Am Ende des fast dreistündigen Gottesdienstes in der Kirche "Ministério Flordelis" werden die Kinder nach vorne gerufen. Sie formieren sich auf den sieben Stufen aus weißem Marmor, die auf die Bühne führen. "Das ist die Freude, die uns der Herr schenkt, wir sind die fröhlichsten Menschen der Welt", frohlockt eine Gospel-Sängerin. Sie animiert die Kinder singend zum Mitmachen - halb Gymnastik, halb Gebet. Und mittendrin: Flordelis dos Santos. Die Gemeinde ist entzückt, ihre "Pastora" dort zu sehen, wo sie sie am liebsten sieht - inmitten von Kindern. Denn Flordelis und die Kinder, sie sind das Markenzeichen dieser Kirche.
Eine Viertelstunde später sitzt Flordelis dos Santos in ihrem klimatisierten, fast tiefgekühlten Büro. Es ist kurz vor 23 Uhr, und im Schein des kalten Neonlichts ist deutlich zu sehen, wie abgespannt die 48-Jährige ist. Aber sie erzählt tapfer ein weiteres Mal ihre Geschichte, die anrührende Geschichte einer Frau, die sich um 50 Kinder kümmert, darunter vier eigene, die übrigen holte sie von den Straßen der Armenviertel Rio de Janeiros. Brasilianische Medien nannten sie einmal die "Mutter Brasiliens". Der quasi-dokumentarische Film über das Leben der Super-Mutter erhielt in Brasilien überschwängliche Kritiken, in den USA und in Europa soll "Flordelis dos Santos" bald in die Kinos kommen.
Flordelis dos Santos, 48, ist in den Armenvierteln von Rio de Janeiro aufgewachsen. Die Gospel-Sängerin und Kirchen-Gründerin hat vier eigene Kinder und 46 adoptiert - die meisten von ihnen Straßenkinder. Einige sind bereits außer Haus, aber 44 leben noch mit ihr.
Der Film "Flordelis dos Santos" erzählt ihre Geschichte. Brasilianische Medien feiern den quasi-dokumentarischen Film. (fr)
Die Super-Mama mit den dunklen Haaren stammt selbst aus einer Favela in Rio. Ihr Vater malte Blumen und Engel an Kirchendecken, den Vornamen seiner Tochter fand er in der Bibel: Flor de Lis, die Lilie. Sie arbeitete als Lehrerin, später als Verkäuferin. Das erste von vier eigenen Kindern bekam sie mit 18. "Ich habe erst fünf Kinder aufgenommen, und dann 37 auf einen Schlag, 14 davon Säuglinge", erzählt sie, als sei es das Normalste der Welt. Die 37 Jungen und Mädchen kamen 1994 zu ihr - sie waren Straßenkinder, die am Bahnhof von Rio herumlungerten und beinahe Ziel eines Mordanschlages geworden wären. Einige der Kinder hatten erst im Jahr zuvor das Massaker an der Candelária-Kirche überlebt. Damals hatten Polizisten acht Straßenkinder erschossen.
Angst habe sie nie gehabt, sagt Flordelis dos Santos. Sie habe stets auf ihren Glauben vertraut, wenn sie nachts durch die Favelas gestreift ist, um mit den Straßenkindern zu sprechen; wenn sie mit Drogenhändlern gefeilscht hat um das Leben eines Kindes, das getötet werden sollte; wenn sie bedroht wurde; wenn in unmittelbarer Nähe eine Schießerei ausbrach und sie trotzdem nicht wegrannte. "Da haben sie gemerkt, dass ich mein Leben für sie riskiere, dass ich etwas für sie tue, was ihre eigene Mutter nicht getan hat." Sie ist, wie sie sagt, die Einzige, die genau weiß, welchem Kind welches Kleidungsstück gehört.
Aber nicht alle bewunderten sie für ihren Einsatz. Plötzlich sah sich Flordelis dos Santos mit dem Vorwurf der Kindesentführung konfrontiert. Das Jugendamt verfolgte sie. "Dabei habe ich doch nichts getan, ich war einfach nur Mutter", sagt sie. Sie versteckte sich mit der ganzen Kinderschar in einer Favela, wurde entdeckt und tauchte wieder unter.
Schließlich halfen ihr Kinderschutz-Organisationen bei der Legalisierung der Adoptionen und griffen ihr finanziell unter die Arme. Immerhin verkocht sie für die 44 Kinder - sechs sind inzwischen erwachsen und leben woanders - jeden Monat 180 Kilo Reis und 60 Kilo Bohnen. Die Miete für das Haus mit den neun Schlafzimmern bezahlen zwei Unternehmer. Und nachdem dos Santos 2003 bei der Star-Moderatorin Xuxa im Fernsehen war, begann sich auch die brasilianische Glamour-Welt für sie zu interessieren. So kam es, dass in dem Film die nationalen Telenovela-Stars gleich im Dutzend mitspielen.
Im Alltag der Großfamilie geht es wenig glamourös zu. Sie lebt in São Gonzalo, einer ärmlichen Gemeinde im Umland von Rio de Janeiro. Und hier steht auch die Kirche. Chef und "Pastor" der Religionsgemeinschaft ist Flordelis´ Mann Anderson, ein Bankangestellter. Wie viele christlichen Kirchengemeinden Brasiliens gehört auch die Gemeinde des kinderfreundlichen Ehepaars zu den "Evangélicos". Viele dieser Gemeinden stehen den Lutheranern oder den Freikirchen nahe, so auch die Flordelis-Kirche mit ihren über 1000 Anhängern. Das Herzstück christlicher Doktrin - die Erlösung des Menschen durch das Opfer des Gottessohnes - wird durch konkrete Lebenshilfe ersetzt. Auch das Kreuz fehlt im "Ministério Flordelis". An der Wand über der Kirchenbühne steht nur geschrieben: "Gott hält den Strudel auf, der dich ergreift - bei Krankheit, Lastern, Ehekrise, bei fehlgeschlagenen Projekten und finanzieller Krise". Dass Vertrauen in Gott zum Erfolg führt, belegt Pastor Anderson in einer furiosen Predigt - mit seinem eigenen Beispiel. Danach nimmt ein Gehilfe die gelben Geld-Umschläge entgegen, segnet die Spender.
Sind die Mutter-Rolle und die Flordelis-Kirche möglicherweise ein Geschäftsmodell? Flordelis dos Santos verneint: "Wir haben damals den Raum für Mütter und Kinder geschaffen, so entstand die Kirche." Außerdem, sagt sie: Publicity muss heutzutage sein. Deshalb kommt der Film, der ihren Namen trägt, zwar als Dokumentarfilm daher. Aber nur sie spielt sich selber. Ihre Kinder werden von brasilianischen Telenovela-Stars dargestellt. Bald wird sie in die USA reisen, um den Film in Boston, New York und auf der Prominenten-Insel Martha´s Vineyard vorzustellen. "Damit erreichen wir ein ganz anderes Publikum", sagt sie unumwunden.
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