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31. März 2014

Fischer in Palästina: Der göttliche Fang von Gaza

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Ein Fischer in Gaza findet sich eine Bronzestatue von dem griechischen Gott Apollo.  Foto: REUTERS

Die unglaubliche Geschichte einer Apollo-Statue von unschätzbarem Wert, die einem palästinensischen Fischer ins Netz ging und Hamas-Militanten jetzt als Faustpfand dient. Die Bronzestatue ist 1100 bis 1500 Jahre alt und zwischen 20 und 100 Millionen Dollar wert.

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Vielleicht steht der Gott irgendwo in Gaza in einer Besenecke, eingewickelt in alte Decken. Genauso gut kann sein, dass er gut vermummt in einer Kiste liegt, so lang und breit wie ein Sarg. Sein genaues Versteck kennen nur die engsten Eingeweihten, hochrangige Mitglieder aus den Kassem-Brigaden, dem bewaffneten Flügel der Hamas. Und die sind Experten in klandestinem Vorgehen. Von antiken Kunstschätzen allerdings haben sie vermutlich null Ahnung.

Auch das könnte dem Apollo schlecht bekommen, der angeblich vor gut einem halben Jahr vor der Küste des Gazastreifens einem Fischer ins Netz ging. „Ein Sensationsfund“, mutmaßen namhafte Archäologen anhand von Fotos, auf denen der griechische Gott der Musen in Jünglingsgestalt mit lockigem Haarkranz abgebildet ist. Sein Alter wird auf 1100 bis 1500 Jahre geschätzt, sein Wert laut einschlägigen Kunsthändlern auf 20 bis 100 Millionen Dollar.

Kleine Apollo-Statuen aus Bronze gibt es viele, aber nicht in Lebensgröße. Leibhaftig gesehen haben die Wenigsten die mit grüner Patina überzogene Skulptur. Denn so unversehens wie sie auftauchte, ist sie von der Bildfläche verschwunden – geraubt, gekidnappt oder auch nur „in Gewahrsam“, wie Vertreter der Hamas-Regierung glauben machen möchten.

Die Geschichte beginnt am 16. August 2013. Es ist ein heißer Freitagvormittag und Juda Abu Ghurab schwimmt mit einem Netz hundert Meter raus, um Seebrassen zu fangen. Seitdem er seine Arbeit als Bauarbeiter verloren hat, versucht der 26-jährige Palästinenser öfters, auf diese Weise ein Zubrot zu verdienen. Seine bevorzugte Stelle ist ein Küstenabschnitt direkt vor Dir al-Balah, wo Ghurab mit seiner Frau und den zwei kleinen Söhnen in einer ärmlichen Behausung lebt. Aus dem sandigen Meeresgrund ragen dort kantige Felsen.

Ein unglaublicher Fund

„In den Spalten tummeln sich oft kleine Fische“, weiß Ghurab aus Erfahrung. Als er zum letzten Mal in das vier Meter tiefe türkisklare Wasser taucht, um das Netz einzuziehen, trifft ihn der Schock. Plötzlich sieht er eine Hand, dann einen Oberkörper, der untere Teil steckt im Sand. „Auf den ersten Blick dachte ich, eine Leiche.“ Aber als er sie berührt, fasst er an Metall.

Seine Cousins fischen in einiger Entfernung. Aufgeregt ruft Ghurab sie herbei. Den Fundort erneut zu lokalisieren, entpuppt sich als schwierig. „Zwei Stunden bin ich immer aufs Neue runtergetaucht, bis ich die Stelle wieder hatte.“ Noch mühsamer ist es, die fast 450 Kilo schwere Statue hochzuhieven. Doch die Männer scheuen keine Anstrengung. „Das Ding hat im Wasser so geschimmert, ich hielt es für Gold“, berichtet Ghurab und streicht sich über seinen kurz gestutzten Vollbart.“

Sie vertäuen die Skulptur an Seilen und bringen sie im Schleppzug mit Booten an den Strand. Dutzende Male hat Ghurab seit jenem denkwürdigen Tag das Abenteuer vom „Fang seines Lebens“ geschildert. Journalisten aus aller Welt sind über die staubige Piste nach Dir al-Balah, gelegen im Zentrum des Gazastreifens, gefahren, um von ihm persönlich zu hören, was an jenem August-Tag geschah. Nicht jeder nimmt ihm seine Story ganz ab. Mehr als zwei unscharfe Fotos auf einem abgegriffenen Handy, die den Apoll umringt von seinen Kumpels zeigen, sind Ghurab auch nicht geblieben. Aber noch heute ist ihm jedes Detail gegenwärtig.

Die Apollostatue.  Foto: picture alliance / landov

Etwa der Schreckensschrei seiner Mutter, als sie mit der Apollo-Statue auf dem Eselskarren zu Hause ankamen. „Haram“, rief sie beim Anblick des nackten Mannsbilds aus. Der Vater riet, ihm zumindest eine Unterhose überzuziehen. Körperliche Zurschaustellung gilt im Islam als Sünde. Ghurabs Bruder holte derweil einen Hammer herbei, um von der Hand der Skulptur, der eh, so Ghurab, zwei Glieder fehlten, den Daumen und den kleinen Finger abzuschlagen. Ein Edelmetallhändler sollte daran prüfen, ob sich ein Einschmelzen lohnen würde. Dass sie eine archäologische Entdeckung von schier unermesslichem Wert an Land gezogen hatten, ahnte keiner.

