederzeit demontiert und andernorts wieder aufgebaut werden konnte. Darauf hatte Guido Seeber, der technische Leiter der Berliner Filmfirma Bioscop, geachtet, als er die Konstruktion eines möglichst leichten und transparenten Gebäudes in Auftrag gab. Am 12. Februar 1912 begannen in diesem sogenannten Glashaus die Dreharbeiten für den Film „Der Totentanz“ mit der dänischen Diva Asta Nielsen.

Der kinematografische Wintergarten stand an diesem Ort länger als gedacht. Schon bald wurde er „kleines Glashaus“ genannt, weil nebenan ein größeres entstand. Die Filmproduktion hatte sich im brandenburgischen Sand festgesetzt – als kontinuierliches Provisorium. Denn die Welten, die in den Studios entstehen, sind flüchtig. Im Moment, da sie das Publikum auf der Leinwand zu sehen bekommt, haben sie längst aufgehört zu existieren.

Besenrein an den nächsten Regisseur übergeben

Besenrein werden die Studios an den nächsten Regisseur übergeben, der sich mit dem Filmarchitekten daranmacht, einen Kosmos nach seiner eigenen Vorstellung zu kreieren. In diesem unermüdlichen Schöpfungsakt liegt das Wunder des Kinos begründet.

„Die Weltelemente werden in umfänglichen Laboratorien an Ort und Stelle erzeugt“, schrieb der Kritiker Siegfried Kracauer 1926 nach einem Besuch in Babelsberg. „Man richtet die Stücke einzeln her und schafft sie an ihren Platz, wo sie geduldig stehen bleiben, bis man sie wieder abreißt.“ Daran hat sich nichts geändert.

Video zum Thema

Aus ihrem szenischen Kontext gelöst, der sich letztlich ja nur im Auge des Zuschauers herstellt, wirken die Kulissen manchmal regelrecht erbärmlich. Da ist der Eingang zu 10 Downing Street, dem Sitz des britischen Premiers. Im Film „Ghostwriter“ kommt Pierce Brosnan naturgemäß in London aus dieser Tür. In Wirklichkeit steht das Fassadenteil an der Bordsteinkante einer Werksstraße auf dem Studiogelände und wird lediglich mit ein paar Latten aufrecht gehalten.

Die Illusion funktioniert immer

Es ist logisch, dass die Szene nicht am Originalschauplatz gedreht wurde. Doch spielt die Logik im Augenblick des Betrachtens keine Rolle. Es ist erstaunlich, dass der Trick der alten Illusionisten immer wieder funktioniert.

Andersherum gedacht ist es unmöglich, sich vorzustellen, dass in der großen Mittelhalle des Studios ein Film wie „Metropolis“ entstanden ist. Mit seinen nackten Ziegelwänden ähnelt das Haus eher einem Straßenbahndepot. Aber irgendjemand hat auch heute die Welt von morgen schon im Kopf.

Nun wird in dieser Halle, die inzwischen Marlene Dietrichs Namen trägt, die große Gala zum Jubiläum des Studios ausgerichtet. Die Berlinale feiert mit. In der Reihe „Happy Birthday Studio Babelsberg“ werden zehn Filme aus hundert Jahren gezeigt. #

Lesen Sie sechs Filmgeschichten rund um die Babelsberg-Studios in unserer Textgalerie!

Foto: picture-alliance / dpa
Produktion für den Giftschrank

Als der Brigadier Balla das Signal gibt: „Hosen runter“, entsteht eine der amüsantesten und zugleich folgenreichsten Szenen, die bei der Defa gedreht wurden. Es ist ein heißer Sommertag, auf der Baustelle läuft eine sozialistische Großkundgebung, die „Ballas“ haben es vorgezogen, abseits ein paar Bierchen zu trinken, dann gehen sie im Stadtteich baden. Nackt. Ein Polizist ruft sie zur Ordnung und landet unter Gejohle in dem Teich.

Der Film heißt „Spur der Steine“, Ende 1966 läuft er im Berliner Kino International.

Als der Polizist unfreiwillig baden geht, fordern Stimmen aus dem Publikum, „den Regisseur einzusperren“. Manfred Krug, dem Darsteller des wilden Zimmermanns Balla, rufen sie zu: „Geh endlich arbeiten, du Schwein.“ Der Parteiführung passt der Film nicht, der ungeschönt von Helden und Feiglingen im sozialistischen Arbeitsalltag und ihren Konflikten auf einer Großbaustelle erzählt. Doch anders als eine halbe Jahresproduktion der Defa von 1965, die nach dem berüchtigten 11. Plenum der SED gleich verboten wird und im Giftschrank landet, kommt „Spur der Steine“ zunächst in die Kinos. Man setzt auf die „Stimme des Volkes“, das hatten schon die Nazis Anfang der 30er-Jahre so gemacht, als der amerikanische Film „Im Westen nichts Neues“ in Deutschland lief und sie ihn niederbrüllen ließen.

Nach einer Woche bestellter Krakeelereien wird „Spur der Steine“ abgesetzt. Der Regisseur Frank Beyer darf viele Jahre nicht mehr in Babelsberg drehen, er wird in ein Provinztheater abgeschoben. Manfred Krug kriegt nie wieder solch eine Rolle, später geht er in den Westen. Erst nach der Wende kommt der Film wieder ins Kino. Die Badeszene wurde übrigens nicht in Babelsberg, sondern im sächsischen Coswig gedreht. Der Teich ist längst trockengelegt, heute liegt dort der Marktplatz der Stadt.

Thomas Leinkauf

Autor:  Frank Junghänel
Datum:  11 | 2 | 2012
Kommentare:  1
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