Doch sicherheitshalber verständigte die Familie einen Verwandten mit guten Verbindungen zum bewaffneten Arm der Hamas. Noch in der Nacht holten seine Leute den Apollo ab und schafften ihn nach Beit Lahia in den Norden des Gazastreifens. Elektrisiert reagierten auch die Behörden von Hamas-Premier Ismael Hanija. Der heidnische Gott aus dem griechischen Olymp, so hoffte man dort, könnte als magischer Türöffner zum Westen dienen.

Wer bekommt die Statue?

Denn international unterliegt die Hamas als Terrororganisation einem Kontaktverbot, verhängt von Israel, USA und EU nach dem Putsch der Islamisten vor sieben Jahren in Gaza. Der Louvre in Paris soll auch zunächst Interesse bekundet haben, den Bronzegott zu konservieren und als Leihgabe auszustellen. Aber das Museum hat dann doch abgewinkt. Der Fall ist zu brisant, als dass die französische Regierung dafür grünes Licht gäbe.

Mittlerweile verweigert auch das Hamas-Ministerium für Tourismus und Antiquitäten jeden Interviewwunsch. Zu gegebener Zeit, heißt es dort lapidar, werde man die Statue nach erfolgter Restauration den Medien präsentieren. Palästinenser, die sich in Archäologie auskennen, halten das für keine gute Nachricht. Bedeutende Antikenstätten gibt es zwar in Gaza – schon vor mehr als tausend Jahre vor Christi führte die „Weihrauchstraße“, die wichtigste Handelsroute von Ägypten in die Levante, entlang des damals von Philistern beherrschten Küstenstreifens.

Doch unter der Hamas sind die Ruinen völlig verkommen. Der Ausgrabungsort Anthedon zum Beispiel, die erste Hafenstadt von Gaza, in der Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen und Römer Halt machten, dient den Issedin-Brigaden heute als Schießübungsplatz. Zutritt verboten. Das mit Lehm und Sand zugeschüttete Gelände wird von Militanten streng bewacht.

Kein Geheimnis ist, dass auch sie überall im Gazastreifen buddeln – allerdings eher, um unterirdische Schächte und Bunker für die nächste militärische Eskalation mit Israel auszuheben. Gut möglich, dass die Ausgräber-Brigaden der Hamas dabei auf den Apollo stießen. Experten jedenfalls hegen Zweifel, dass die Bronzestatue wirklich für lange Zeit im Mittelmeer versunken war. Sonst, meint Fadel al-Utehl, müssten typische Spuren wie Krustenbildung oder vom Salzwasser angefressenes Metall zu erkennen sein. Al-Utehl verwaltet die Sammelstelle für archäologische Funde in Gaza-City, die der Ecole Biblique, einem französischen Archäologieinstitut in Jerusalem, gehört.

Das Lager ist eine rumpelige Schatzkammer, um die sich außer ihm niemand kümmert. Gaza ist humanitäres Krisengebiet, für Kulturerhaltung gibt es kaum Mittel. An den Wänden aus Rohbeton stapeln sich die Kartons voller Tonscherben und Mosaikteilen bis unter die Decke. Jede Menge bauchiger Wasserkrüge und uralter Ölkaraffen in Drahtkorsetten füllen den schummrigen Raum. Al-Utehl setzt sie in mühseliger Arbeit zusammen, soweit er das alleine schafft. „Es ist höchst bedauernswert“, seufzt er mit Ärger in der Stimme, „dass all die wunderbaren Funde an diesem ungeeigneten Ort verstauben.“

Die erhoffte Belohnung

Er ist kein studierter Archäologe, aber hat in zwanzig Jahren und ebenso vielen Ausbildungsgängen ein enormes Wissen erworben. Schon deshalb lässt er sich in Sachen Apollo nicht für dumm verkaufen. Er glaube zwar, dass die Statue in Gaza gefunden wurde. „Aber die Story drum herum ist fabriziert.“ Kann man ein solches Urteil auf Basis eines Fotos fällen? „Ach was“, platzt es aus al-Uthel heraus, diesem vom Naturell aus eher scheuen Mann. „Ich habe die Statue mit eigenen Augen gesehen.“ Im Oktober sei das gewesen, als Hamas-Leute sie verkaufen wollten.

Das scheint ihnen freilich nicht geglückt zu sein. Seit dem Militärputsch in Kairo ist der Gazastreifen auch von ägyptischer Seite verriegelt. Die meisten Schmuggeltunnel zum Sinai hin sind bis auf ganz wenige, sehr enge dicht. Überdies dürfte es selbst auf dem Schwarzmarkt schwer sein, ein solch einzigartiges Kulturerbe zu verhökern. Und wie schließlich wollte ihr jetziger Besitzer, eine Hamas-Größe, die Insider sogar beim Namen nennen, sicherstellen, dass am Ende nicht die Ägypter den Apollo an sich reißen, wenn er raus aus Gaza wäre?

Das alles spricht dafür, dass der Griechengott noch in Gaza ist, als Faustpfand in Händen der Hamas. Ghurab, der die Skulptur aus dem Wasser fischte, wird auf die erhoffte Belohnung warten müssen. So wie das kunstinteressierte Publikum auf das Bestaunen eines lebensgroßen Apolls.

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